09. August 2007 Die Märkte haben sich beruhigt, die Renditen fallen wieder, die Spreads engen sich wieder ein, alles ist wieder gut. Oder ist es das doch nicht?
Beim Blick auf die ABS-Fonds kam FAZ.NET auf Basis der veröffentlichten Daten noch vor wenigen Tagen zu dem Schluss, dass sich die Anlageklasse zwar nicht überragend geschlagen hatte, aber immerhin hatte behaupten können.
Mindestens acht Fonds geschlossen
Indes misstrauten wir seinerzeit schon dem Frieden und zweifelten, ob diese angesichts möglicher Risiken und eines schwachen Sentiments für verbriefte Forderungen zu der Zeit die beste Wahl seien.
Seitdem hat sich die Situation dramatisch zugespitzt. Bei mindestens acht Fonds, großteils für institutionelle Investoren, wurde die Anteilsrücknahme ausgesetzt. Aber darunter fanden sich auch Publikumsfonds, unter anderem der ABS Plus der Gesellschaft Frankfurt Trust, der nach ausgewiesenen Daten immerhin der zweitbeste Fonds unter seinesgleichen war.
Den Anfang hatte die Union Investment gemacht, die den ABS-Invest zum Schutz der Anleger schloss, weil Zwangsverkäufe notwendig geworden wären, deren Erlös weit unter dem angemessenen Wert gelegen hätte.
Von institutionellen zu privaten Anlegern
Danach ging es in rascher Folge: Die Axa entschied sich statt zu einer Schließung dazu, die Mittelabflüsse aus dem US Libor Plus statt aus dem Fonds heraus direkt aus dem Gesellschaftsbudget zu bedienen. Es folgte der HSBC Trinkaus ABS und schließlich der FT ABS Plus, dessen Klientel zu schätzungsweise 40 Prozent aus Privatanlegern besteht.
Bei diesem Fonds handelte es sich ausgerechnet um ein Vorzeigeprodukt der Fondsgesellschaft. Im Dezember 2000 aufgelegt, war er der erste Fonds auf dem Markt, der schwerpunktmäßig in Kreditverbriefungen investierte und zu dem Privatanleger Zugang hatten.
Der ABS-Plus wurde mit seiner Chance-Risiko-Einstufung der Kategorie weltweite Rentenfonds zugeordnet. Die Konstrukteure dieses Fondsmodells hatten sich bei der Auflegung schon mit der Liquiditätsproblematik des zugrundeliegenden Marktes beschäftigt.
Puffer reichen offenbar nicht aus
Um mögliche Schwierigkeiten diesbezüglich abzufedern, sollten klassische Anleihen - vor allem von Unternehmen und Schwellenländern - ein Drittel des Portfolios ausmachen, weil sie im Bedarfsfall rasch veräußert werden könnten. Allerdings reichte dieser Puffer offenbar nicht aus, um die erhöhten Abflüsse abzufedern. Ende Juni betrug das Fondsvolumen des ABS-Plus 240 Millionen Euro. Vor der Entscheidung zur Schließung des Fonds waren es noch 160 Millionen Euro.
Dennoch blieb das Vertrauen unerschüttert, dass es sich um Einzelfälle handelte. Am Donnerstag jedoch, scheint die scheinbare Unerschütterlichkeit dieser optimistischen Auffassung wieder erhebliche Risse zu bekommen.
Am Dienstag setzte der Vermögensverwalter WestLB Mellon die Rücknahme eines seiner ABS-Fonds vorläufig aus, nachdem dieser im Laufe der Woche 2,4 Prozent an Wert verloren hatte. Eine faire Anteilschein-Berechnung sei nicht mehr möglich gewesen und Investoren seien immer nervöser geworden.
Ungute Gefühle
Der zum Stichtag 30. Juni noch 235 Millionen Euro schwere WestLB Mellon Compass Fund, zu dem fünf Tranchen in unterschiedlichen Währungen gehören, richtet sich nach Darstellung sich zum großen Teil an institutionelle Kunden, indes beträgt der Mindestanlagebetrag lediglich 1.000 Euro. Damit stand der Fonds dem breiten Publikum zumindest offen.
