Zertifikate

DWS bietet neue Vietnam-Wette

Billige Arbeitskräfte locken Investoren an

Billige Arbeitskräfte locken Investoren an

20. Dezember 2006 Mehr als 800 Punkte - wieder ein neuer Rekord an Vietnams Aktienmarkt. Am Dienstag schloß der Ho-Chi-Minh-Stock-Index bei 809,86 Zählern. Zu Jahresbeginn stand der Index noch bei gut 300 Punkten.

Für deutsche Anleger war es lange Zeit nicht ganz einfach, an dieser Hausse zu partizipieren, doch das hat sich inzwischen geändert. Vor kurzem hat die Landesbank Berlin ein Indexzertifikat auf den „Vietnam Opportunity Index“ begeben (Isin DE000LBB1XG8). Die Deutsche Bank zog mit einem „Vietnam Top Select Basket“-Themenzertifikat nach (Isin DE000DB6GSC5).

Jetzt bringt DWS Go, die neue Zertifikateplattform der Deutsche-Bank-Fondstochter, das erste gemanagte Produkt auf den Markt: das „Vietnam Total Return Index Zertifikat“. Am Mittwoch lag das Papier gegen Mittag 2,4 Prozent im Plus bei 52,33 Euro (Isin DE000DWS0GB2).

WTO-Beitritt im Januar

Für das Management des Index ist ein Komitee unter Vorsitz von Thomas Gerhardt verantwortlich, der das Portfoliomanagement der Asien- und Schwellenländerfonds der DWS verantwortet. Die Dividenden werden reinvestiert, dafür fällt aber eine Managementgebühr von 1,5 Prozent im Jahr an.

Größter Wert ist anfänglich mit einer Gewichtung von 23 Prozent Vietnam Dairy Products. „Das führende Unternehmen für Milch- und Molkereiprodukte in Vietnam wird zukünftig auch Bier- und Kaffeeprodukte vertreiben und so noch mehr am riesigen Konsumpotential im Einzelhandel teilhaben können“, schreiben die Zertifikatemacher. „Mit HCM (Ho Chi Minh) City Infrastructure erschließt sich der Index den boomenden Immobilienmarkt“, heißt es weiter. Dieser Wert, momentan der sechsgrößte im Index, macht derzeit sechs Prozent des Volumens aus.

Für ein Investment sprechen nach Meinung der Deutschen Bank unter anderem das durchschnittliche Wachstum von jährlich 7,4 Prozent in den vergangenen zehn Jahren, die junge Bevölkerung, die hohe Alphabetisierungsrate, der Beitritt zur Welthandelsorganisation (WTO) im Januar und die niedrigen Produktions- und Lohnkosten. Daß Vietnam eine Wette wert ist, hatte FAZ.NET schon vor mehr als einem Jahr ausführlich dargelegt (FAZ.NET-Spezial: Börse Vietnam - ein verheißungsvoller Markt).

Zahl der Armen innerhalb einer Dekade halbiert

Die Chancen auf weiter steigende Kurse scheinen nicht schlecht zu stehen, schließlich stimmen die Rahmendaten. Das Ministerium für Planung und Investitionen geht in seiner Prognose für den Fünfjahresplan 2006 bis 2010 von einem Wirtschaftswachstum von 7,5 bis 8 Prozent jährlich aus - es dürfte die höchste Wachstumsrate Ostasiens nach Wachstumsweltmeister China werden. In diesem Jahr ist die Industrieproduktion bis einschließlich Oktober um knapp 17 Prozent gestiegen. Während der Staatssektor in den ersten zehn Monaten um neun Prozent wuchs, legte die Privatwirtschaft um 22 Prozent zu.

Der Alphabetisierungsgrad Vietnams liegt mit gut 90 Prozent hoch. Die demographischen Daten sind vielversprechender als in Nordostasien. Und die Zahl von Telefon-, Mobilfunk- und Internetanschlüssen steigt so rasch wie sonst nirgends in der Region - wenn auch ausgehend von einer kleinen Basis.

