Anlagestrategie

Rat für volatile Zeiten - Intelligent diversifizieren

Drahtseilakt: Risiko gegen Ertrag

Drahtseilakt: Risiko gegen Ertrag

20. Oktober 2008 Nach Angaben der Haushaltsabteilung des amerikanischen Kongresses (CBO) haben Pensionspläne in den Vereinigten Staaten per 7. Oktober innerhalb von 15 Monaten rund zwei Billionen Dollar oder 20 Prozent ihres Wertes verloren. Viele Arbeitnehmer fragen sich angesichts dieser Entwicklung, wie sie ihren Lebensabend bestreiten sollen und ob sich all das, was sie über die Kapitalanlage zu wissen glaubten, in Luft aufgelöst hat.

So galt etwa eine breite Diversifizierung in verschiedene Sektoren und Länder als probates Mittel zum Schutz des Portfolios. Zuletzt konnten sich allerdings nur wenige Marktbereiche dem Abwärtssog entziehen. Welche zukünftigen Erträge kann man von Aktien und Anleihen erwarten? Sind all unsere Investmentregeln für die Katz'?

Wir befragten Jack Bogle (Gründer des Fondsriesen Vanguard Group und Vorreiter in Sachen Indexfonds) und Zvi Bodie (Professor für Finanzwirtschaft an der Boston University School of Management, Co-Autor des führenden Finanzlehrbuchs „Investments“ und Experte für soziale Sicherheit) zur aktuellen Situation von Sparern und Anlegern.

Christopher Farrell wollte von den beiden alten Hasen wissen, ob die Diversifizierung in ihren Augen noch immer als Kernstrategie gelte.

Jack Bogle: Ich glaube fest an die Diversifizierung. Bei Aktien setzt man auf Indexfonds, während der prozentuale Anteil von Anleihen dem eigenen Lebensalter entsprechen sollte. So gehe ich vor, und mit meinem beträchtlichen Bestand an amerikanischen Rentenpapieren bin ich bisher ganz gut weggekommen. Ich investiere zu 50 Prozent in Staatsanleihen und zu 50 Prozent in Unternehmensanleihen.

Zum Börsenkurs

Die am häufigsten genannte Diversifizierung ist die internationale Streuung des Portfolios. Das Problem dabei: Sobald die Menschen beginnen, darüber zu reden und daran zu glauben, sind internationale Aktien bereits überbewertet. Rund 80 Prozent der im vergangenen Jahr in Aktienfonds angelegten Gelder strömte in international investierende Fonds. Wenn da nicht die Alarmglocken läuten! Dabei zählen die Vereinigten Staaten derzeit zu jenen Weltmärkten, die sich einer besseren Wertentwicklung erfreuen. Seit dem Marktzenit im Jahr 2007 ist der amerikanische Standardwerteindex S&P-500 um 42,5 Prozent gesunken, während internationale Aktien [gemessen am MSCI EAFE Index, der sich aus ausländischen Titeln entwickelter Märkte in Europa, Australien und Hongkong zusammensetzt] 49,4 Prozent an Wert einbüßten und Titel aus Schwellenländern [gemessen am MSCI Emerging Markets Index] 55,8 Prozent verloren.

In den vergangenen Jahren waren internationale Investments stärker mit dem amerikanischen Markt korreliert, als dies in früheren Zeiten üblich war. Wenn man international investiert, muss man Investments in ausländische Unternehmen als Ertragslieferanten, nicht als Diversifizierung betrachten. Möchte man international anlegen, sollte man sein Engagement schrittweise aufbauen, zunächst etwa mit einem Portfolio-Anteil von 20 Prozent, jeweils zur Hälfte in Industrie- und in Schwellenländern. Europa ist uns sehr ähnlich, weshalb es zumindest wahrscheinlich ist, in Schwellenländern bessere Erträge zu erzielen. Ich selbst investiere nicht in ausländische Aktien.

Zvi Bodie: Zur Untermauerung Ihres Standpunkts möchte ich anfügen, dass Privatanleger in Märkten wie China nur in den geringen Bruchteil börsennotierter Aktien investieren können. Verglichen mit den nicht an der Börse gehandelten Titeln sind diese Aktien also massiv überbewertet. Eine erheblich bessere Art der Anlage ist der Kauf von Papieren amerikanischer Unternehmen, die mit ausländischen Direktinvestitionen in China engagiert sind.