Insgesamt habe der Fondsanbieter 1,2 Milliarden Euro in den in Misskredit geratenen ABS-Papieren angelegt. Doch gerade der Name WestLB ist es, der Anleger ins Grübeln bringt, war das Institut doch in der Vergangenheit immer wieder durch Fehlschläge und umstrittene Geschäfte in die Schlagzeilen geraten.
2003 musste der damalige WestLB-Chef Jürgen Sengera gehen, nachdem die Pleite des britischen Unternehmens Boxclever die Bank mehr als 400 Millionen Euro gekostet hatte. Damals musste die WestLB für das Jahr 2002 einen Verlust von 1,7 Milliarden Euro ausweisen.
WestLB unter Dauerfeuer
Vor wenigen Wochen erst entließ der Aufsichtsrat der nordrhein-westfälischen Landesbank den seit Anfang 2004 amtierenden Vorstandsvorsitzenden Thomas Fischer sowie das für das Risikomanagement zuständige Vorstandsmitglied, Matthijs van den Adel.
Hintergrund waren diesmal Fehlspekulationen im Eigenhandel, die die Bank mindestens 243 Millionen Euro gekostet haben. Dabei hatten die beteiligten Händlern nach Darstellung des Instituts bei ihren Geschäften Obergrenzen verletzt und damit gegen interne Regeln verstoßen.
Insofern ist es nicht verwunderlich, dass der Druck auf die WestLB nach Schließung des Compass Funds besonders hoch ist und viele ein neues Desaster vermuten, zumal die Bank noch zu Wochenbeginn Mutmaßungen über einen hohen Rückstellungsbedarf zurückwies, nachdem Der Spiegel von einem Bewertungsrisiko in Höhe von 300 bis 400 Millionen Euro berichtet hatte.
Hier ging es um die die amerikanische Tochtergesellschaft Brightwater, die Wertpapiere im Volumen von rund 35 Milliarden Dollar verwaltet, die auch in den in Verruf geratenen strukturierten Kreditprodukten, den Collateralized Debt Obligations (CDO), angelegt sind.
Misstrauen wächst
Indes weisen die Düsseldorfer zurück, dass Brightwater in eine Schieflage zu geraten drohe. Von Liquiditätsengpässen bei der Tochtergesellschaften könne keine Rede sein. Und der WestLB Mellon Funds sei nicht im amerikanischen Markt für Hypothekendarlehen engagiert (vgl. auch WestLB mitten in der Hypothekenkrise).
Inwieweit diese Beteuerungen verfangen, ist indes fraglich. Das liegt im Falle WestLB nicht nur an der eigenen Historie, sondern auch am Fall IKB, der aufgrund der Tatsache, dass der Vorstand noch zehn Tage vor Eintritt der Krise die Prognosen bestätigte, das Vertrauen am Markt enorm beschädigt hat.
Das bekommen am Donnerstag auch andere Banken zu spüren. So verwaltet die Commerzbank Papiere im Wert von insgesamt 1,2 Milliarden Euro, die ihrerseits in Subprime-Kredite investiert sind. Auch wenn die Bank darauf verweist, dass der gesamte Beteiligungs- und Wertpapierbestand 136,6 Milliarden Euro betrage und die maximale Belastung auf jeweils 40 Millionen Euro im zweiten und dritten Quartal beziffert: Die Nachrichtenagentur dpa-AFX zitiert einen Börsianer mit den Worten: Bei dieser Bank vermute ich noch so einige Leichen im Keller. Die haben eine sehr große Derivate-Handelsabteilung und ich kann mir gut vorstellen, dass die auch gut im Subprime-Geschäft aktiv waren.
Die Subprime-Krise ist gleichzeitig eine Liquiditätskrise
Hinzu kommt, dass auch die Fokussierung der Problematik auf die Subprimes zunehmend weniger verfängt, seit mit American Home Mortgage ein Anbieter Konkurs anmelden musste, der gar keine Subprime-Kredite, sondern vor allem höherwertigere Alt-A-Kredite vergeben hatte.
Diese Erkenntnis ist auch Fondsmanagern nicht fremd. Die Subprime-Krise ist gleichzeitig eine Liquiditätskrise, sagte etwa WestLB-Mellon-Manager Uwe Fuiten der Nachrichtenagentur Reuters.
