Im Gespräch: Marc Faber

„Amerika ist ein Imperium im Niedergang“

Marc Faber hat unter Pessimisten eine treue Fangemeinde

Marc Faber hat unter Pessimisten eine treue Fangemeinde

30. Januar 2008 Die amerikanische Immobilienkrise lässt die Finanzmärkte in aller Welt seit Monaten erzittern. Der Vermögensverwalter Marc Faber hat dieses Szenario schon lange vorausgesagt.

Er rät Privatanlegern, sich für eine ganze Weile von Aktien fernhalten. Die meisten Durchschnittsbürger seien in den nächsten Jahren besser damit bedient, ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, als mit riskanten und teuren Finanzprodukten zu spekulieren.

Herr Faber, die Welt wird seit dem vergangenen Sommer von nicht enden wollenden Turbulenzen auf den Finanzmärkten durchgeschüttelt. Was kommt noch auf uns zu?

Diese Krise unterscheidet sich dramatisch von anderen Blasenbildungen an den Finanzmärkten. Die Japan-Krise Anfang der neunziger Jahre oder der Zusammenbruch der Internetblase zu Beginn dieses Jahrtausends signalisierten eine Verlangsamung des Wirtschaftswachstums. Die damaligen Krisen waren aber weitaus weniger schlimm als das, was wir jetzt erleben. Anfang des Jahrtausends haben die Anleger einfach reihenweise überbewertete Aktien aus dem Technologiesektor gekauft. Was wir in den vergangenen Jahren in Amerika gesehen haben, war hingegen ein Wirtschaftswachstum, dass mit einem weitaus rasanteren Anstieg der Verschuldung erkauft wurde. Während die amerikanische Wirtschaft in den vergangenen sieben Jahren um 4,2 Billionen Dollar gewachsen ist, stieg das Kreditvolumen um 21,3 Billionen Dollar.

Welche Folgen hat das nun?

Wir werden für eine Reihe von Jahren sehr schwierige Bedingungen an den Märkten haben. Das bedeutet nicht, dass die ganze Welt kollabiert. Aber Aktien werden meiner Ansicht nach mehrere Jahre lang unattraktiv sein. Die Kurse werden zwar nicht unbedingt drastisch einbrechen, aber sich auch nicht mehr stark nach oben bewegen. Da die Inflationsrate stark steigen wird, werden Aktien dennoch einen Wertverfall erleiden. Gold kann daher in den kommenden Jahren eine Alternative sein.

Wie stark wird der Goldpreis in den nächsten Jahren steigen?

Das hängt ganz vom amerikanischen Notenbankchef Ben Bernanke ab. Je mehr er die Zinsen senkt, desto mehr wird der Goldpreis in die Höhe schnellen. Bernanke kann den Goldpreis auch bei 10 000 Dollar haben, wenn er nur genug Dollar-Konfettis druckt. Und derzeit hat er fast gar keine andere Wahl, als Geld zu drucken.

Wieso?

Weil Amerika in eine sehr ernste Rezession hereinrutscht. Das Land ist ein Imperium im Niedergang. Daran kann auch Bernanke nichts ändern, denn die Fehler liegen in der katastrophalen Zinspolitik der amerikanischen Notenbank seit dem Jahr 2001. Damals hat die Fed die Zinsen binnen kürzester Zeit auf 1 Prozent gesenkt und diesen niedrigen Zinssatz bis Mitte 2004 belassen, obwohl sich die amerikanische Wirtschaft schon Ende 2001 wieder zu erholen begann. Das hat zu der nun geplatzten Kreditblase und einem Wirtschaftswachstum mit hoher Inflation geführt.

Und nun macht Bernanke dieselben Fehler wie sein Vorgänger Alan Greenspan, indem er die Zinsen drastisch senkt?

Nein, angesichts des Börsencrashs der vergangenen Woche war die starke Zinssenkung angemessen. Die nun geplatzte Blase wird dadurch nicht wieder aufgepumpt, aber der Abschwung der Wirtschaft kann vielleicht ein wenig abgefedert werden. Wie gesagt, ist die Wurzel des Übels in der fatalen Zinspolitik seit 2001 zu suchen. Die jetzigen Zinssenkungen werden allerdings die ohnehin schon hohe Inflation nochmals verschärfen. Amerika riskiert, in eine Stagflation wie in den siebziger Jahren zu geraten.

Aber die Inflation war doch in den vergangenen Jahren gar nicht so hoch?

Die Inflation ist wahrscheinlich viel höher, als es in den offiziellen Zahlen der Regierung dargestellt wird. Wirklich relevant ist nicht die angegebene Kerninflationsrate, welche die Energie- und Lebensmittelpreise unberücksichtigt lässt, sondern die tatsächlichen Lebenshaltungskosten der privaten Haushalte. Schon heute beträgt der Anstieg dieser Lebenshaltungskosten zwischen 5 und 7 Prozent im Jahr.

Welche Folgen haben die Zinssenkungen für den Dollar?

Der Dollar wird langfristig wertlos sein. Denn die Amerikaner haben im Prinzip nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie wollen einen starken Dollar - dann müssten sie aber die Zinsen erhöhen, was die Aktienkurse und die Immobilienpreise noch mehr belasten würde. Oder sie senken die Zinsen weiter, dann wird der Wert des Dollar noch mehr verfallen. Die Aktienkurse wird das natürlich auch belasten, aber nicht so stark wie im Falle einer restriktiven Zinspolitik.

Wird das Konjunkturprogramm der amerikanischen Regierung die Wirtschaft aus der Rezession retten?

