30. Mai 2006 Wer sich zum ersten Mal intensiver mit den Aktienmärkten beschäftigt, kommt bald zu dem Schluß, es handele sich um nahezu perfekt effiziente Märkte, auf denen die Preise nach fundamentalen und technischen Gegebenheiten nachvollziehbaren Mustern folgen.
Seitenlange Aktienanalysen, die bis ins kleinste Detail auch noch der Schraubengröße des Bürocomputers der Chefsekretärin eine entscheidende Bedeutung für den Umsatz beimessen, charttechnische Studien, die in einem für Laien unverständlichen Kauderwelsch die Kursbewegungen auf zehn Jahre im Vorhinein bestimmen - all das verleitet womöglich dazu zu glauben, die Börse sie beherrschbar.
Prognosen sind nur für große Werte verläßlich
Praktisch weiß jeder, daß dem nicht so ist. Und zwar vor allem deswegen, weil nicht die Tatsache an sich entscheidend ist, sondern deren Bewertung. Und das nicht durch den Anleger selbst, sondern relevant ist die durchschnittliche Meinung der Anleger, und zwar auch noch derjenigen Gruppe, die dann auch aktiv handelt. Das muß noch nicht einmal der durchschnittlichen Meinung entsprechen.
Ähnliches gilt für Chartsignale. Deren Konsequenzen mögen theoretisch eindeutig sein, aber nur wenn sie auch befolgt werden, treten sie auch ein. Dabei gilt, daß je liquider ein Wert ist, desto eher die theoretisch prognostizierte Entwicklung auch eintritt. Hier gilt einfach die statistische Erfahrung, daß je größer die Grundgesamtheit ist, das tatsächliche Ergebnis immer mehr dem vorhergesagten Erwartungswert entspricht, der im Grunde nicht viel mehr als der Durchschnitt ist.
Umgekehrt bedeutet dies, daß je illiquider ein Wert ist, er desto erratischer zu reagieren vermag, weil die aufgrund der subjektiven Risikoneigung eines einzelnen Anlegers zustande kommende individuelle Entscheidung, das Gesamtergebnis um so leichter verzerren kann.
Fehler verzerren die Kurse
Auch Fehler im rationalen Verhalten spielen eine um so größere Rolle. Ein britischer Broker bekam eines Tages kurz vor Handelsschluß noch eine Order auf den Tisch, gab sie rasch ins System, weil er nach Hause wollte, um dann entsetzt festzustellen, daß er Kauf und Verkauf vertauscht hatte. Leider war die Börse geschlossen und es nicht mehr möglich, das Geschäft rückabzuwickeln.
Auch Verständnisfehler zeigen sich: Der Kurs reagiert, da werden die News schon kommen ist eine in Internet-Börsenforen oft geäußerte Ansicht. Das gilt höchstens dann, wenn der Wert liquide ist. Faszinierendes Beispiel dafür, was passiert, wenn Anlegern nur auf Chartsignale trauen, ist die Aktie des insolventen Büromittelherstellers Mauser-Waldeck, die mittlerweile ohne jeden fundamentalen Grund auf 27,50 Euro geklettert ist.
Noch nicht einmal ein Gerücht gibt es. Dabei sind es diese, die die Kurse wirklich bewegen. Der Finanzwirtschaftler Friedrich Thießen hat den Einfluß von Gerüchten auf die Kurse einmal ausführlich untersucht. Dabei kam er zu dem Ergebnis, daß im Mittel die Umsätze an Tagen mit Gerüchten um 67 Prozent höher sind als in den 30 Handelstagen davor.
Seltene Gerüchte gelten als glaubwürdiger
Dabei kam er zu verschiedenen interessanten Erkenntnissen. So kommt es häufiger zu kleineren Volumenerhöhungen als zu erwarten wäre. Das zeigt, wie empfänglich Börsianer dafür sind und daß sie im Zweifelsfall dabei sein möchten und ihr Risiko eher über eine geringere Menge limitieren. Das spiegelt auch die Tatsache wieder, daß es enorme Ausreißer bis zum Neunfachen des üblichen Handelsvolumens gibt.
Bei weniger liquiden Werten ist die relative Volumensteigerung doppelt so hoch, dafür treten Gerüchte weniger oft auf. Das dürfte daran liegen, daß Gerüchte um einen Wert dann glaubhafter erscheinen, je weniger sich diese häufen. Daher ist dann die Risikobereitschaft größer, weil sie für wahrscheinlicher gehalten werden. Oft funktioniert auch die Pressearbeit des Unternehmens nicht so reibungslos, so daß Dementis weniger schnell erfolgen. Nur wenige Mittelständler verfolgen systematisch die Presse, noch weniger das Marktgeflüster.