Darüber hinaus ist die Krise auch lokal nicht begrenzt: Die australische Bank Macquarie warnte Investoren vor Verlusten bei zwei ihrer Fonds; die australischen Fondsgesellschaften Basis Capital und Absolute Capital froren Anlegerkonten ein; der französische Vermögensverwalter Oddo kündigte an, drei Fonds zu schließen.
Fondswert kann nicht berechnet werden
Am Donnerstag folgte die französische Großbank BNP Paribas, die die Fonds Parvest Dynamic ABS, BNP Paribas ABS Euribor und BNP Paribas ABS Eonia aufgrund mangelnder Liquidität im amerikanischen Markt schloss, da der Fondswert nicht berechnet werden könne.
Die Begründungen sind dabei ausgesprochen sinnfällig. Kann ein Anteilswert nicht berechnet werden, so gibt es aktuell keinen Anteilswert und damit sind die Anteile ohne Wert. Das ist eine schwer zu verdauende Erkenntnis. Niemand vermag derzeit zuverlässig zu sagen, zum einen wann die Anlageprodukte wieder einen Wert haben werden und zum anderen, wie hoch dieser dann sein wird.
Insofern sind Fondsschließungen derzeit nur als aufgeschobene Wertverluste in unbestimmter Höhe zu betrachten. Denn wenn ein einst gut bezahlter Gegenstand praktisch über Nacht nicht mehr nachgefragt wird beziehungsweise nicht mehr gehandelt werden kann, so bezeichnet man das für gewöhnlich als Zusammenbruch eines Marktes. Und in solchen Märkten, lehrt die Erfahrung, erholen sich die Preise - falls überhaupt noch einmal - sehr lange nicht mehr.
Talsohle noch nicht erreicht
Als vor rund anderthalb Jahren mehrere offene Immobilienfonds vorübergehend schließen mussten, lag das zwar ebenfalls an hohen Mittelabflüssen und überbewerteten Anlagen. Indes handelte es sich auch um ein Systemproblem, weil die Anlagen der Fonds von ihrer Natur her illiquider sind als die Fondsanteile, was aber auf CDOs uimindest in der Theorie nicht zutrifft (FAZ.NET-Spezial: Offene Immobilienfonds in der Krise).
Und bevor es besser werden kann, wird es wohl zunächst noch schlimmer werden. Nach Ansicht der Fondsratingagentur Feri wird sich die Krise am amerikanischen Hypothekenmarkt verschärfen. Ich denke nicht, dass die Probleme vorbei sind. Wir werden noch bis 2008 damit zu haben, sagte Feri-Vorstand Helmut Knepel am Dienstag in Frankfurt.
Der Höhepunkt der Turbulenzen dürfte Ende dieses Jahres erreicht werden, wenn auf viele Darlehensnehmer nochmals Zinsanhebungen zukämen. Es wird deshalb noch zu weiteren Kreditausfällen und Schieflagen bei Hypothekenfinanzierern kommen, prognostizierte Knepel.
Wer ist der nächste?
Das wirft natürlich auch die Frage nach der Stabilität anderer ABS-Fonds auf. Betrachtet man die Entwicklung einiger Fonds, so ergeben sich automatisch einige Zweifel. Stark gefallen sind etwa die Anteilspreise der Fonds der Schweizer Bank Julius Bär und der österreichischen Fondsgesellschaft Kepler. Auch Fonds der Société Générale oder der Schweizer Bank Pictet zeigen Zeichen von Schwäche.
Insofern liegt die Vermutung nicht allzu fern, dass noch weitere Fonds folgen werden. Am Donnerstagmittag wurde bekannt, dass die Privatbank Sal. Oppenheim bereits am Dienstag den vorwiegend in Österreich vertriebenen 750 Millionen Euro schweren Oppenheim Asset Backed Securities AT eingefroren hat. Auch dieser größte österreichische ABS-Fonds ist nach Auskunft der Gesellschaft nicht im amerikanischen Subprime-Markt investiert.
Anleger stehen wie einst bei den Offenen Immobilienfonds nunmehr wieder vor dem Dilemma, dass sie mit einem Mittelabzug vielleicht die Krise gerade erst heraufbeschwören, die sie befürchten. Zögern sie indes zulange, könnten sie von dieser überrollt werden (vgl. Anleger bei offenen Immobilienfonds im Dilemma).
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @mho
Bildmaterial: FAZ.NET
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