Ich unterscheide zwischen Diversifizierung und Hedging oder Absicherung. Wenn ich von Diversifizierung spreche, meine ich damit den Umstand, sein Geld breit über mehrere risikobehaftete Vermögenswerte zu streuen, indem man berücksichtigt, inwieweit die Wertentwicklung dieser Vermögenswerte miteinander in Beziehung steht. Sind zwei risikobehaftete Vermögenswerte nämlich vollkommen korreliert, würde man sich in die eigene Tasche lügen, wenn man meinte, diversifiziert zu sein.

Eine andere Sache ist die Absicherung mit Hilfe sicherer Vermögenswerte - in meinen Augen inflationsgeschützte Anleihen (TIPS). Eine Möglichkeit der Absicherung besteht in der Kombination eines diversifizierten Portfolios risikobehafteter Vermögenswerte mit sicheren Vermögenswerten. Wir lehren die Studenten, dass man lediglich zwei Investmentfonds - einen mit risikobehafteten und einen mit sicheren Vermögenswerten - benötigt, um eine umfassende Austauschbeziehung zwischen Chancen und Risiken zu generieren.

Bogle: Amen.

Bodie: Und hierbei würden nur minimale Kosten entstehen. Doch dann würden viele schlaue Köpfe an der Wall Street ihrer hohen Einkommen beraubt. Sie statten ihre Produkte also mit allem möglichen Schnickschnack aus, ohne damit den Wohlstand ihrer Klienten zu steigern.

Bogle: Wenn sich die Menschen mit Blick auf den Prozentsatz der Kosten nur vor Augen halten würden, wie sich eine um ein oder zwei Prozent niedrigere Rendite im Laufe eines Lebens auswirkt. Vergleichen wir etwa eine Rendite von acht und von sechs Prozent über 50 Jahre. Oder verwenden wir inflationsbereinigte Renditen von fünf und von drei Prozent. Bei fünf Prozent wird aus einem Dollar in 50 Jahren 11,50 Dollar, während bei drei Prozent lediglich 4,40 Dollar herauskommt. Die meisten Menschen würden diesen Differenzbetrag von sieben Dollar ungern der Wall Street überlassen, und sie haben Recht. Die Anleger haben sie verdient, warum sollten sie also darauf verzichten? Ich arbeite schon sehr lange an dem Konzept kostengünstiger Indexfonds, und meine Erfolgsbilanz, aktive Fondsmanager von dessen offenkundiger Stichhaltigkeit zu überzeugen, geht gen Null.

Bodie: Das ist nicht wahr, Jack. Passive Indexprodukte sind heute weit verbreitet.

Bogle: Das von Vanguard verwaltete Gesamtvermögen beläuft sich auf 1,2 Billionen Dollar, wobei Indexprodukte eindeutig die treibende Kraft unseres Wachstums sind. Doch in diesem Zusammenhang gibt es auch zwei negative Dinge. Auf der einen Seite nehmen viele Indexfonds ihre Anleger schamlos aus. Ihre Kosten betragen 50 bis 100 Basispunkte, und es ist aus ethischer Sicht geradezu skandalös, dass derartige Produkte verkauft werden können.

Indexprodukte machen mittlerweile 14 Prozent des Aktienfondsvermögens aus, und das ist soweit auch in Ordnung. Ich dachte, sie würden auf einen Anteil von 20 bis 25 Prozent steigen. Der Erfolg dieser Produkte ist erwiesen und funktioniert nur bei geringen Kosten. Tragisch ist jedoch, dass klassische Indexprodukte seit 1999 oder 2000 bei einem Vermögensanteil von neun Prozent stagnieren, während der Rest auf börsengehandelte Fonds [ETFs] entfällt. Und das sind Indexfonds, die man den lieben langen Tag in Echtzeit an der Börse kaufen und verkaufen kann. Welcher Verrückte würde das tun wollen?

