Island

„Der Euro würde unsere Wirtschaft stabilisieren“

09. Mai 2008 Herr Sighvatsson, Sie sind Währungshüter für die isländische Krone. Die hat seit Jahresanfang ein Drittel ihres Wertes verloren, und die Inflation ist auf 12 Prozent gestiegen. Was haben Sie falsch gemacht?

Island ist nicht das einzige Land, das Probleme hat. Aber die internationale Kreditkrise hat uns mit voller Wucht getroffen. Wir sind abhängig von Kapitalzuflüssen, und die brachen im Sommer wegen der Krise an den Finanzmärkten ab. Die Krone fiel daraufhin deutlich.

Und die Inflation stieg.

Wir importieren sehr viel. Die Wareneinfuhr müssen wir jetzt mit schwacher Währung teurer bezahlen. Das lässt die Preise bei uns steigen, vielleicht auch noch auf Raten von 13, 14 Prozent in diesem Jahr. Die Auswirkungen des Wechselkurses auf die Preise sind bei uns 20 Mal höher als zum Beispiel in den Vereinigten Staaten.

Die Leute gehen schon auf die Straße und protestieren.

Wir bewegen uns auf sehr gefährlichem Terrain. Unser Hauptproblem ist es, die Währung zu stabilisieren, und dafür müssen wir Vertrauen in die isländische Krone schaffen.

Wie wollen Sie das erreichen?

Wir haben die Zinsen aggressiv erhöht, mittlerweile auf 15,5 Prozent. Damit wollen wir als Zentralbank signalisieren: Das Inflationsziel von 2,5 Prozent ist zwar weit entfernt, aber es herrscht der feste Wille, es bald wieder zu erreichen.

Braucht so ein kleines Land eigentlich eine eigene Währung?

Natürlich ist ein Land wie Island kein optimaler Währungsraum. Es kostet uns einiges, die Währung im Gleichgewicht zu halten. Der Wechselkurs ist sehr volatil, was über die Preise auch den Konsum stark schwanken lässt. Die Währung ist eher eine Quelle für Instabilität, als dass sie externe Einflüsse dämpfen kann.

Wäre die Einführung des Euro sinnvoll?

Der Euro würde unser Wirtschaftssystem wahrscheinlich stabilisieren. Eine Einführung wäre aber nur möglich, wenn wir der Europäischen Union beitreten, was politisch aus vielerlei Gründen derzeit nicht realisierbar ist. Wir müssen die Dinge alleine zum Besseren bewegen und die Leute davon überzeugen, dass es trotz allem langfristig sinnvoll ist, die isländische Krone zu behalten. Ginge das Vertrauen vollends verloren, gäbe es einen Teufelskreis mit zerstörerischer Gewalt, der die Krone weiter fallen lässt und die Inflation noch mehr anheizt.

Haben Sie Ihr Pulver mit den Zinserhöhungen auf 15,5 Prozent nicht schon wirkungslos verschossen?

Nein, die Krone hat sich in den vergangenen Wochen stabilisiert. Die hohen Importpreise werden zudem zu einer sinkenden Nachfrage führen und das gesamte Wirtschaftswachstum verlangsamen. Das nimmt den Druck von den Preisen.

Der rasch gewachsene, sehr große Finanzsektor ist ein weiteres Risiko für Ihr Land?

Ja. Ich wäre sehr viel beruhigter, wenn wir einen Finanzsektor wie Luxemburg hätten.

Wieso das?

Die haben zwar auch große Banken, aber einen Großteil der Branche machen Tochtergesellschaften internationaler Banken aus. Bei uns haben wir große Banken aus Island, die aber die meisten ihrer Geschäfte im Ausland machen. Unsere Banken haben damit keinen „lender of last resort“ in den Währungen, in denen sie arbeiten.

Dieser „Kreditgeber der letzten Instanz“ ist üblicherweise die Notenbank, die bei einer Schieflage Notkredite geben kann. Warum können Sie nicht als Retter in der Not auftreten?

Es ist für uns kein Problem, in isländischer Krone Liquidität in den Markt zu bringen. Das ist die Währung, für die wir zuständig sind. Haben die Banken aber Liquiditätsprobleme in fremder Währung, wird dies ein sehr viel schwierigerer Fall.

Sind die Banken somit eine Gefahr für Island?

Es sorgt für enorme Probleme, einen im Verhältnis zur gesamten Volkswirtschaft derart großen Finanzsektor zu haben. Deswegen sind die Risikobewertungen für Island als Land und auch für die Banken enorm gestiegen. Neben den Risiken hat es aber auch Vorteile gebracht: die Banken sind große Arbeitgeber und eifrige Steuerzahler.

Ihre Regierung befürchtet, Hedge-Fonds könnten Ihr Land zu Fall bringen. Haben Sie Angst vor diesen Investoren?

Island und seine Währung waren und sind durch die enormen Außenhandelsdefizite sehr verwundbar. Wir brauchen aber keine Angst vor den Hedge-Fonds zu haben. Wir sollten jedoch wissen, dass es sie gibt, dass sie Teil des Marktumfeldes sind, in dem wir arbeiten, und auch dass sie manchmal zu Schwierigkeiten beitragen können.

Wo steht die Krone in einem Jahr?

Wir hatten Anfang 2002 auch fast 10 Prozent Inflation und eine schwache Krone. Noch im selben Jahr haben wir unsere Inflationsziele erreicht, und es begann ein enormer Wirtschaftsaufschwung. Das könnte wieder passieren. Wir sind eine sehr flexible Volkswirtschaft, die sich schnell anpassen kann.

Das Gespräch führte Daniel Mohr.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z., Tobias Schmitt

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