Strategie

Aktienanleger: Vorsicht Geldillusion

22. März 2006 „Mit Aktien können Anleger langfristig im Vergleich mit anderen Anlageklassen die höchsten Renditen erzielen“, heißt es in Werbeprospekten von Fonds und Anlageberatern immer wieder. In diesem Rahmen wird in der Regel auf die langfristigen Trends von Indizes wie dem Dax, dem Dow Jones oder auch dem S&P 500 verwiesen.

Ungeachtet von zwischenzeitlichen Kursturbulenzen zeigen sie denn auch im Trend nach oben. Wer regelmäßig in entsprechenden Wertpapiere investiere, könne eigentlich nichts falsch machen, scheint die logische Konsequenz zu sein.

Börsen können sich in einer Baisse befinden, obwohl die Kurse nicht fallen

Allerdings gibt es bei einer solchen Betrachtungsweise ein kleines Problem: sie ist rein nominell. Denn werden Kursreihen und Indizes preisbereinigt, so sieht die Entwicklung weniger eindrucksvoll aus. Blickt man zum Beispiel auf die Entwicklung des Dow Jones in den vergangenen Jahrzehnten und berücksichtigt die Preisentwicklung im selben Zeitraum, so war erstens zwischen den Jahren 1900 und 1949 mit den Aktien kaum etwas zu verdienen.

Zweitens kam es nach einem realen Kursaufschwung bis in den Januar des Jahres 1966 bis zum Jahr 1982 zu deutlichen Werteinbußen, obwohl sich der Index in diesem Zeitraum nominal kaum bewegt hat. Das heißt, real betrachtet können sich Börsen längerfristig in „Bärenmärkten“ befinden, obwohl die Kurse nominal im Trend nicht nachgeben. Anleger haben in solchen Phasen eine Art von „Geldillusion“.

Auf der anderen Seite können Aktienkurse jedoch real auch deutlich zulegen, wenn gleichzeitig die Zinsen fallen, die Inflationsraten zurückgehen und die Geldmengen hoch sind. Das dürfte die Kombination sein, die die Aktienkurse in den vergangenen 20 Jahren im Trend nach oben gebracht hat.

Inzwischen sind die Leitzinsen zwar in Amerika, Europa und auch in anderen Staaten angehoben worden, allerdings kann man noch nicht von einer restriktiven Geldpolitik reden. So dürfte die anhaltend reichlich vorhandene Liquidität die internationalen Finanzmärkte nominal weiter stützen. Auf der anderen Seite scheinen die Inflationsraten - sie werden tendenziell unterschätzt, da Vermögenspreiseffekte nicht berücksichtigt werden - und auch die Renditen an den Rentenmärkten ihre Tiefs gesehen zu haben.

Langfristig scheinen Preise und Renditen ihre Tiefs gesehen zu haben

Das gilt zumindest dann, wenn man langfristige Zyklen, die so genannten Kondratieff-Zyklen, betrachtet. Darauf deutet aber auch ein Vergleich der Renditeentwicklung zehnjähriger Treasuries mit den amerikanischen Wachstumsraten in den vergangenen Jahrzehnten und mit der Preisentwicklung bei Rohstoffen hin. Immerhin scheinen die jüngsten Wachstumsdaten steigende Renditen anzudeuten (siehe Chart). Nimmt man die Entwicklung der Renten- und Aktien-Kurs-Gewinnverhältnisse hinzu, so sehen optisch weder die amerikanischen Aktien noch die Staatsanleihen günstig aus und dürften auf Bewertungsbasis kaum Kursspielraum nach oben bieten.

Bündelt man diese Argumente, so scheinen reale Kursgewinne an den amerikanischen Börsen in der näheren Zukunft eher unwahrscheinlich zu sein. Dagegen sprechen die Argumente für alternative Anlagen, insbesondere auch für Rohstoffe. Denn erstens sind die im Gegensatz zu den internationalen Geldmengen nicht beliebig vermehrbar, zweitens befinden sich ihre Preise langfristig betrachtet immer noch auf vergleichsweise tiefen Niveaus. Kurzfristige Korrekturbewegungen im Rahmen konjunktureller Dellen sollten jedoch auch hier niemanden überraschen. Im Gegensatz zu den Börsen, die nach vorne blicken, reagieren Rohstoffmärkte unmittelbar auf Veränderungen im Angebots- und Nachfrageverhalten.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: thechartstore.com

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