Markttechnik - amerikanische Aktien

Aktien: Die letzte Abwärtswelle der Baisse?

Von Mark Arbeter

11. September 2008 Am 4. September ging der Aktienmarkt gehörig in die Knie, und es scheint, dass wir uns letztlich vor einem Test der Mitte Juli markierten Tiefs befinden. Interessanterweise wurde die jüngste Schwäche von den Überfliegern der letzten Hausse angeführt (den Rohstoffaktien), bei denen es sich just um jene Sektoren handelte, die sich in der Frühphase der Baisse am besten behaupten konnten. Wenn während eines Bärenmarktes schließlich auch die führenden Sektoren unter die Räder kommen, signalisiert dies häufig die letzte Abwärtsphase des Aktienmarktes.

Die schwächsten Sektoren und die Sektoren, die während des Rückgangs zu Beginn der Baisse an vorderster Front marschierten (Finanzdienstleistungen und Dauerhafte Konsumgüter), schlagen sich bis dato vergleichsweise gut und haben bis zu ihren Mitte Juli ausgebildeten Tiefs noch einen weiten Weg zurückzulegen. Es mag sich derzeit zwar nicht so anfühlen, doch diese kleine relative Outperformance und Stabilisierung der Finanz- und Konsumgüteraktien könnte ein Zeichen dafür sein, dass die jüngste Abwärtswelle nach ihrem Abschluss die letzte der Baisse gewesen sein könnte.

Technische Verkaufssignale & starke Widerstände im Falle einer Rally

Die im S&P-500 zwischen 1.260 und 1.270 Punkten angesiedelte kurzfristige Chartunterstützung wurde am 4. September nach unten durchbrochen, als der Index um drei Prozent einbrach und damit den seit Anfang Juni stärksten Kursrückgang an einem Tag verzeichnete. Der S&P-500 näherte sich daraufhin der wichtigen Chartunterstützung aus dem Schlusstief vom 15. Juli bei 1.215 Zählern und dem Tagestief bei 1.200 Punkten. Anschließend fiel der Index unter die von uns beobachteten maßgeblichen kurz- und mittelfristigen gleitenden Durchschnittswerte, zu denen die exponentiell gleitenden 20-, 50- und 65-Tage-Durchschnitte zählen. Die von uns in der vergangenen Woche beleuchteten Systeme der Kreuzungen in den Verläufen der längerfristigen exponentiell gleitenden Durchschnitte generieren nach wie vor eindeutige Verkaufssignale. Mit Blick nach oben befindet sich der nächste Chartwiderstand zwischen 1.260 und 1.270 Zählern. Im Gebiet zwischen 1.270 und 1.290 Punkten kommen gleich mehrere gleitende Durchschnitte in Sichtweite, die bei einer Rally als Widerstand fungieren könnten.

Viele Anleger dürften sich die Frage stellen, wohin die Reise bei einem Durchbruch des S&P-500 unter die Mitte Juli erreichten Tiefs gehen würde. Bei 1.170 Punkten sehen wir ein auf den Oktober 2005 zurückgehendes Pivot-Tief, das exakt mit einem 50-prozentigen Retracement der gesamten Hausse zusammenfällt und als nächstes wichtiges Fibonacci-Unterstützungsniveau dient. Unter diesem potentiellen Unterstützungsbereich kommt zwischen 1.063 und 1.150 Punkten eine Chartformation mit einer aus dem Jahr 2004 stammenden stark ausgeprägten Seitwärtsbewegung ins Spiel. Bei 1.078 Zählern, und damit genau in dieser zweiten Chartunterstützungszone, verläuft auch das 61,8-prozentige Retracement der Hausse.

Der Nasdaq Composite Index, der sich bis vor kurzem noch genau oberhalb der Juli-Tiefs halten konnte, drehte ebenfalls südwärts, wobei er durch zahlreiche kurz- bis mittelfristige Unterstützungen sackte. Der Index fiel unter seinen einfachen 50-Tage-Durchschnitt, den exponentiell gleitenden 50-Tage-Durchschnitt und den einfachen 80-Tage-Durchschnitt. Am 5. September lief der Nasdaq in der Tagesspitze sehr nah an einige wichtige Chartunterstützungsbereiche heran, die während der Ausbildung der März- und Juli-Tiefs entstanden. Im März lag das Schlusstief der Baisse bei 2.169 Zählern, das Tagestief bei 2.155 Punkten. Im Juli verlief das Schlusstief bei 2.213 Zählern, das Tagestief bei 2.167 Punkten. Am 5. September lag das Tagestief bei 2.217 Zählern und damit nicht weit von diesen potentiellen Unterstützungsniveaus entfernt.

