Zertifikate in der Krise

Nicht so sicher wie gedacht

Von Nadine Oberhuber

31. Januar 2008 Wer die Sicherheit liebt, und das tun deutsche Anleger ganz ohne Zweifel, für den seien Zertifikate die optimale Form der Geldanlage - so warben die Banken gern. Mit ihnen könne jeder Kunde sein individuelles Sicherheitsniveau festlegen und sogar noch von fallenden Kursen profitieren. Das hat auch ganz gut funktioniert - bis zur Woche des großen Kurssturzes.

Denn jene Woche war die mit Abstand turbulenteste für Zertifikatebesitzer bisher. An der Stuttgarter Börse, dem größten Handelsplatz für Privatanleger, konnten sie ihre Papiere streckenweise nicht verkaufen, weil die Banken technische Probleme meldeten. So sahen Anleger hilflos zu, wie die Kurse fielen und Produkte zudem reihenweise die Sicherungsschranken nach unten durchbrachen oder Knockout-Papiere wertlos verfielen.

Bei Bewährungsprobe durchgefallen

Die Kursstürze an den Börsen haben die Zertifikate auf die erste echte Bewährungsprobe gestellt. Viele sind durchgefallen. Und einige Anleger mussten einsehen: So sicher und gewinnbringend wie versprochen sind die Papiere längst nicht, im Gegenteil. Mit den vermeintlich sicheren Papieren erleiden sie oft genauso herbe Verluste wie mit Aktien auch. Und viele stellen wohl fest, dass sie die Konstruktion vieler Produkte bisher falsch verstanden haben.

In den Portfolios der Anleger finden sich diese Wertpapiere trotzdem zuhauf. Fast jeder zehnte Depotinhaber besitzt Zertifikate. Der deutsche Markt ist im abgelaufenen Jahr erneut gewachsen, auf inzwischen 142 Milliarden Euro. Das ist noch wenig im Vergleich zum absoluten Fondsvolumen, doch immer mehr Käufer schichteten gerade 2007 von Fonds in Zertifikate um, vor allem wegen der drohenden Abgeltungssteuer.

Der Renner aus Kundensicht sind Garantiezertifikate, die inzwischen ein Drittel des Derivatemarktes ausmachen. Sie garantieren dem Kunden, dass er sein eingesetztes Kapital beim Verkauf zurückbekommt. Käufer, die sich auf diesen Handel eingelassen haben, konnten die Kursstürze vergangene Woche gelassen sehen. Dafür haben sie aber auch keine allzu großen Gewinne zu erwarten, falls die Kurse wieder anziehen sollten. Denn für die Sicherheit der Garantieprodukte nehmen sie auch größere Renditeabschläge in Kauf. Aufregend war der jüngste Börsencrash jedoch für die übrigen Zertifikatebesitzer.

Große Puffer bevorzugt

Die Hälfte der Papiere in ihren Depots sind Bonus- (oder Teilschutz-), Discount- oder Expresszertifikate, und bei denen sind die Käufer sehr wohl von den Kursbewegungen abhängig: Bei Discountzertifikaten kauft der Kunde ein Papier zu einem ermäßigten Preis und kann es später zum jeweiligen Kurs der Aktie, die dahinter steht, wieder verkaufen. Fällt ein Kurs stärker, als der Discount hoch war - meist beträgt der Anfangsabstand 20 bis 30 Prozent -, erleidet der Käufer Verluste.

Bei Bonuspapieren wiederum hat der Anleger die Chance auf eine Bonuszahlung am Ende der Laufzeit, sofern der Kurs der zugrunde liegenden Aktie eine bestimmte Sicherungsschwelle zu keiner Zeit nach unten durchbricht. Hier können die Kunden beim Kauf selbst entscheiden, ob sie ein Produkt wählen, bei dem ein 15prozentiger Kurssturz abgefedert ist, das dafür aber eine höhere Rendite verspricht, wenn diese Schwelle nicht berührt wird. Oder ob sie sich lieber 30 Prozent Puffer genehmigen, was dann eine erheblich kleinere Rendite bedeutet.

Im Schnitt, so errechnete das Deutsche Derivate Institut (DDI), wählen Anleger 30 Prozent Puffer. Anlegerschützer raten auch zu so üppigen Puffern. Nur in weniger guten Börsenjahren reicht dieser Abstand nicht.

Beruhigungsversuche

2008 ist ein weniger gutes Jahr. Die beliebtesten Indizes verloren seit Jahresbeginn rund 20 Prozent. Einzelaktien, vor allem aus dem Finanzsektor, auch 40 Prozent und mehr. Schon jetzt durchbrachen viele Papiere die Barrieren. „Das sind ja auch keine Crashzertifikate - für solche Börsenphasen sind die einfach nicht gemacht“, stellt Lars Brandauer klar, Geschäftsführer des Derivate-Forums.

Im Januar haben laut Börse Stuttgart mehr als 10.000 Bonuszertifikate ihre Schwellen gerissen, davon alleine 6000 in der Crash-Woche. Das ist jedes fünfte gelistete Papier. Erste Emittenten ermittelten für ihre Produkte, dass ein Drittel aller Bonuszertifikate auf Einzelaktien bereits die Sicherheitsschwelle durchstoßen habe. Andere Banken bestätigen das nach ersten Schätzungen.

Allerdings, so beruhigen viele, stecke darin weniger Volumen, als man meinen könnte. Die Kunden hätten nämlich den überwiegenden Teil ihres Geldes - zwischen 80 und 90 Prozent - in Bonuszertifikate auf Indizes angelegt. Von denen durchbrachen an der Börse Stuttgart immerhin 500 die Puffer, sagt Uwe Velten. Bisher.

Kaum Luft nach unten

Sollten die Börsen in Europa, Asien oder Amerika einen weiteren Dämpfer erhalten, wovon Marktbeobachter ausgehen, sind auch die Schwellen dieser Zertifikate bald geknackt. Denn Luft nach unten bleibt kaum noch. „Das heißt nicht, dass die Anleger ihr Geld verlieren“, sagt Zertifikateexperte Dirk Heß von Goldman Sachs. Nur aus den versprochenen Bonuszahlungen wird eben nichts. Am Ende gleicht das Zertifikat damit einem Direktinvestment in Aktien, nur ohne Dividendenzahlung. Außer Spesen ist dann nichts gewesen.

Es ist Vorsicht geboten, denn die Banken umwerben Kunden schon mit brandneuen Produkten: mit Discount- und Bonuspapieren, sogar auf Bankentitel. Bei den derzeitigen Preisen und den Puffern nach unten könnten Kunden jetzt angeblich absolut sichergehen, sagen sie.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 27.01.2008, Nr. 4 / Seite 49
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET

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