28. November 2007 Nach mehreren Wochen mit zum Teil deutlichen Kursverlusten und anhaltender Volatilität an den internationalen Börsen kommt es am Mittwoch zumindest in Europa und an der Wall Street zu einer deutlichen Kurserholung. Der Dax liegt am Nachmittag mit einem Plus von 1,67 Prozent bei 7.658 Zählern und der S&P 500 Index legte 1,3 Prozent zu, nachdem er schon am Dienstag 1,5 Prozent gewonnen hatte.
Die deutlichsten Kursgewinne verbuchen manche der Immobilien- und Finanzwerte, die in den vergangenen Monaten aufgrund der Liquiditäts- und Kreditkrise deutlich unter Druck gestanden hatten. So verbuchen Werte die UBS in der Schweiz am Mittwoch Kursgewinne von bis zu sieben Prozent, die Aktie der Commerzbank legt mehr als fünf Prozent zu und die Anteilsscheine von Fannie Mae und Freddie Mac verzeichnen Kursgewinne von mehr als zehn Prozent.
Ist das Schlimmste der Immobilien- und Kreditkrise vorbei?
Die Aktien der Großbank Citigroup steigen im frühen amerikanischen Handel um 7,7 Prozent auf 32,65 Dollar, nachdem sie in den vergangenen Monaten bis zu 47 Prozent ihres Wertes verloren hatten. Neben der Spekulation auf fallende Leitzinsen in den Vereinigten Staaten und der möglichen Ausgliederung schlechter Kredite in eine Auffanggesellschaft dürfte der Einstieg der Abu Dhabi Investment Authority (ADIA) eine Rolle spielen. Sie lässt im Markt die Hoffnung aufkommen, das Schlimmste der Immobilien- und Kreditkrise könnte vorbei sein. Die Optimisten gehen davon aus, dass die Aktienmärkte auf dieser Basis einen Boden bilden und in den kommenden Wochen wieder nach oben laufen könnten.
Allerdings sind die Bedingungen des Einstiegs schon interessant. Denn ADIA hat quasi eine Art Wandelanleihe erworben, die nicht nur einen satten Kupon von elf Prozent pro Jahr abwirft, sondern die auch die mögliche Wandlung der Papiere zu einem marktnahen Kurs vorsieht. Ein Unternehmen, das solche Bedingungen eingeht, dürfte allerdings eher mit dem Rücke zur Wand stehen, als auf gesunden Füßen. Neuerdings werden auch noch Gerüchte über eine mögliche Fusion mit Banc fo America herumgereicht. Beides zusammen zeigt, dass der Markt gegenwärtig eher von wilden Spekulationen als von fundamentalen Überlegungen getrieben wird.
Selbst am Devisenmarkt scheint die Tendenz der vergangenen Wochen abgenommen zu haben, Risikopositionen zu reduzieren. Das zeigt sich daran, dass der Yen wieder deutlich schwächelt. Gegen den Dollar ist er im Wert um knapp drei Prozent von 107,23 auf zuletzt 110,21 Yen gefallen, auch gegen den Euro befindet er sich kurzfristig wieder deutlich in der Defensive. Solche Schlüsselbewegungen zeigen, dass auch hier zumindest kurzfristig der Risikoappetit wieder eine tragende Rolle spielt.
Wie weit er tragen wird, dürfte sich erst noch zeigen müssen. Immerhin fielen die amerikanischen Konjunkturdaten am Mittwoch alles andere als positiv aus: Die Anzahl der Hypothekenanträge ist im November um 4,3 Prozent gefallen, der Auftragseingang langlebiger Wirtschaftsgüter ging im Oktober um 0,4 Prozent zurück und auch die Anzahl der wieder verkauften Häuser ist weiterhin rückläufig und befindet sich auf dem tiefsten Stand seit acht Jahren. Zusammen mit den fallenden Immobilienpreisen deutet das darauf hin, dass die amerikanische Immobilienkrise noch längst nicht vorbei ist.
Markt für Gewerbeimmobilien ist die nächste dicke Blase, die kurz dem Platzen ist
Ganz im Gegenteil. Denn der Markt für Gewerbeimmobilien ist die nächste dicke Blase, die kurz dem Platzen ist, sagte Christian Stracke, Analyst bei CreditSights in London der Nachrichtenagentur Bloomberg. Es gibt da einen ziemlich giftigen Mix an Faktoren. Diese Einschätzung zeige sich auch darin, dass sich die Preise für Derivate, mit denen sich Anleger gegen Zahlungsausfälle bei den am höchsten benoteten immobilienbesicherten Anleihen absichern können, im vergangenen Monat mehr als verdoppelt haben, heißt es.
Am Markt für Gewerbeimmobilien, der auf ein Volumen von 10,7 Billionen Dollar kommt, seien teilweise die selben Praktiken zu finden, die auch dem privaten Wohnungsmarkt zu schaffen machen, ergab eine jährliche Umfrage des Wirtschaftsprüfers PricewaterhouseCoopers und des Urban Land Institute in Washington.
Auf Basis solcher Fakten ist kaum zu glauben, dass die Kreditkrise schon abgeschlossen ist. Denn Finanzunternehmen und indirekt viele Anleger dürften noch große Bestände an Wertpapieren in ihren Depots haben, die aufgrund der fallenden Immobilienpreise immer weniger Wert werden. Das heißt, es der Reigen der Megaabschreibungen dürfte noch nicht abgeschlossen sein. Das ist jedoch nicht alles. Denn da viele dieser Unternehmen ähnlich wie HSBC solche Positionen mit eigenem Kapital dürften unterlegen müssen, kann eine Änderung der Geschäftsmodelle notwendig werden. So fragt sich, ob die Gewinnerwartungen der Anleger noch werden erfüllt werden können. So sehen die Aktien der Finanzwerte gegenwärtig möglicherweise nur optisch günstig aus.
Das gilt nicht nur für die Finanzwerte, sondern auch für andere Unternehmen. Denn die Kreditkrise dürfte das Wachstum in den Vereinigten Staaten anhaltend schwächen und zu entsprechenden Bremsspuren bei der Weltkonjunktur führen. Immerhin macht sich im Europa längst der überteuerte Euro schon negativ bemerkbar. Letztlich dürften sich die asiatischen Exportstaaten davon kaum abkoppeln können. In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, die gegenwärtig Erholung an den Börsen nicht zu hoch zu hängen. Sie wird mir einiger Wahrscheinlichkeit technisch getrieben von Aktienrückkäufen - immerhin waren Aktien wie die der Citigroup in den vergangenen Wochen in Spekulation auf fallende Kurse stark leer verkauft worden, zum anderen dürften manche Fondsmanager schon auf das Jahresende spekulieren und ihre Performance optisch attraktiv gestalten wollen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: Bank of America, Dallas FED, FAZ.NET, Freddie Mac, BEA, FED, Dallas FED, Freddie Mac,S&P/Case-Shiller, Dallas FED, MBA, Dallas FED, NAR, CB, Dallas FED, NAR, Dallas FED
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