Keine Panik erkennbar

Während der S&P-500 und der Nasdaq Composite ihre Juli-Tiefs testeten, befanden sich die ETFs auf den Sektorindex Finanzdienstleistungen (XLF) und auf den Sektorindex Dauerhafte Konsumgüter (XLY) des S&P-500 weiterhin deutlich über ihren jeweiligen Baisse-Tiefs. Dies ist zwar eine interessante Entwicklung, jedoch kein Grund für übermäßige Euphorie, waren doch die Rallys dieser beiden Sektoren ausgehend von ihren Tiefs Mitte Juli deutlich stärker als jene des S&P-500 oder des Nasdaq - sie müssen also auch sehr viel stärker fallen, bevor sie diese Tiefs ausloten. Bemerkenswert ist allerdings, dass sich die Sektoren, die sich während der Baisse am schlechtesten entwickelten, nicht länger an der Spitze der Abwärtsbewegung laufen. Wie wir und viele andere Marktbeobachter bereits erwähnt haben, bedarf es einer Stabilisierung des Finanz- und des Konsumgütersektors, bevor wir einen langfristigen Boden des gesamten Aktienmarktes sehen werden.

Angesichts der Intensität des Rückgangs am 4. September waren wir enttäuscht und ein wenig schockiert, dass in den Put/Call-Ratios an der Chicagoer Optionsbörse (CBOE) keine Panikniveaus ablesbar waren. Das auf alle Optionen bezogene Put/Call-Ratio betrug 1,08, das rein auf Aktienoptionen bezogene Put/Call-Ratio 0,77. In einigen schwachen Marktphasen der jüngeren Vergangenheit überstieg das auf alle Optionen bezogene Put/Call-Ratio auf Tagesbasis den Wert von 1,3, während das rein auf Aktienoptionen bezogene Put/Call-Ratio auf über 1,0 kletterte. Kräftige Marktrückgänge lösen sehr oft starke und von Panik getriebene Reaktionen an den Optionsmärkten aus, nicht jedoch am 4. September. Nach unserer Ansicht reichen diese Niveaus nicht aus, um ein Ende der Abwärtsbewegung einläuten zu können.

Die internen Marktdaten sind weiterhin allgemein schwach und es zeigt sich ein deutliches Muster von Verkaufsaktivitäten auf Seiten der institutionellen Investoren. Wenn sich der Markt nach unten entwickelt, steigt das Handelsvolumen, was in unseren Augen nicht als bullisches Signal zu werten ist. Liegen diese Muster nah genug beieinander, führen diese häufig eine Abwärtswelle des Marktes an. Der 10-Tage-Durchschnitt des Volumens steigender Aktien dividiert durch das Volumen fallender Aktien an der Technologiebörse Nasdaq hat bereits die während der letzten Abwärtswelle beobachteten Höchststände überschritten, was darauf hindeutet, dass das Volumen der Verkäufe höher ist als beim letzten Rückgang. Als positiv könnte sich erweisen, dass die Zahl der neuen Tiefs an der New Yorker Börse und an der Nasdaq weit von den Niveaus entfernt ist, die wir im Juli, März oder Januar sahen.

Der Preis für Rohöl hatte eine weitere schwere Woche hinter sich und ging mit 106,50 Dollar je Fass aus dem Handel, während er am Ende der Vorwoche (29. August) noch bei 115,46 Dollar geschlossen hatte. Der Rohölpreis ist zuletzt in eine Chartunterstützungszone zwischen 100 und 110 Dollar gefallen. Hier dürfte er sich nach unserer Einschätzung eine gewisse Zeit lang halten, bevor er zum Abstieg in den zweistelligen Bereich aufbricht. Der exponentiell gleitende 65-Wochen-Durchschnitt befindet sich bei 104 Dollar und diente in der Vergangenheit als Unterstützung. Das tägliche Momentum ist nach wie vor überverkauft, während der 14-Wochen-RSI (Relative-Stärke-Index) auf etwa 40 - und damit auf den tiefsten Stand seit Anfang 2007 - gesunken ist. Die Stimmung gegenüber dem Ölpreis ist von ihren einst übermäßig optimistischen Niveaus mittlerweile weit entfernt, was als potentiell bullisches Zeichen zu werten ist und für uns den Schluss nahe legt, dass ein Großteil der Spekulation aus dem Ölmarkt geschwemmt wurde.

Mark Arbeter ist Charttechniker und technischer Chefstratege bei Standard & Poor's.



Text: Business Week Online
Bildmaterial: FAZ.NET

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