19. August 2004 hi. FRANKFURT, 18. August. Öl ist zum beherrschenden Thema auch an den europäischen Aktienmärkten geworden. Die Börsenindizes reagieren inzwischen fast sklavisch mit Schwäche, wenn der Ölpreis auch nur geringfügig weiter anzieht. So war es auch am Mittwoch, als Öl der Sorte West Texas Intermediate (WTI) im elektronischen Handel die Rekordmarke von 47 Dollar je Barrel (rund 159 Liter) erreichte.
Die Ereignisse am Ölmarkt zwingen die Anlagestrategen jetzt immer mehr, sich mit den ökonomischen Folgen der Hausse und mit den Konsequenzen für die Aktienmärkte zu befassen. Diese Hausse ist vielerorts lange nicht als Realität wahrgenommen und schon gar nicht akzeptiert worden. Dies beweisen die Preisprognosen der meisten Fachanalysten für den Rest des Jahres und für 2005. Sie liegen weit unter den tatsächlichen Notierungen, obgleich ein Blick auf die Preisstruktur an den Terminmärkten für den Energierohstoff in New York und London mehr als deutlich erkennen läßt, daß der Markt auf Jahre hinaus ernste Versorgungsprobleme und keine Chance für eine Rückkehr zu "akzeptablen" Preisen sieht.
Technisch orientierte Analysten neigen sogar der Auffassung zu, daß die Hausse am Ölmarkt eher erst am Ende ihres Anfangs als am Anfang ihres Endes stehen könnte. Sie beziehen sich auf die jüngsten Zahlen über die offenen Positionen am Terminmarkt in New York und deren Verteilung auf die einzelnen Gruppen von Marktteilnehmern. Die Daten zeigten zweifelsfrei, daß Spekulanten keineswegs exzessiv auf der Kaufseite liegen. Jeff de Graaf von Lehman Brothers schreibt zu diesem Thema, kleine Spekulanten hätten zuletzt überwiegend in steigende Ölpreise hineinverkauft und damit Baissepositionen errichtet. Die Engagements der großen Akteure, nämlich die kommerziellen Kräfte und die spekulativen Fonds, zeigten sich hingegen indifferent. Am Terminmarkt für Rohöl könne jedenfalls nicht von einer einseitigen Spekulation auf weiter steigende Preise gesprochen werden, erklärt de Graaf. Seine Aussagen decken sich im Grundtenor mit Äußerungen von Walter Murphy (Merrill Lynch) und Phil Roberts (Barclays Capital). Eine alte Regel sagt, daß das Ende einer Hausse erst in Sicht sei, wenn sich die Spekulation einseitig auf der Kaufseite eines Marktes etabliert habe.
Man darf gespannt sein, mit welchen Erkenntnissen zum Ölpreis und dessen Folgen die vielen Strategen, die sich jetzt noch in den Ferien befinden, überraschen, wenn sie ihre Arbeit in den nächsten Wochen wiederaufgenommen haben. In zahlreichen Fällen hält die "zweite Garnitur" analytische Stallwache und wagt offenkundig keine größeren prognostischen Würfe. Es klingt jedoch die Auffassung an, daß die Hausse am Ölmarkt das ohnehin bereits gekippte Weltwirtschaftswachstum spürbar drücken werde. Dabei sei besonders bedeutsam, daß die meisten Verarbeiter und Verbraucher von Öl heute noch Preise zahlten, die vor Monaten herrschten, die volle Wirkung der aktuellen Notierungen also noch gar nicht spürten. Dies werde wohl erst nach und nach vom vierten Quartal an geschehen.
Immer häufiger heißt es, die gängigen Prognosen zu den Unternehmensergebnissen müßten wohl schon für den Rest dieses Jahres, ganz sicher aber für 2005 deutlich zurückgenommen werden. Viele, wenn nicht gar die meisten Unternehmen könnten die steigenden Kosten für Rohöl und dessen Nachprodukte nicht oder wenigstens nicht in vollem Umfang weitergeben, weil sie allenfalls begrenzt in der Lage seien, Einfluß auf ihre Absatzpreise (pricing power) zu nehmen. Daran hinderten sie Überkapazitäten und massiver Konkurrenzdruck sowie unzureichende Nachfrage nach Investitions- und Verbrauchsgütern. Folglich müßten sie die steigenden Energiekosten zu Lasten ihrer Ertragsmargen ganz oder teilweise selbst schlucken, heißt es.
Die Londoner Strategen von Dresdner Kleinwort Wasserstein (DrKW), die sich mit Blick auf die allgemeine Wirtschaftsentwicklung, die Unternehmensergebnisse und die Bewertung von Aktien fast schon notorisch sehr skeptisch äußern, halten in der gegenwärtigen Lage Engagements in Titeln von Unternehmen für angebracht, die hohe und voraussehbare sichere Dividenden zahlen. Sie weisen aber auch darauf hin, daß die Ausschüttungen zyklischen Risiken unterliegen und daher in vielen Fällen nicht gehalten, geschweige denn erhöht werden könnten. Unter den europäischen Unternehmen haben nach Angaben von DrKW in den vergangenen zwanzig Jahren ihre Dividenden verdoppelt: Vodafone, Royal Dutch, Shell T&T, Roche, L'Oreal, Electrabel, Cadbury Schweppes, BAA und Colruyt.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2004, Nr. 192 / Seite 19
Bildmaterial: F.A.Z.
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