Die Wirtschaftspolitik von George Bush ist ein vollkommenes Desaster. Doch das ist typisch für die amerikanische Politik: Es werden kurzfristige Programme verabschiedet, um bei der anstehenden Wiederwahl bessere Chancen zu haben. Die amerikanischen Politiker sind aber fehlgeleitet, wenn sie meinen, die Wirtschaft könne langfristig stimuliert werden, indem der private Konsum kurzfristig angekurbelt wird. Dadurch und mit den Zinssenkungen kann die Landung in der Rezession natürlich ein wenig weicher ausfallen. Aber eine wirkliche Trendwende wird das nicht herbeiführen. Um die Wirtschaft wirklich anzukurbeln, müssten die Amerikaner den Unternehmen größere Anreize geben, wieder zu investieren.

Welche langfristigen Folgen hat die Finanzkrise für das Bankensystem?

Durch die fatale Niedrigzinspolitik der Notenbank hat die amerikanische Finanzbranche im vergangenen Jahrzehnt deutlich stärker expandiert als der Rest der Wirtschaft. Rund 40 Prozent der Gewinne im Standard & Poor's-500-Index kamen zuletzt aus der Bankenbranche. Dieser Anteil wird nun drastisch schrumpfen. Wir werden zudem noch mehr Bankenpleiten sehen. Und die Banken, die gerettet werden, werden ihre Bilanzen verkleinern müssen. Viele Banken wären ohnehin schon jetzt nahe der Pleite, wenn sie ihre Wertpapiere richtig bewerten würden. Das gilt zumindest für diejenigen Banken, die CDOs und andere hypothekenbesicherte Wertpapiere halten. Und auch Amerika insgesamt wäre eigentlich schon in der Pleite, wenn die Verschuldung richtig erfasst - sprich die Verpflichtungen des Gesundheitssystems und der Altersvorsorge vollständig berücksichtigt - würde.

Sehen Sie die Gefahr, dass auch eine der ganz großen Banken in die Pleite rutscht?

Nein, denn für Großbanken wie die Citigroup gilt das Motto „Too big to fail“ - zu groß, um zu scheitern. Im Endeffekt bedeutet das, dass die Steuerzahler die Zeche für die großen Banken zahlen. Und selbst wenn den Banken durch Steuererleichterungen geholfen werden sollte, zahlt dies die Allgemeinheit, weil dann die Zinsen steigen.

Rechnen Sie mit einer Klagewelle gegen die Banken wegen der Finanzkrise?

Es wird mit Sicherheit eine Klagewelle geben. Die amerikanische Mittelschicht wird gegen die Wall Street zu Felde ziehen. Denn die Finanzbranche an der Wall Street hat in den vergangenen Jahren am meisten von der guten Wirtschaftslage profitiert. Banken und Vermögensverwalter haben tonnenweise Geld verdient. Ich will mich darüber auch nicht beklagen, denn ich habe selbst Tonnen von Geld verdient. Aber die große Masse der einfachen Leute leidet nun am meisten unter den Folgen dieser Kreditblase. Also werden sie gegen die Minderheit von der Wall Street vor Gericht ziehen.

Wie kann man als Kleinaktionär die Finanzkrise durchstehen?

Ich würde mich als Kleinanleger für eine ganze Weile von Aktien fernhalten. Die meisten Durchschnittsbürger sind in den nächsten Jahren besser damit bedient, ein Haus oder eine Wohnung zu kaufen, als mit riskanten und teuren Finanzprodukten zu spekulieren.

Der skurrile Prophet aus Hongkong

„Natürlich habe ich schon viel Marihuana geraucht. Aber zum Frühstück bevorzuge ich ein Omelett mit balinesischen Pilzen.“ Würden Sie einem Mann, der so etwas sagt, Ihr Geld anvertrauen? Oder jemandem, dessen E-Mail-Adresse mit @gloomboomdoom.com endet und der angibt, er besitze eine Viertelmillion Mao-Anstecker? Wohl kaum. Gleichwohl verwaltet der 61 Jahre alte Marc Faber schon seit Anfang der neunziger Jahre aus Hongkong heraus das Vermögen von Finanzinstitutionen und reichen Privatleuten. Äußerst sorgsam pflegt der gebürtige Schweizer, der schon mit 24 Jahren promovierte, seinen Ruf als ebenso widersprüchlicher wie skurriler Geist.

Der „Dr. Doom“ genannte Skeptiker ist durch eine ganze Reihe zutreffender Vorhersagen bekannt geworden. Beispielsweise sagte er den Crash des Jahres 1987 voraus, er warnte vor der Asien-Krise 1997/98 ebenso wie vor dem Platzen der Internetblase Anfang des Jahrtausends. Im März vergangenen Jahres warnte er schließlich vor der größten Blase aller Zeiten an den Kapitalmärkten: Richtig abwärts werde es mit den Aktienkursen gehen, falls die Vereinigten Staaten von ihrer Last öffentlicher Schulden in eine Rezession getrieben würden. Die Schwierigkeiten im Kreditgeschäft mit bonitätsschwachen Kunden zeigten die ersten Risse im System, sagte der einst von der „Financial Times“ als „Ikone“ bezeichnete Investmentberater damals. Wenige Monate später lösten die steigenden Ausfallraten ebenjener „Subprime“-Hypotheken die bis heute andauernde Finanzkrise aus.

da.

Das Gespräch führte Daniel Schäfer



Text: F.A.Z., 31.01.2008, Nr. 26 / Seite 25
Bildmaterial: Bloomberg

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