Anlagestrategie

Anleger fürchten sich vor Kursrückschlägen

07. Juli 2009 Der Blick auf die Entwicklung der Volatilitäten kann Aufschluss darüber geben, wie nervös ein Markt ist und wie stark er sich nach extremen Bewegungen normalisiert hat. Immerhin lassen sie sich aus Optionen ableiten, die als Wetten auf Kursbewegungen oder zur Absicherung gegen Kursverluste oder entgangene Kursgewinne dienen können.

Tatsächlich scheint sich die Lage an den Aktienbörsen nach den extremen Turbulenzen in der zweiten Hälfte des vergangenen und im ersten Quartal des laufenden Jahres deutlich beruhigt zu haben. Denn Volatilitätsindizes wie der amerikanische Vix, der sich aus Optionskontrakten ableitet, die sich auf die Kursentwicklung des S&P-500-Index beziehen, sind nach Extremwerten im Herbst des vergangenen Jahres deutlich gefallen.

Volatilitätsindizes sind in den vergangenen Monaten deutlich gefallen ...

Der Vix lag am Montag noch bei genau 29 Prozent, nachdem er im November des vergangenen Jahres ein Rekordniveau von knapp 81 Prozent erreicht hatte. Der VDax New, der sich aus Dax-Optionen ableitet, ist 83,2 Prozent im Oktober des vergangenen Jahres auf 32,3 Prozent am Dienstag gefallen. Das bedeutet indirekt, dass entsprechende Optionen im Durchschnitt zwischen 60 und 65 Prozent günstiger geworden sind als damals.

Solche Aussagen sind jedoch relativ allgemein. Denn der Blick auf die Volatilitätsstruktur zeigt, dass das gezeichnete Bild etwas pauschal ist. Die so genannte Volatilitätsskew beziehungsweise -schiefe ist ausgeprägt. Das bedeutet, die Volatilitäten und damit die Preise der Optionen nehmen stärker zu, je weiter sie aus dem Geld liegen. Im Vergleich mit der Vergangenheit sind die Marktteilnehmer an den Optionsmärkten also vorsichtiger geworden, indem sie Risiken für außerordentliche Kursbewegungen höher einschätzen als damals.

Laut Bloomberg-Daten lag der Preis für eine Absicherung gegen ein Minus von zehn Prozent beim S&P 500 am Montag im Vergleich mit Wetten auf einen Anstieg des Börsenbarometers so hoch wie zuletzt im August 2008 - einen Monat vor der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers. Der Aufschlag auf die Absicherungs- Kontrakte ist gestiegen, obwohl der VIX in den vergangenen drei Monaten um 40 Prozent eingebrochen ist.

Das heißt, Händler sichern sich die Gewinne am Aktienmarkt, nachdem der S&P 500 seit März um bis zu 40 Prozent geklettert ist. Grund für die Skepsis sind Befürchtungen, dass die schlimmste Rezession in den Vereinigten Staaten seit einem halben Jahrhundert weiter andauern wird, berichten Investoren wie Huntington Asset Management, BlackRock und Fiduciary Trust. Der Preisunterschied zwischen pessimistischen und optimistischen Optionen zeigt eine andere Entwicklung an als der VIX, der in etwa da liegt, wo er vor dem Zusammenbruch von Lehman war.

... aber an den Rändern sind die Volatilitäten hoch geblieben

„Zu viele Leute denken, dass das Schlimmste vorbei ist und dass es besser wird“, erklärte Peter Sorrentino, Fondsmanager bei Huntington Asset in Cincinnati. „Wir haben eher das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmt. Wahrscheinlich ist es besser, eine gewisse Absicherung zu haben.“ Er geht davon aus, dass der S&P 500 von seinem Wochenschluss bei 896,42 Punkten um mehr als zehn Prozent fallen wird, und hat Optionen erworben, die Gewinn abwerfen, wenn der Index bis Dezember auf 775 Punkte sinkt. Der „Ausübungspreis“ der Option impliziert einen Rückgang des Benchmarkindexes um mindestens 14 Prozent.

Derzeit kaufen Händler eher eine Absicherung gegen Verluste am Aktienmarkt als dass sie auf weitere Gewinne setzen, zeigen Optionen. Die implizite Volatilität bei Kontrakten, die Gewinne abwerfen, wenn der S&P 500 innerhalb von 30 Tagen um mindestens zehn Prozent sinkt, lag am Monatag bei rund 30. Dagegen kamen Optionen, die bei einem Anstieg des Indexes um mindestens zehn Prozent im gleichen Zeitraum Gewinne abwerfen, auf einen Vergleichswert von rund 25 Prozent. Beim Dax sind die Verhältnisse noch extremer: Juli-Puts mit einem Ausübungspreis von 5.250 Zählern werden am Dienstag an der Eurex mit einer impliziten Volatilität von knapp 40 Prozent gehandelt. Dagegen gehen Juli-Calls mit einem Wandlungspreis von 5.100 Zählern mit einer Volatilität von 28,5 Prozent um.

Die Differenz zwischen den Preisen für die beiden Kontrakte, auch unter der Bezeichnung „Volatility Skew“ oder Volatilitätsschiefe bekannt, hat in Europa den höchsten Werte seit November des vergangenen Jahres erreicht. Das heißt, die Anleger rechnen mit Kursausreißern nach unten und sind bereit, für Absicherungen dagegen viel mehr zu zahlen, als für Wetten auf weitere Kursgewinne. Das muss grundsätzlich kein schlechtes Zeichen sein, sondern kann auch als faktischer Kontraindikator gewertet werden. Auf der anderen Seite wurden entsprechende Risiken in der Vergangenheit stark unterbewertet. In diesem Sinne kann die starke Schiefe einfach auch nur die Rückkehr zu einer gewissen Normalisierung der Risikowahrnehmung andeuten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET

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