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) pro Kopf hat seit 1990 um 75 Prozentpunkte zugelegt, der Anteil der Armen hat sich innerhalb einer Dekade auf 30 Prozent halbiert. „Vietnam ist einer der letzten Märkte Asiens, die übersehen wurden und über die es nicht genug Datenmaterial gibt - aber das ändert sich nun“, sagt Michael Preiss, Investitionsberater bei der HSBC Private Bank und Direktor des Asian Bond Market Forum.

Vergleich mit China drängt sich auf

Plakativer umschreibt Spencer White von Merrill Lynch seinen Bericht zur Lage des Landes: „From Bicycles to BMW“ - vom Fahrrad zur Luxuslimousine. „Es stimmt: Keines der Versprechen Vietnams ist neu. Schon vor zehn Jahren sah es ausgesprochen vielversprechend aus. In den vergangenen fünf Jahren aber gab es rasante Änderungen in der Volkswirtschaft und der Regierungspolitik, die zu konstantem Wachstum von 7 bis 8 Prozent führen. Noch überzeugender wirken auf uns die ziemlich dramatischen Änderungen, die wir in den vergangenen zwölf Monaten beobachtet haben“, sagt White.

Wer sich Vietnams Entwicklung anschaut, läßt sich sofort zu einem Vergleich mit seinem riesigen Nachbarn im Norden, der Volksrepublik China hinreißen. Er paßt nicht nur in bezug auf die hohe Wachstumsrate während der Transformation. Auch Vietnam zieht mehr und mehr Investoren aus dem Ausland an, verfügt über billige Arbeitskräfte und reizvolle Rohstoffreserven, sieht sich gezwungen, überhitzte Bereiche der Volkswirtschaft im Zaum zu halten.

Wie sein Gegenüber in China kämpft auch der seit Ende Juni amtierende vietnamesische Ministerpräsident Nguyen Tan Dung mit der grassierenden Korruption. Und wie China wird auch Vietnam nach der Aufnahme in die WTO lange damit zu schaffen haben, seine Verpflichtungen einzuhalten. Für den Beitritt aber sprechen die Erfahrungen aus dem im Dezember 2001 geschlossenen Handelsabkommen mit Amerika: In den beiden Folgejahren hat sich das bilaterale Handelsvolumen jeweils verdoppelt.

Vielversprechende Chancen, hohe Risiken

Aus dem ehemaligen Kriegsgegner ist heute der größte Abnehmer vietnamesischer Waren geworden. Doch auch andere fragen mehr und mehr nach. So stieg der Handel mit Deutschland im ersten Halbjahr um 25 Prozent. Schuh- und Bekleidungshersteller, von den Einfuhrquoten für chinesische Produkte in die Europäische Union betroffen, suchen in Vietnam einen günstigen Ausweichstandort.

Zugleich steigt die Kaufkraft, wenn auch nicht schnell genug. Wie immer in Schwellenländern profitieren zunächst die Immobilienbesitzer: In den vergangenen vier Jahren zog der Wert von guten Lagen in den Hauptstädten um 1.000 Prozent an. Der Stromverbrauch legt von Jahr zu Jahr um mehr als 15 Prozent zu, die Häfen arbeiten an der Kapazitätsgrenze. 60 neue Kraftwerke sollen bis 2020 entstehen, drei neue Tiefwasserhäfen werden im Süden gebaut.

So vielversprechend die Chancen klingen, so hoch bleibt das Risiko. Vietnam steht in etwa dort, wo China vor zehn Jahren stand, heißt eine einfache Formel in Analystenkreisen. Damit meinen sie, daß es noch offen ist, wie geschickt die Regierung den Transformationsprozeß lenkt. Der Weg ist weit und übersät mit Schlaglöchern. So steigen rund um die Wirtschaftsmetropole Ho-Chi-Minh-Stadt (Saigon) die Löhne rapide, die Textilfabriken jagen sich Arbeitnehmer schon im Tagesrhythmus ab. Die Produktivität freilich bleibt gering, ebenso wie die Wertschöpfung in einem Markt, der noch von Agrar- und Fischereiprodukten sowie der Schuh- und Textilindustrie bestimmt ist. Knapp 60 Prozent der Vietnamesen arbeiten in der Landwirtschaft. Doch trägt sie nur noch gut 20 Prozent zum BIP bei.

