Von David Henry und Matthew Goldstein

Ein großes Schild "Räumungsverkauf" könnte Lehman Brothers an ihr Gebäude am Times Square in New York hängen
29. August 2008 Lehman Brothers könnte sich auch ein ramponiertes und verblichenes Schild mit der Aufschrift Räumungsverkauf an ihren Hauptsitz am Times Square in New York hängen. Seit Monaten versucht die viertgrößte Investmentbank der Vereinigten Staaten, mit dem Verkauf von guten und weniger guten Vermögenswerten ihr Überleben zu sichern.
Im ersten Quartal wurden Bestände im Wert von 140 Milliarden Dollar abgestoßen. Nun erwägt Lehman die Veräußerung seiner Kronjuwelen in Gestalt des Vermögensverwalters Neuberger Berman. Daneben dürfte die Bank nach Käufern für einen Teil ihrer verbrieften gewerblichen Immobilienkredite Ausschau halten.
Die verzweifelten Anstrengungen von Lehman stehen sinnbildlich für die Angst, die derzeit an der Wall Street und an den Finanzmetropolen Europas umgeht. Großbanken stählen sich für eine weitere Verlustrunde, was zu einem der größten Vermögensverkäufe seit Beginn der Kreditkrise vor mehr als einem Jahr führen könnte. Das mögliche Volumen der Notverkäufe beträgt etwa zwei Billionen Dollar. Lehman lehnte eine Stellungnahme ab.
Es ist kein Geld da
Zwar bringen Geier-Investoren rekordhohe Geldsummen auf, die jedoch nicht ausreichen dürften, um sich sämtliche dieser Vermögenswerte einzuverleiben. Und selbst wenn Banken einen Käufer finden sollten, sehen sie sich möglicherweise gezwungen, ihren Angebotspreis kräftig zu reduzieren, wodurch ihre Bilanzen noch weiter strapaziert würden. Das Geld ist schlicht nicht da, sagt Joseph Mason, Professor an der Louisiana State University. Wir werden Zeugen gescheiterter Verkaufsversuche werden.
Am Markt geht die Angst um, dass weitere Unternehmen das Schicksal von Bear Stearns und Indy Mac teilen könnten, wenn es den Banken nicht gelingt, genügend Vermögenswerte zu verkaufen. Am 27. August berichtete der amerikanische staatliche Einlagensicherungsfonds FDIC, dass sich die Zahl der in Schwierigkeiten befindlichen Kreditinstitute auf ihrer Problemliste im vergangenen Quartal um 30 Prozent auf 117 erhöht hat. Es ist eine wirklich schreckliche Zeit und es wird nur noch schlimmer, sagt Christopher Whalen vom Analyse- und Beratungsunternehmen Institutional Risk Analytics.
200 Milliarden Dollar sind wohl im dritten Quartal weg
Nach Schätzungen der Kreditanalysten von J.P. Morgan Securities müssen Banken im dritten Quartal weltweit mit weiteren Verlusten und Wertberichtigungen in Höhe von 200 Milliarden Dollar rechnen, wodurch sich das Gesamtvolumen auf dann 700 Milliarden Dollar erhöhen würde. Wenn die Kreditkrise schließlich und endlich vorbei ist, könnte die Gesamtsumme sogar die pessimistischsten Schätzungen von zwei Billionen Dollar übersteigen.
Bis dato haben Banken die hierdurch in ihrer Kapitaldecke entstandenen Löcher größtenteils mit Fremdmitteln gestopft. Doch diese Quelle versiegt. Einerseits wird es schwieriger, jene Wertpapiere mit Sonderkonditionen zu begeben, mit denen Staatsfonds und anderen Investoren die Verabreichung gewaltiger Finanzspritzen an Citigroup, Merrill Lynch und anderen krisengeschüttelten Unternehmen versüßt wird. Andererseits dürften viele dieser ersten Kapitalgeber angesichts des mittlerweile dramatischen Wertverlusts ihrer Investments von Reue geplagt sein.