Die andere Sache, die mir wirklich zu schaffen macht, sind Rohstoffe. Die Menschen müssen verstehen, dass ein äußerst wichtiges Investmentprinzip in der Tatsache besteht, dass Aktien und Anleihen eine interne Rendite aufweisen. Bei Anleihen besteht diese in den jährlich auflaufenden Zinsen. Bei Aktien setzt sie sich aus der aktuellen Dividendenrendite von etwa 2,5 Prozent und einem impliziten Gewinnwachstum von sechs Prozent zusammen. Bei Rohstoffen wettet man dagegen ausschließlich auf die Hoffung, sie zu einem Preis verkaufen zu können, der über dem Kaufpreis liegt. Sie bieten Diversifizierung, doch ich kann mir nicht vorstellen, dass Gold eine jährliche Rendite von sieben bis acht Prozent abwirft, wie es bei Aktien auf lange Sicht der Fall ist.

Christopher Farrell: An der Wall Street dreht sich alles um Rendite, doch Sie beide betonen das Risiko.

Bogle: Das Risiko kann man kontrollieren, die Rendite nicht. Deren Höhe hängt vom Gutdünken der Aktien- und Rentenmärkte ab. Aus diesem Grund unterhalten wir uns über Diversifizierung.

Wir können allerdings in die Zukunft schauen und realitätsnahe Prognosen treffen. So lässt sich etwa mit 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit sagen, dass die Rendite auf dem Rentenmarkt in den kommenden zehn Jahren zwischen 4,5 und 5 Prozent liegen wird. Das ist der historische Durchschnitt. Bei hoher Inflationsrate, einer Weltwirtschaftskrise und zahlreichen Ausfällen bei Anleihen - weshalb ich Staatsanleihen bevorzuge - sieht die Sache natürlich wieder anders aus. Bei Aktien kennen wir die Gewinnquellen. Die durchschnittliche Dividendenrendite beträgt fast 2,5 Prozent, während das Gewinnwachstum im Laufe des kommenden Jahrzehnts etwa sechs Prozent betragen dürfte. Damit gelangen wir zu einer Rendite von 8,5 Prozent.

Die Marktvolatilität kann bis zu einem gewissen Grad ignoriert werden. In meinem letzten Buch [„The Little Book of Common Sense Investing“; sein aktuelles Buch trägt den Titel: „Enough: True Measures of Money, Business and Life“] habe ich ausgeführt, dass der Aktienmarkt für den Investmentprozess eine gewaltige Ablenkung darstellt. Man denke nur an den gegenwärtigen Spekulationsrausch. Im Krisenjahr 1929 betrug der jährliche Aktienumschlag in den Vereinigten Staaten 140 Prozent [das gesamte Marktvolumen wurde also annähernd anderthalb Mal ge- und verkauft]. Als ich 1951 ins Berufsleben eintrat, lag der Aktienumschlag bei 25 bis 30 Prozent pro Jahr. Im vergangenen Jahr waren es 280 Prozent. In diesem Jahr werden es wahrscheinlich 300 bis 320 Prozent sein.

Dem durchschnittlichen Anleger im Ruhestand schadet die Volatilität des Marktes nur bedingt, da er weiterhin Dividenden erhält. Ein Teil dieser Ausschüttungen ist jedoch weggebrochen, da einige der Dividenden zahlenden Unternehmen in Schieflage gerieten oder vom Markt verschwanden, namentlich im Finanzsektor. Dividenden sind also mit einer gewissen Unsicherheit behaftet, worin ich im Allgemeinen eine der größeren Herausforderungen sehe. Andererseits liegt vieles bereits hinter uns.

Bodie: Dem bisher Gesagten möchte ich folgendes hinzufügen: Jeder sollte sein individuelles Gesamtkapital als Kombination aus Finanz- und Humankapital betrachten. Solange das Humankapital sicher ist, kann das Finanzkapital in jungen Jahren sehr stark in Aktien und im Alter stärker in Anleihen investiert sein. Als Beispiel möchte ich meinen an der Wall Street tätig Schwiegersohn ins Spiel bringen. Angesichts der Volatilität seiner Branche ist sein Humankapital mit riskanten Aktien vergleichbar, weshalb ich ihm immer wieder ins Gewissen rede, er solle sein gesamtes Vermögen in festverzinsliche Wertpapiere anlegen.

Bogle: Haben Sie ihn überzeugt?

Bodie: Ja.

Bogle: Erstaunlich, glaubt man in dieser Branche doch, die Bäume würden in den Himmel wachsen.

Bodie: Ich war sehr hartnäckig, da er die Verantwortung für meine drei Jahre alte Enkeltochter trägt, die im Moment der kostbarste Schatz in meinem Leben ist.

Text: BusinessWeek Online/S&P

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