Von Fabian de Hair
23. April 2009 Der sieben Jahre alte Lukas streckt seinen Arm aus und öffnet seine Faust. Hier, Frau Hendrich, den schenke ich Ihnen, einer meiner besten. Ein neongrüner Gogo kommt zum Vorschein, und Lukas fängt an zu strahlen. Die Klassenlehrerin weiß um den Wert des Geschenks. Für die meisten Erwachsenen ist es zwar nur eine Plastikfigur, doch für Lukas die Welt. Seine Begeisterung teilt der Siebenjährige mit seinen Mitschülern aus der Klasse 2c. Seit Wochen grassiert an der Dahlmannschule im Ostend, wie in den meisten Frankfurter Grundschulen und Kindergärten, das Gogo-Fieber.
Die Plastikmonster sind grell-bunt, in etwa so groß wie eine Fingerkuppe und tragen Phantasienamen wie Onikaso und Jampa-Jampa. Am Kiosk kostet eine Packung mit vier Kreaturen 1,50 Euro, außerdem gibt es dort Alben zu kaufen, in die man Gogo-Bilder kleben kann. Eine Zahl auf dem Rücken der Figur gibt ihren Typ und ihren Seltenheitsgrad an. In zugehörigen Säckchen können sie gesammelt werden, aber das ist nicht der einzige Verwendungszweck. Ähnlich wie früher Murmeln dienen die Plastikmonster zum Zocken. Damit haben sie den Wrestling Chipz, die noch vor einigen Monaten im Trend lagen, den Rang abgelaufen.
Der Gewinner kassiert die Figuren seiner Gegner
Zwar sind die Spielregeln Vereinbarungssache, doch gibt es zwei Standardvarianten. Eine besteht darin, die Gogos in einem Abstand von etwa 30 Zentimetern in gegenüberstehenden Reihen aufzustellen. Durch abwechselndes Schnicken wird nun versucht, die Figuren des Gegners umzuwerfen. Die umgefallenen Gogos dürfen dann in die eigene Reihe gestellt werden. Wenn man keine Figuren mehr besitzt, ist das Spiel verloren.
Bei der zweiten Variante können mehrere Kinder mit jeweils einer Figur teilnehmen. Die Gogos werden aus einem abgesprochenen Abstand gegen eine Wand geworfen. Der Gewinner des Spiels ist derjenige, der seine Figur am nächsten an der Wand plaziert hat. Diese zwei häufigsten Spielvarianten unterscheiden sich zwar im Ablauf, aber nicht im Resultat: Der Verlierer ist nach dem Reglement gezwungen, dem Gewinner seine Figuren zu überlassen.
Das könne auch schon mal zum Streit führen, sagt der Zweitklässler Bennet: Manche betrügen beim Spielen. Und, fügt sein Klassenkamerad Lukas empört hinzu, es gebe auch Kinder, die in den Pausen ihren Mitschülern Gogos stehlen.
In der Gogo-Welt können Kinder Glück und Unglück verarbeiten
Wegen ihres Konfliktpotentials sind die Plastikmonster in einigen Schulen und Kindertagesstätten schon verboten. Julia Hendrich, Klassenlehrerin der 2c, gewinnt dem Phänomen aber auch positive Seiten ab. Das Spiel und die Figuren brächten wertvolle Erfahrungen mit sich. So könnten die Schüler lernen, selbst Lösungen für ihre Konflikte zu finden. Außerdem dienten die kleinen Monster dazu, eine Phantasiewelt aufzubauen, in der die Kinder ihre Alltagserlebnisse, ihr Glück oder Unglück verarbeiten könnten.
Obwohl Streitigkeiten manchmal eskalieren, hält es Hendrich weder für möglich noch für erstrebenswert, Gogos komplett aus dem Schulalltag zu verbannen. Besser sei es, die Figuren sinnvoll in den Unterricht einzubinden. Wie sie sagt, lernen die Schüler ihrer Klasse momentan, kurze Geschichten zu schreiben. Zur Hilfe und zum leichteren Einstieg dienten Stichwörter, die im Verlauf des Textes erscheinen sollen. Einmal habe sie Skateboard, Flugzeug und Gogo als Begriffe vorgegeben. Daraus seien wunderbare Kurzgeschichten entstanden, die sich rund um die Welt der Plastikmonster rankten.
Ein Zweitklässler dachte sich Folgendes aus: Ein Aliengogo besucht seine Verwandten auf dem Planeten Gogo. Er fliegt mit dem Flugzeug, während ihm auffällt, dass er sein Skateboard zu Hause vergessen hat. Als er endlich angekommen ist, wird er von Gangstergogos überfallen. Glücklicherweise kommen ihm die Polizeigogos zur Hilfe und befreien ihn aus der misslichen Lage. Nun endlich kann er frohen Mutes seine Familie besuchen und den Mars besichtigen.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: Hersteller