Regierung steht vor wichtigen Aufgaben

Noch hat der Staat auch in wirtschaftlichen Belangen das Sagen, zumal die Staatsbetriebe mit einem Anteil von rund 40 Prozent an der gesamtwirtschaftlichen Leistung weiterhin dominieren. Bislang hat die Regierung rund 2.000 Staatskonzerne privatisiert, etwa ein Drittel ihrer Gesamtzahl. Die Mammutaufgabe - die, was kaum zu glauben ist, bis 2010 abgeschlossen sein soll - liegt aber noch vor ihr. Denn die State Securities Commission (SSC) geht davon aus, daß die bislang privatisierten Unternehmen gerade einmal acht Prozent des Gesamtkapitals aller registrierten Unternehmen ausmachen. Zwar dürfen Ausländer generell 100 Prozent an Firmen halten. Sobald diese börsennotiert sind, sinkt dieses Besitzrecht jedoch auf 49 Prozent. Privatbesitz von Grund und Boden ist gänzlich untersagt.

Die Regierung - auch hier eine Parallele zum China vor einigen Jahren - muß sich fünf Aufgaben widmen: der Entwicklung des Privatsektors, dem Gewinnen von Auslandsinvestoren, der Privatisierung der Staatsunternehmen, dem Beitritt zur WTO und dem Ausbau der Infrastruktur.

Während sie aber den Wohlstand im Lande fördert, muß sie darauf achten, daß dessen Verteilung nicht allzu ungerecht wird. Schon jetzt liegt ein großes Gefälle nicht nur zwischen Stadt und Land, sondern auch zwischen Nord und Süd: Die zehn Millionen Menschen, die um die Kapitale Hanoi im Norden leben, erwirtschaften pro Kopf nur einen Exportwert von gerade einmal 50 Dollar im Monat. Im florierenden Süden hingegen, wo fünf Millionen Menschen im Umkreis von Ho-Chi-Minh-Stadt leben, kommen sie bereits auf einen durchschnittlichen Ausfuhrwert von 785 Dollar.

Nichts für nervöse Anleger

Zu den genannten Risiken kommt ein weiteres: Der Markt Vietnam wurde erst im Jahr 2000 für privates Kapital geöffnet und sei regulatorisch und markttechnisch noch immer unterentwickelt, betonen Schweizer Banken laut einem Bericht der Neuen Zürcher Zeitung vom Sonntag. Vertreter der Zürcher Kantonalbank sagten dem Blatt, daß durch den Anleger-Run, ausgelöst durch zahlreiche Medienberichte über Vietnam, „die angebotenen Produkte hohe Prämien zu ihrem fairen Wert aufweisen.“

Vielleicht ist es also wie so häufig: Wenn die Privatanleger in einen vielversprechenden Markt einsteigen, sind die Zeiten der größten Kursgewinne schon vorbei. Im Fall von Vietnam kann man den Privatanlegern keinen Vorwurf machen: Anders als institutionelle Investoren hatten sie bis vor kurzem schließlich kaum Möglichkeiten, in das Schwellenland zu investieren.

Außerdem spricht der langfristige Ausblick immer noch für ein Investment, wenn es denn stimmt, daß Vietnam in etwa dort steht, wo China vor zehn Jahren stand. Kurz- und mittelfristig sollten sich Anleger freilich auf Kurskorrekturen gefaßt machen. So verlor der Ho-Chi-Minh-Stock-Index von Ende April bis Anfang August etwa ein Drittel seines Wertes. Vietnam ist also nur nervenstarken Anlegern zu empfehlen.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @bemi mit Material von che./F.A.Z.
Bildmaterial: AP, Bloomberg, F.A.Z., FAZ.NET

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