Strategie

USA: Anleger ignorieren die Wachstumsschwäche

11. Oktober 2007 Die Kreditkrise, die in den vergangenen Wochen an den internationalen Finanzmärkten für Turbulenzen gesorgt hatte, scheint inzwischen bei den meisten Anlegern inzwischen wieder vergessen zu sein.

Am Devisenmarkt dominieren längst wieder die so genannten Carry Trades, die Währungen mit hohen Zinsen oder in den Staaten mit hohen Renditen an den Börsen nach oben treiben, während jene mit tiefen Zinsen, sie so genannten Refinanzierungswährungen, nach unten getrieben werden im Sinne einer Abwertung.

Diese Entwicklung lässt sich an den Kursgewinnen der türkischen Lira, des ungarischen Forint und anderen ebenso ablesen, wie an der Schwäche des Yen gegen den Euro oder an der Rekordschwäche des Schweizer Frankens gegen die europäische Einheitswährung.

USA: „United States of Denial“

An den Börsen zeigen die Trends insbesondere an den Schwellenländerbörsen steil nach oben, Rekordkurse feiert jedoch auch die Wall Street. Es vergeht kaum ein Tag, an dem der Dow Jones Industrial nicht ein neues Hoch markieren würde. Am Donnerstag werden im frühen Handel die leichten Kursverluste des Vortages locker aufgeholt. Mit 14.162 Zählern liegt der Index unmittelbar am Rekordhoch.

Die Märkte werden gegenwärtig getrieben von der Entscheidung der amerikanischen Zentralbank vor wenigen Tagen, den Leitzins überraschend und überraschend stark zu senken. Viele Marktteilnehmer gehen davon aus, dass weitere Zinssenkungen folgen werden. Diese Tatsache werden dazu führen, dass die gegenwärtig schwächelnde amerikanische Konjunktur bald wieder Tritt fassen und bei den Unternehmen des Landes zu steigenden Umsätzen und Gewinnen führen werde, lautet die hoffnungsvolle Logik.

In diesem optimistischen Umfeld tendieren die Anleger dazu, allen hereinkommenden Unternehmenszahlen einen möglichst positiven Dreh' zu geben, obwohl das sich ergebende Gesamtbild keineswegs konsistent ist. Die Analysten von Lombard Street Research reden zum Beispiel mit Blick auf die Vereinigten Staaten und der boomenden Wall Street von den „United States of Denial“.

Also von den Vereinigten Staaten, die die wahre Lage nicht wahrhaben wollten. Könnten die Wirtschaftsdaten tatsächlich positiv betrachtet werden, so befände sich die amerikanische Konjunktur aus Sicht der unkritischen Kommentatoren in einem „Boom“. Seien die Daten dagegen schlecht, so seien sie ebenfalls positiv für die Finanzmärkte, „weil die amerikanische Zentralbank ja den Leitzins weiter nach unten schrauben werde“, beschreiben sie das, was die spekulativen Anleger gegenwärtig umtreibt.

Konjunkturzahlen fallen schwach aus

Grundsätzlich sei es jedoch schwierig zu sehen, wie man die Konjunktur- und Unternehmenszahlen tatsächlich positiv interpretieren könne. Denn der amerikanische Arbeitsmarkt entwickle sich tatsächlich schwach und lasse allenfalls ein Wirtschaftswachstum zwischen Null und einem Prozent zu. Die Ertragszahlen von den Investmentbanken seien nur deswegen so gut ausgefallen, weil sie die kritische Phase der Kreditkrise überhaupt noch nicht beinhalteten.

Und der amerikanische Häusermarkt sei anhaltend schwach. Angesichts der Überbestände und der hohen Preise werde es Jahre dauern, bis sich dieser Bereich wieder werde normalisieren können. Das heißt, dieser Sektor dämpft in Verbindung mit allen damit zusammenhängenden Branchen die konjunkturellen Aussichten für längere Zeit. Um den Wachstumstrend der vergangenen Jahre wieder aufnehmen zu können, müsste die Binnennachfrage um 105 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zunehmen. Es frage sich nur, wo diese Nachfrage herkommen solle.

In diesem Sinne mag es für Anleger zwar reizvoll sein, sich weiter oder wieder an den boomenden Börsen zu engagieren. Allerdings dürfte es ratsam sein, dabei die Entwicklung genau zu verfolgen und vor allem auch Absicherungsstrategien zu implementieren. Denn das amerikanische Wachstum dürfte auf absehbare Zeit unterdurchschnittlich ausfallen und die letzten Konsequenzen der Kreditkrise dürften sich in den Unternehmensbilanzen - vor allem auch bei den Banken - noch nicht in ihrer vollen Dimension niedergeschlagen haben.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: Bloomberg
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET, Lombard Street Research, UBS Investment Research

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