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Fonds & Zertifikate

Besitzer von Lehman-Zertifikaten wollen klagen

Dem ersten Schock ist nun eine rege Protestwelle gefolgt. Die Besitzer von Zertifikaten von Lehman Brothers, denen der Totalverlust ihres Kapitals droht, suchen nach Mitteln und Wegen, doch noch an ihr Geld zu kommen.

Bleiben Zertifikateinhaber auf ihren Forderungen sitzen?Bleiben Zertifikateinhaber auf ihren Forderungen sitzen?

02. Oktober 2008 

Dem ersten Schock ist nun eine rege Protestwelle gefolgt. Die Besitzer von Zertifikaten von Lehman Brothers, denen nach der Insolvenz des Emittenten der Totalverlust ihres Kapitals droht, suchen nach Mitteln und Wegen, doch noch an ihr Geld zu kommen. Die Beschwerden bei Banken und Anlegerschützern häufen sich. Erste Klagen wegen Falschberatung werden angestrebt.

Seit Bekanntwerden der Insolvenz vor gut zwei Wochen sind die etwas mehr als 100 Zertifikate des Emittenten Lehman Brothers vom Handel ausgesetzt. Der weitere Fortgang der Ereignisse ist nach wie vor unklar. Im schlimmsten Fall werden die Lehman-Zertifikate wertlos. Nach Angaben von Lehman Brothers sei nicht abzusehen, wann es zu Entscheidungen kommt und wie diese ausfallen könnten. Es gibt bisher keine Anzeichen, dass eine andere Bank die Zertifikate übernimmt und weiterführt.

Keine Anzeichen, dass eine andere Bank die Zertifikate übernimmt und weiterführt

Derweil sind bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) mehr als 1.000 Anrufe von empörten Anlegern eingegangen. Vielen war zunächst gar nicht bewusst, dass ihr Vermögen direkt von den Geschehnissen um die amerikanische Investmentbank betroffen ist. Außerdem wurden die meisten kalt von der Tatsache erwischt, dass im Insolvenzfall des Emittenten Zertifikate als Inhaberschuldverschreibung im Gegensatz zu Fonds, Aktien und Einlagegeldern nicht geschützt sind. „Wir sind von der Stärke des Ansturms überrascht und über zahlreiche Einzelschicksale geradezu schockiert", sagt Marco Cabras von der DSW. Viele Anleger hätten Geld, das zur Altersvorsorge vorgesehen war, komplett auf eine Karte gesetzt, nämlich auf Zertifikate von Lehman. „Da geht es oft um Summen von mehreren zehntausend Euro", sagt Cabras. Betroffen seien Kunden von den meisten Banken und aus dem gesamten Bundesgebiet.

Gegen die Dresdner Bank gibt es nun konkrete Vorwürfe. Nach einem internen Schreiben als Unterstützung für die Berater zum Emittentenrisiko bei Zertifikaten wurde die Lage bei Lehman Brothers wenige Tage vor der Insolvenz als kritisch eingestuft. Eine Warnung an die Anleger, dass bei der Insolvenz des Emittenten der Totalausfall ihrer Zertifikate drohe, blieb gleichwohl aus. Der Bremer Anwalt Jan-Henning Ahrens von der KWAG Kanzlei für Wirtschafts- und Anlagerecht vertritt bereits mehr als ein Dutzend klagewillige Anleger und will in dieser Sache gegen die Dresdner Bank vorgehen. Das Bankhaus verweist darauf, dass man sich auf die immer noch relativ gute Bewertung von Lehman Brothers durch die Rating-Agenturen verlassen habe. Eine Insolvenz sei nicht absehbar gewesen.

Die ganze Bandbreite von Schicksalen im Zuge des Ausfalls der Lehman-Zertifikate lässt sich auch im Internet einsehen. Dort hat sich bereits eine Interessengemeinschaft von betroffenen Anlegern unter dem Namen www.lehman-zertifikateschaden.biz zusammengefunden. Auf der Seite finden sich auch Aufrufe von Fernsehsendern, ihr Schicksal doch bei „hart aber fair" oder „Maybrit Illner" zu erzählen. Auch gibt es vorgedruckte Briefe an Banken oder Finanzminister Peer Steinbrück (SPD). Die Wut der Anleger und der mögliche Ansatzpunkt für viele Klagen wird in einer angeblich fehlerhaften Beratung beim Verkauf der Zertifikate gesehen. Den meisten Anlegern sei nicht gesagt worden, dass der Zertifikatekäufer sein Wohl und Wehe vom Fortbestand der emittierenden Bank abhängig macht. In der Tat werben die Emittenten mit Slogans wie „100 Prozent Schutz für Ihr Geld" für die weitverbreiteten Garantiezertifikate und die Berater geben dies auch so weiter. Dass über die Hintertür der Insolvenz des Emittenten das Kapital dennoch verlorengehen kann, kommt nur im Kleingedruckten zur Sprache.

Haften die Banken wegen Fehlberatung?

„Wenn eine Rentnerin ihren Lebensabend absichern möchte, sollte ihr der Bankberater kein Produkt mit der Möglichkeit des Totalverlustes durch die Insolvenz des Emittenten verkaufen", sagt Cabras: „Hier können wir den Hebel wegen fehlerhafter Beratung ansetzen." Dass die Beweislast beim Anleger liege, mache die Sache schwerer, aber auch in der Vergangenheit habe es zahlreiche Beispiele erfolgreicher Anlegerklagen gegeben.

Anwalt Ahrens berichtet von einem Mandanten, der 160.000 Euro sehr konservativ anlegen wollte. „Ihm wurde unter anderem ein Zertifikat empfohlen, dass von der Entwicklung von drei Aktienindizes abhängt und sich im schlimmsten Fall so entwickelt wie der schwächste Index", sagt Ahrens: „Das ist, abgesehen vom nicht erwähnten Bonitätsrisiko, schon allein eine vorvertragliche Beratungspflichtverletzung."

Andere Zertifikate-Emittenten beobachten zwar nervös das Geschehen um die Zertifikate von Lehman Brothers, verweisen jedoch darauf, dass dies ein sehr kleiner Anbieter sei. Der geschätzte Marktanteil liegt bei weniger als einem Prozent und das investierte Volumen dem Vernehmen nach im zweistelligen Millionenbereich. Die Insolvenz weiterer Zertifikate-Emittenten wird mit Verweis auf deren Bonitätsnoten als sehr unwahrscheinlich dargestellt. Allerdings war bei Lehman das ausgewiesene Rating auch bis zuletzt gut. Der Deutsche Derivate Verband (DDV) warnt davor, nun alle Emittenten in Sippenhaft zu nehmen. „Wenn ein Haus zusammenstürzt, steht ja auch nicht die ganze Baubranche zur Disposition", sagt Lars Brandau, Geschäftsführer des DDV.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: dpa

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