25. April 2008 Deutschland ist einmalig. Zumindest in einem Punkt: im rasch wachsenden Markt für verbriefte Derivate. Damit sind Anlagezertifikate, Aktienanleihen, Hebelprodukte, Optionsscheine und andere gemeint.
Die Anzahl der von den gut zwei Dutzend Emissionshäusern emittierten und quotierten Produkte unterschiedlichster Art und Ausprägung wächst inflationär. Das deutet darauf hin, dass zumindest die Anbieter solcher Produkte gutes Geld verdienen. Ob das auch für die Anleger gilt, ist allerdings eine andere Frage.
Asymmetrische Risikostruktur zu Lasten der Anleger
Manche der Produkte werden faktisch mit zum Teil seltsamen Argumenten verkauft und beworben. Aktienanleihen und Discountzertifikate seien defensiv, heißt es beispielsweise. Das gilt allerdings nur aus Sicht eines Emittenten und nicht aus Sicht eines Anlegers. Denn die Anleger verzichten für einen erhöhten Kupon oder für die Gewährung eines Abschlags auf das Basisinstrument nicht nur auf die volle Partizipation an einer denkbaren Kursbewegung nach oben, sondern sie legen sich gleichzeitig das volle Risiko einer Kursbewegung nach unten ins Depot. Das heißt, das Risiko-Ertragsprofil solcher Produkte ist asymmetrisch und wirkt zulasten der Anleger.
Die Anbieter werden das zwar bestreiten, indem sie auf den so genannten Risikopuffer verweisen, welchen solche Papiere böten. Im Zweifelsfalle ist dieser allerdings nicht viel Wert. Diese Tatsache lässt sich beispielsweise mit einem Blick auf die Wertentwicklung der Aktien von Verbio und entsprechender Diskontzertifikater belegen. So handelte ein Diskontzertifikat auf Verbio mit einem Wandlungspreis von fünf Euro von der Deutschen Bank (Isin DE000DB1NJV1) schon von Beginn an unter dem Ausgabepreis von 3,6 Euro. Es erreichte das Ausgabeniveau im vergangenen Jahr nur einmal kurz und auch nur annähernd. Nur um anschließend zusammen mit der Aktie detulich nach unten zu laufen.
Was ist defensiv?
Nach einem Kursverlust von kapp 67 Prozent der Aktie und von 63 Prozent im Zertifikat vom Oktober des vergangenen Jahres bis Ende April 2008 wird jeder beteiligte Anleger sich selbst und hoffentlich auch seinen Anlageberater fragen, was daran denn defensiv gewesen sein mag? Wenn defensiv die Tatsache war, dass die Aktie selbst im betrachteten Zeitraum etwas mehr an Wert verloren hat als das Zertifikat, so mag das zwar zutreffen. Allerdings ist das nur ein schwacher Trost. Denn wenn ein Produkt als defensiv verkauft wird, erwartet man normalerweise keine massiven Kursverluste.
Grundsätzlich mögen bestimmte Zertifikate in bestimmten Marktphasen gegenüber einem Engagement im Basismarkt vorteilhaft sei. Allerdings nur dann, wenn Anleger sowohl die Marktphase korrekt prognostizieren als ihnen auch gleichzeitig das passende Instrument zuordnen können. Ist diese Annahme an sich schon ambitioniert, so könnten die Anleger in diesem Falle ihre seherischen Fähigkeiten weit profitabler nutzen als für ein Investment in relativ passive oder gar in Zertifikate mit asymmetrischem Risikoprofil zu ihren Lasten. So ließe sich eine schwache Phase des Marktes grundsätzlich meiden, während Boomphasen zu aggressiven Käufen genutzt werden könnten.
In diesem Sinne dürften Anleger strukturierte Produkte mit der notwendigen Skepsis betrachten müssen. Denn die Emissionsbanken neigen nicht selten dazu, ihre Risiken bei den Anlegern zu diversifizieren und sich dafür über die in den Strukturen geschickt versteckten Gebühren auch noch gut bezahlen zu lassen.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET
