05. Mai 2008 Wenn Hreidar Mar Sigurdsson aus seinem Büro schaut, sieht er den Hafen von Reykjavik, die sanften Wellen des Nordatlantiks und die schneebedeckten Berge um die isländische Hauptstadt. Ein Szenario, das Ruhe ausstrahlt. Und eines, das den Vorstandsvorsitzenden der größten Bank Islands, der Kaupthing Bank, geprägt hat. Der junge Mann, Jahrgang 1970, wirkt nicht wie eine Bedrohung für die ganze Insel. Obwohl manche ihn dafür halten.
In wenigen Jahren - die großen isländischen Banken wurden erst 2003 privatisiert - hat Sigurdsson mit seinen ehemaligen Klassenkameraden (sowohl der Chefvolkswirt als auch der Kommunikationschef drückten mit ihm die Schulbank) eine international präsente Bank aufgebaut. Er hat die niedrigen Zinsen nach dem Platzen der New-Economy-Blase genutzt, um günstig an Kapital zu kommen, und hat damit nicht nur die größte Bank Islands, sondern auch noch die drittgrößte Dänemarks und einen wesentlichen Spieler in Großbritannien, Skandinavien und Luxemburg aufgebaut. Seit März ist Kaupthing auch in Deutschland aktiv und will dort sein Geschäft forcieren.
Eine Bedrohung für Island?

Klassenkameraden im Besprechungsraum: Hreidar Mar Sigurdsson, Chef der Kaupthing-Bank, und sein Chef-Volkswirt Asgeir Jonsson
Was bisher eine gefeierte Erfolgsgeschichte war, soll nun plötzlich die gesamte isländische Volkswirtschaft bedrohen. Der Grund: Kaupthing ist sehr groß geworden, Island aber blieb unverändert klein. Die Vermögenswerte von Kaupthing werden auf 6,3 Billionen isländische Kronen (53 Milliarden Euro) beziffert, das Bruttoinlandsprodukt der Insel mit 320.000 Einwohnern lag im Jahr 2007 aber nur bei knapp mehr als 10 Milliarden Euro. Der Börsenwert von Kaupthing macht mit knapp 6 Milliarden Euro fast die Hälfte des Börsenwertes aller in Island notierten Aktiengesellschaften aus, zusammen mit den Banken Glitnir und Landsbanki sind es sogar 80 Prozent. Kippt eine der Banken, so die Befürchtungen, bricht das gesamte Finanzsystem auf Island zusammen.
Den Kaupthing-Chef ficht das nicht an. Er sitzt in seiner gläsernen Zentrale am Atlantik, isländisch bescheiden nur vier Stockwerke hoch, und ruht in sich selbst. Die internationale Bankenkrise macht das Geschäft für alle schwerer, auch für Kaupthing, unser Geschäftsmodell wackelt aber kein bisschen. Er betont mehrmals, wie vorsichtig seine Bank vorgeht, wie stark die Liquiditätsposition ist und wie gut die Geschäfte laufen.
Rating-Agenturen senken die Bonitätsnoten
Andernorts ist die Unruhe größer. Die Rating-Agenturen haben die Bonitätseinstufung für die isländischen Banken gesenkt. Zwar liegt Kaupthing immer noch im Investment Grade-Bereich, der für ausgezeichnete Qualität steht. Aber an den internationalen Finanzmärkten müssen die isländischen Banken mittlerweile ein Vielfaches mehr zur Absicherung ihrer ausstehenden Kredite zahlen als noch vor Beginn der Kreditkrise im Sommer. Und die Agenturen haben auch das Rating für Island als Staat gesenkt. Die Argumentation: Sollte eine Bank illiquide werden, kann der Staat nicht wirklich helfen und gerät mit ins Schleudern.
In der Zentralbank wird dies nicht bestritten. Arnor Sighvatsson, ein Mann in mittleren Jahren und seines Zeichens Chefvolkswirt der isländischen Zentralbank, ist anzumerken, dass ihm die ganze Situation Sorgen bereitet. Als Retter in letzter Not könne die Zentralbank jedenfalls nicht einspringen, denn die Banken sind vor allem in fremden Währungsräumen aktiv. Unsere Rolle als lender of last resort können wir angesichts der Größe der isländischen Banken nur noch eingeschränkt spielen.
Zumal die Bankenkrise die Zentralbank auch von anderer Seite mächtig unter Druck gesetzt hat. Island hat seit fünf Jahren einen ungeheuren Wirtschaftsaufschwung erlebt, finanziert jedoch durch enorme Mittelzuflüsse aus dem Ausland. Die haben die Krone stark gehalten und die immensen Außenhandelsdefizite finanziert. 2006 betrug das Handelsbilanzdefizit 25 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 2007 immer noch 16 Prozent - eine Spitzenposition unter Industrieländern.
