Attraktiver Wachstumsmarkt

Islamische Finanzprodukte haben viel Zulauf

Von Benedikt Fehr

23. Juli 2008 Finanzprodukte, die den Vorschriften des Islams entsprechen, sind nach Einschätzung des Beratungsunternehmens Booz & Company ein attraktiver Wachstumsmarkt. Die Bilanzsumme islamischer Banken werde Ende 2008 umgerechnet gut 300 Milliarden Euro erreichen, schätzt Philipp Wackerbeck, ein Booz-Fachmann für „Islamic Finance“. Angesichts von 3,2 Millionen Muslimen in Deutschland gebe es auch hierzulande einigen Bedarf an Produkten, die der Scharia, also dem islamischen Recht, entsprechen. Anders als in anderen Ländern hapere es hierzulande aber noch an den rechtlichen Rahmenbedingungen für solche Finanzprodukte, sagte Wackerbeck auf einer Pressekonferenz.

Anders als das westliche Recht verbietet das islamische Recht, dass Banken Geldzinsen erheben. Verboten sind ferner bestimmte Glücksspiele und Spekulationsgeschäfte. Das macht es erforderlich, Finanz- und Versicherungsgeschäfte anders zu strukturieren als hierzulande gewohnt. Mit dem wachsenden Einfluss der Religion hat in vielen islamischen Gesellschaften das Interesse an schariakonformen Finanzprodukten in den vergangenen Jahren stark zugenommen. In Saudi-Arabien machten solche Produkte im Neugeschäft mit privaten Kunden bereits 70 Prozent aus, berichtete Wackerbeck. Auch die mit sehr viel Geld ausgestatteten Staatsfonds einiger muslimischer Ölländer investierten verstärkt schariakonform. Große Märkte für „Islamic Finance“ seien auch Indonesien, ferner Indien, Malaysia sowie die Staaten in Nordafrika und dem Nahen Osten.

Autokauf um zwei teure Ecken

Im Durchschnitt seien in der islamischen Welt bislang erst etwa 15 Prozent der Finanzprodukte schariakonform, schätzt Wackerbeck. Setze man diesen Durchschnittswert an, gebe es unter den in Deutschland lebenden Muslimen einen Bedarf an islamischen Anlageprodukten wie zum Beispiel schariakonformen Investmentfonds von jährlich fast 600 Millionen Euro. Das Volumen an Baufinanzierungen sei auf 400 Millionen Euro jährlich zu veranschlagen, das der Konsumentenkredite auf 220 Millionen Euro.

Allerdings fehle es hierzulande noch an den rechtlichen Voraussetzungen, einen wettbewerbsfähigen Markt für islamische Finanzprodukte zu etablieren, kritisierte Wackerbeck. Beispielsweise ist es einer islamischen Bank verboten, einem Kunden einen Autokredit zu gewähren. Stattdessen erwirbt die Bank das Auto selbst und verkauft es dann unmittelbar etwas teurer an den Kunden; der Kunde zahlt dann das Auto in Raten ab - wobei er die Bank statt über Zahlung eines Zinses über den erhöhten Autopreis vergütet.

Bundesbank will keine Benachteiligung

Wird ein Immobilienkredit so strukturiert, fällt hierzulande zum Beispiel die Grundsteuer gleich zweimal an - was es den hiesigen Muslimen sehr erschwert, einen islamgerechten Immobilienkredit aufzunehmen. Die Deutsche Bundesbank hat deshalb schon vor einiger Zeit gefordert, ähnlich wie in einigen Nachbarländern einschlägige Gesetze und Vorschriften so zu ändern, dass schariakonforme Finanzgeschäfte gegenüber konventionellen nicht benachteiligt werden. Dies werde letztlich die Eingliederung der muslimischen Mitbürger in die deutsche Gesellschaft fördern, argumentierte die Bundesbank.

Großbritannien hat in den vergangenen Jahren bereits die gesetzlichen Rahmenbedingungen für „Islamic Finance“ geschaffen. So gibt es am Finanplatz London nach einer Studie von Standard & Poor's inzwischen fünf islamische Banken, einen islamischen Versicherer sowie rund 20 traditionelle Banken, die schariakonforme Finanzprodukte anbieten. Dem Bericht zufolge hat vor wenigen Tagen nun auch der französische Finanzminister angekündigt, die Rahmenbedingungen für islamische Finanzgeschäfte zu schaffen - um den diesbezüglichen Rückstand gegenüber London aufzuholen. Von der deutschen Regierung seien ihm diesbezüglich keine konkreten Initiativen bekannt, sagte Wackerbeck.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: F.A.Z.

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