19. Februar 2008 Mit der Einführung eines unabhängigen Zertifikate-Ratings will der Deutsche Derivate Verband (DDV) die Markttransparenz erhöhen. Der Anleger soll so die seiner Risikoneigung entsprechenden Zertifikate besser finden und einschätzen können. Der Verband, der sich in der vergangen Woche gerade neu gegründet hat, entwickelt das Ratingsystem in Zusammenarbeit mit Hochschulen.
Die Ratings sollen von einer bankenunabhängigen Gesellschaft ermittelt werden. Alle Details des Konzepts sollen noch im ersten Halbjahr vorgestellt werden, die Einstufung der Zertifikate noch in diesem Jahr beginnen.
Geplantes Rating orientiert sich an verschiedenen Kriterien ...
In einem ersten Schritt müssen die Anleger ihre Risikoneigung einstufen, in fünf Risikostufen von sicherheitsorientiert bis spekulativ. Innerhalb seiner Risikoneigung soll dem Anleger dann mittels eines Bewertungssystems die Beurteilung der Zertifikate erleichtert werden. Für die Produkte sollen Sterne vergeben werden, wobei fünf Sterne die Bestnote sind. Die Bewertung der Zertifikate erfolgt anhand verschiedener Kriterien. Eines davon soll die Handelbarkeit der Produkte sein. In den jüngsten Kursturbulenzen hatten zahlreiche Anleger vergebens versucht, ihre Zertifikate zu verkaufen, die Emittenten stellten mitunter über Stunden keine Kurse. Ein weiteres Kriterium zur Einstufung der Zertifikate soll die Bonität der Emittenten sein. Zertifikate sind Schuldverschreibungen und daher im Falle der Insolvenz des Emittenten nicht geschützt. Ein Blick auf die Bonität des Emittenten kann daher vor manch böser Überraschung bewahren.
Ebenfalls in die Bewertung eingehen soll die Aufklärung des Emittenten über seine Produkte. Eine klare und verständliche Erklärung der Funktionsweise des Zertifikats und seiner Chancen und Risiken gibt Pluspunkte. Anhand der Gesamtbenotung und der Einstufung der einzelnen Aspekte soll der Anleger so besser beurteilen können, ob das Zertifikat seinen Vorstellungen entspricht. Der Verband reagiert mit dem Rating auf immer wieder geäußerte Kritik von Anlegerschützern an der mangelnden Transparenz der Zertifikate. Die mitunter sehr komplizierte Strukturierung der Produkte sei nicht nachvollziehbar. Daher müsse der Anleger bei der Preisstellung dem Emittenten blind vertrauen und wisse nicht, was für Kosten das Zertifikat enthält. Der Kunde kann überhaupt nicht nachprüfen, ob er fair behandelt wird, und eine neutrale Stelle, die es für ihn tut, gibt es auch nicht, bemängelte die Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger jüngst in ihrem Schwarzbuch Börse.
... und soll vor allem dem Marketing dienen
Der Derivate Verband lehnt eine gesetzliche Regulierung jedoch ab. Staatliche Regulierung bedeutet immer auch zusätzlichen Aufwand und damit Kosten, die letztlich zu Lasten der Anleger gehen, sagt Hartmut Knüppel, geschäftsführender Vorstand des DDV im Gespräch mit dieser Zeitung. Mit der Selbstverpflichtung der Emittenten im Derivate-Kodex und künftig dem Zertifikate-Rating zeigt die Branche, dass sie sich selbst regulieren kann. Der Wettbewerb unter den Emittenten sorge zudem dafür, dass die Anleger fair behandelt würden. Der Zertifikatemarkt ist der einzige Bereich der Finanzindustrie, in dem Deutschland weltweit die Nase vorn hat, sagt Knüppel. Das sollte der Gesetzgeber nicht durch bürokratische Hürden aufs Spiel setzen. So sei es gerade die Stärke der Branche, schnell neue Themen aufgreifen und für Anleger investierbar zu machen.
In den vergangenen Jahren ist die Zahl der Anlagezertifikate, der Aktienanleihen, der Optionsscheine und der Knock-Out-Papiere drastisch angestiegen. An der Börse Stuttgart werden mittlerweile mehr als 300.000 Produkte gehandelt. Zum Jahresende waren es noch rund 250.000, vor zehn Jahren gerade einmal 4.400. Das Anlagevolumen kletterte auf 135 Milliarden Euro. Der Zertifikatemarkt wird nur dann zweistellig wachsen, wenn wir neue Anlegerkreise dafür gewinnen, sagt Knüppel. Das Zertifikate-Rating ist ein wichtiger Meilenstein auf dem Weg dorthin. So bekomme der Anleger eine Orientierung, die es ihm erleichtert, die für ihn geeigneten Zertifikate auszuwählen. Außerdem ist das Rating ein Qualitätsmaßstab und macht die Produktlandschaft übersichtlicher. Neben dem Zertifikate-Rating sollen auch Schulungsprogramme für Kundenberater dazu beitragen dass der Anleger nur Produkte kauft, die er auch versteht und die für ihn geeignet sind.
Kommentar: Ein richtiger Schritt
Text: F.A.Z., 20.02.2008, Nr. 43 / Seite 21
Bildmaterial: F.A.Z.