Der Fall der Währung belastet
Nun gibt es die Kreditkrise, und das Geld der internationalen Investoren sitzt nicht mehr so locker. Die Risikoneigung sinkt, und angesichts der Zweifel an der Stabilität des isländischen Finanzsektors werden Investitionen in die Wirtschaft im hohen Norden gemieden. Die isländische Krone hat seit dem Sommer kräftig an Wert verloren. Mussten im Juli 2007 vor Ausbruch der Finanzkrise nur gut 80 Kronen für einen Euro gezahlt werden, so sind es im April mehr als 120 Kronen gewesen. Da Island aber enorm importabhängig ist, muss nun mit schwacher Währung auf den internationalen Märkten eingekauft werden.
Für einen VW Golf, der im Sommer noch gut 2 Millionen Kronen gekostet hat, müssen nun plötzlich fast 3 Millionen Kronen gezahlt werden. Die Inflation ist sprunghaft gestiegen. Im April erreichte sie nach jüngsten Daten die vorläufige Rekordmarke von fast 12 Prozent. Erste Protestzüge insbesondere gegen hohe Benzinpreise ziehen durch Reykjaviks Straßen.
Zentralbanker Sighvatsson hat wenige hundert Meter von der Kaupthing-Zentrale entfernt denselben Meerblick wie Bankchef Sigurdsson. Anders als für den Banker braut sich für den Währungshüter draußen auf hoher See aber schon viel eher ein bedrohlicher Sturm zusammen. Bis auf 15,5 Prozent hat die Zentralbank ihren Leitzins mittlerweile angehoben, weit höher als alle anderen europäischen Zentralbanken. Ein Effekt ist bisher nicht zu erkennen. Die Krone hat ihren Fall gestoppt, wehrt sich Sighvatsson gegen den Vorwurf der Machtlosigkeit. Und die Inflation werde sich demnächst auch wieder beruhigen.
Der Euro brächte viele Vorteile
Die Politik der Zentralbank ist ein heißdiskutiertes Thema hier in Reykjavik, sagt Thordur Fridjonsson, Präsident der isländischen Börse (ICEX). Sie hat viel zu lange dem Wirtschaftsboom zugeschaut, ohne die damit verbundenen Risiken entsprechend zu würdigen. Nach seiner Ansicht hätten die Zinsen viel früher erhöht werden müssen. Die Krone sei nunmehr eine Währung, die wegen ihrer heftigen Schwankungen bei internationalen Investoren unbeliebt sei. Ob man stattdessen besser den Euro einführen sollte? Für die Wirtschaft wäre es sicherlich von Vorteil, sagt der Börsenchef. Damit wäre aber auch ein Beitritt zur Europäischen Union verbunden, und den hält auf der einsam gelegenen Vulkaninsel im Atlantik derzeit niemand für realistisch.
Wir werden den Aktiengesellschaften an unserer Börse aber von Herbst an anbieten, sich in Euro notieren zu lassen, sagt Sighvatsson. Auch die Kaupthing-Bank hat reagiert. Längst macht sie ohnehin die Mehrzahl ihrer Geschäfte nicht mehr in isländischen Kronen. Vom kommenden Januar an wird zudem die gesamte Rechnungslegung auf Euro umgestellt.
Die Regierung gibt den Hedge-Fonds die Schuld
Die isländische Regierung weist jegliche Schuld an der misslichen Situation von sich. Sie hat Hedge-Fonds als Ursache allen Übels ausgemacht. Die würden mit ihren wilden Spekulationen auf Kosten Islands Profit machen. Beweise gibt es dafür keine. Vorstellbar ist es schon, da in einer kleinen Volkswirtschaft mit vergleichsweise wenig Kapital die Märkte leicht bewegt werden können.
An solchen Diskussionen will sich der Kaupthing-Chef nicht beteiligen. Er bereitet sich derweil auf die Vorstellung der Quartalszahlen vor. Mitarbeiter, interessierte Isländer, Analysten und Journalisten nehmen neben der Eingangshalle der Bankzentrale in einem Auditorium Platz, das an Universitätszeiten erinnert. Mehrere hundert Zuhörer sind gekommen, um zu erfahren, ob Kaupthing wirklich zu kippen droht und damit zu einem Vulkanausbruch der ganz anderen Art auf der Insel beiträgt. Ganz unten am Pult des abgedunkelten Raumes steht Sigurdsson und erklärt sachlich die Bilanzzahlen, gibt derweil noch Übernahmegespräche mit einer kleineren isländischen Bank bekannt und antwortet ruhig auf kritische Fragen.
Am Ende sind alle erleichtert: Der Gewinn ist zwar leicht geschrumpft, liegt mit umgerechnet 184 Millionen Euro aber immer noch auf gutem Niveau. Engagements in Subprime-Kredite sind keine bekannt geworden, und die Liquiditätslage wird mehrfach als sehr stark bezeichnet. Der Aktienkurs steigt daraufhin, die Krone erholt sich, und die Mitarbeiter atmen auf - als Kaupthing-Beschäftigte wie auch als Isländer. Vulkanausbrüche in der Natur sind die Isländer gewöhnt, im Finanzsektor jedoch nicht. Wie es aussieht, dürfte es fürs Erste bei einem Grummeln bleiben.
Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z./Tobias Schmitt
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