17. August 2004 Rohstoffexperten unterschätzen die Stärke des Ölpreises schon seit sechs Jahren relativ deutlich. Von 1999 bis 2003 lag der jahresdurchschnittliche Ölpreis um 25 bis 35 Prozent höher als die jeweilige Konsensschätzung der Rohstoffanalysten zu Jahresbeginn. In diesem Jahr dürfte die Fehleinschätzung noch größere Ausmaße annehmen.
Noch Anfang Januar hatten die monatlich von Reuters befragten Rohstoffexperten damit gerechnet, daß der Ölpreis für die Nordseesorte Brent 2004 bei durchschnittlich 24,71 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) landen würde, wobei nicht ein Analyst einen steigenden Ölpreis vorhersagte.
Systematische Fehleinschätzungen
Doch es kam wieder einmal ganz anders. Für den bisherigen Jahresverlauf errechnet sich ein Durchschnittspreis von gut 34 Dollar je Barrel. Und wenn sich der Ölpreis auf dem aktuellen Niveau von mehr als 40 Dollar stabilisieren würde, läge der Durchschnitt des Jahres 2004 sogar bei 37 Dollar und damit um nahezu 50 Prozent über der Konsensschätzung, rechnet Michael Lewis, Rohstoffexperte der Deutschen Bank, vor.
Lewis erklärt die hohe Fehlerquote seiner Analystenkollegen damit, daß sie die "neue Weltordnung" auf dem Ölmarkt verkennen würden. Diese sei von immer häufigeren negativen Angebotsschocks und positiven Nachfrageschocks gekennzeichnet.
Anders formuliert: Die Produktionsreserven werden systematisch überschätzt, die Nachfrageentwicklung systematisch unterschätzt. Lewis glaubt denn auch, daß der Ölpreis sein Hoch in diesem Zyklus noch nicht gesehen hat - vorausgesetzt, die amerikanische Wirtschaft gleite im nächsten Jahr nicht in eine Rezession ab.
Siebte Unterschätzung in Folge?
Demgegenüber ist das Gros der Analysten weiterhin davon überzeugt, daß viel Spekulation und wenig Nachhaltigkeit im derzeitigen Ölpreis stecken. Die Konsensschätzung für das Jahr 2005 stellt sich nach der jüngsten Reuters-Umfrage auf knapp 29 Dollar je Barrel. Der Preis würde demnach im nächsten Jahr nur mehr einen Dollar über dem Durchschnittswert dieses Jahrzehnts liegen.
Laut Lewis sieht es somit ganz so aus, als ob die Ölexperten die Stärke des Ölpreises zum siebten Mal in Folge unterschätzen würden. Selbst aus den Terminkontrakten für Lieferung von Rohöl im Jahr 2005 errechne sich derzeit ein jahresdurchschnittlicher Preis von rund 37 Dollar je Barrel.
Die Relevanz der Analystenschätzungen ist freilich nicht zu unterschätzen. Denn ihre Ölpreisprognosen sind in den Investmentbanken Grundlage für die Gewinnschätzungen der Branchenanalysten. In der Tat hält sich die Euphorie der großen Wertpapierhäuser über die weiteren Kurschancen der Ölaktien stark in Grenzen.
Ölaktien meiden?
Die Investmentbank Morgan Stanley hat ihrer Klientel sogar unlängst geraten, die Aktien der Ölkonzerne nicht mehr überzugewichten. Morgan Stanley rechnet für 2005 nur mehr mit einem Ölpreis von durchschnittlich 27 Dollar je Barrel. Ölaktien tendierten zu einer unterdurchschnittlichen Kursentwicklung, wenn der Ölpreis beim Einstieg oberhalb von 20 Dollar liege, sagt Analyst Ben Funnell.
In den vergangenen zwölf Monaten, in denen der Ölpreis um 50 Prozent gestiegen ist, war dies freilich anders. Im Durchschnitt gewannen die Aktien der großen europäischen und amerikanischen Ölkonzerne 20 Prozent an Wert und entwickelten sich damit deutlich besser als der Gesamtmarkt. Auch in den vergangenen Wochen haben sich Ölaktien gegen den allgemeinen Markttrend zumindest behauptet.
Text: dri., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 18.08.2004, Nr. 191 / Seite 17
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