Wer sich von Gerüchten unabhängig machen will, weil er auf eine längerfristige Anlagestrategie setzt, kommt dennoch nicht umhin, auch Gerüchten Aufmerksamkeit zu schenken, will er nicht auch böse Überraschungen erleben. Denn was als Gerücht beginnt, kann oft als Tatsache enden, wie die bloße Behauptung von Liquiditätsproblemen genau diese hervorrufen kann. Oder aber ein Gerücht wird erst spät bestätigt. Bis dahin sind die Kurse im Keller und keine Käufer mehr im Markt.
Schwere Nachprüfbarkeit ist beliebt
Denn auch für die Kursbewegungen gilt, daß nicht vornehmlich die Tatsachen die Kurse bestimmen, sondern deren durchschnittliche Bewertung. Ist dann eine Aktie erst einmal im Keller, führen charttechnische Argumentationen bisweilen dazu, daß sie dort bleibt. Und auch hier gilt: je illiquider der Wert und je kleiner das dahinter stehende Unternehmen, um so schwerer ist es für dieses, unzutreffende Gerüchte nachhaltig aus der Welt zu schaffen.
Deswegen sind auch Konkurs-Aktien für Kursmanipulationen so beliebt. Die Wiederbelebung eines Börsenmantels scheint zunächst einmal per se glaubhaft. Auf der anderen Seite gibt es keine leicht zugängliche Anlaufstelle, bei der Informationen überprüft werden können. Meist bleibt der Interessent im Dunkeln, während das Übernahmeziel virtuell ist und nichts dazu sagen kann.
Bescheid weiß häufig nur der Konkursverwalter, der aber nicht zu Auskünften verpflichtet ist. Und je länger das Konkursverfahren dauert, desto schwerer ist es, überhaupt den Konkursverwalter ausfindig zu machen. Im Falle Mauser-Waldeck ist der ursprüngliche Mehrheitsaktionär auch noch eine ausländische Kaufhauskette, wodurch Verständigungsprobleme weiter verhindern, Licht ins Dunkel zu bringen.
Zu den beliebten Standardgerüchten, die laut Thießen beinahe täglich in allen Marktsegmenten auftauchen gehört auch, daß irgendein Unbekannter irgendein Kursniveau verteidigen oder erreichen will. Dessen Sitz wanderte in den vergangenen Jahren von Rußland über Arabien nach China und wird in einigen Jahren womöglich in Indien oder gar auf Vanatu sein.
Profis müssen reagieren
Auf Gerüchte müssen professionelle Anleger reagieren - indes tun sie das nicht blind. Selbst wenn eine Nachricht noch so vage oder unglaubwürdig ist - die eigene Ansicht ist nicht das Wesentliche. Viele Profis haben deshalb eine Strategie entwickelt, wie sie auf ein Gerücht reagieren. Thießen nennt das die Vier-Fragen-Probe: Glaube ich das Gerücht? Glauben die anderen Marktteilnehmer das Gerücht? Wohin geht der Kurs und welcher Kurs geht wohin? Der wievielte bin ich in der Informationskette?
Wichtigstes Indiz ist die Kursbewegung. Reagiert dieser nicht, so mag das Gerücht noch so wahr sein - es ist einfach nicht kursrelevant, weil es nicht geglaubt wird. Der Kurs sagt dabei nicht nur etwas über die Glaubwürdigkeit des Gerüchts aus. Je heftiger er reagiert, desto glaubwürdiger scheint es.
Wichtig ist aber auch hier wieder die Liquidität: Wie viele Transaktionen wurden getätigt? Ein illiquider Wert reagiert heftig auch auf kleine Einzeltransaktionen. Ebenso wichtig ist aber auch die Dauer der Reaktion. Denn sie zeigt an, an welchem Platz in der Informationskette der Anleger sitzt. Je weiter hinten sich der Investor einreiht, desto höher ist sein Risiko, zu teuer zu kaufen oder zu billig zu verkaufen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: FAZ.NET, picture-alliance/ dpa/dpaweb
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Performance-Index21.12.2009 13:50 |
305,77 | 297,80 | 283,22 |
Euro-Aktien-Index21.12.2009 13:50 |
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