Ohne einen Retter in der Not werden Banken vermutlich auf den Verkauf von Vermögenswerten zurückgreifen müssen, um eine den Ansprüchen der Aufsichtsbehörden und Investoren genügende Kapitalausstattung zu wahren.
Wenig Andrang beim großen Schlussverkauf
Wie groß könnte der Umfang der verkauften Vermögenswerte sein? Im Allgemeinen streben Handelsbanken an, für je 10 Dollar an Vermögenswerten in ihrem Besitz einen Dollar Kapital zu halten; für Investmentbanken steigt dieses Verhältnis auf rund 20:1. Wenn also die für das laufende Quartal prognostizierten Verluste und Wertberichtigungen von Banken und anderen Finanzunternehmen im Volumen von 200 Milliarden Dollar zuträfen, dann könnten etwa zwei Billionen Dollar an Vermögenswerten auf der Verkaufsliste stehen, darunter auch bestes Tafelsilber.
Der große Schlussverkauf an der Wall Street dürfte allerdings nicht sonderlich gut besucht sein. Die Geier-Fonds als größte Gruppe der Krisengewinnler haben nach Angaben des Dow Jones Private Equity Analyst in den vergangenen 18 Monaten 70 Milliarden Dollar aufgebracht. Andere Vermögensverwalter haben weitere 30 Milliarden Dollar für Finanzanlagen bereitgestellt. Verkäufer dürften mit großzügigen Finanzierungsbedingungen locken, die aus diesen 100 Milliarden Dollar eine Kaufkraft von 400 Milliarden Dollar generieren, wobei der kürzliche Verkauf von Vermögenswerten durch Merrill Lynch als Vorbild dient.
Ende Juli erwarb die Private-Equity-Gesellschaft Lone Star Funds strukturierte Wertpapiere (CDOs) von Merrill Lynch im Wert von 30,6 Milliarden Dollar zu einem Schleuderpreis von 6,7 Milliarden Dollar, wobei 75 Prozent des Verkaufspreises mit einem Kredit von Merrill an Lone Star finanziert wurde. Selbst mit einer derartigen Dehnung der Geldmittel können Geier-Fonds und andere opportunistische Investoren das enorme Volumen an Vermögenswerten unmöglich aufnehmen.
Banken haben noch nicht genug verkauft
Zwar haben Banken das Ausmaß ihrer zum Verkauf stehenden Vermögenswerte reduziert, um einem möglichen Überangebot entgegenzuwirken, ihre Anstrengungen reichen jedoch nicht aus. Einige Akteure waren nicht bereit, Vermögensbestände in Zeiten schwacher Marktlage zu verramschen. Bei anderen wurden Verkäufe dadurch kompensiert, dass Wertpapiere wieder auf die eigenen Bücher genommen werden mussten - was dem Vorgang ähnelt, das in ein sinkendes Boot eintretende Wasser mit einem Schwamm aufzusaugen. So verkaufte etwa die Citigroup ihr deutsches Privatkundengeschäft im Juli 2008 für 7,7 Milliarden Dollar an die französische Bank Crédit Mutuel, erklärte sich jedoch einen Monat später auf Druck der Aufsichtsbehörden bereit, Auktionsanleihen (ARS) im Wert von bis zu 7,3 Milliarden Dollar von ihren Kunden zurückzukaufen.
David A. Hendler von der Marktforschungsgesellschaft CreditSights schätzt, dass die Bank im laufenden Quartal zwischen vier und sechs Milliarden Dollar einbüßen wird, was zu einem Verkauf von Vermögenswerten in der Größenordnung von etwa 40 Milliarden Dollar führen könnte. Dies dürfte einer der Gründe sein, weshalb Lehman-Chef Richard Fuld nach Angaben von Bloomberg News die Gründung einer eigenständigen Rechtseinheit für den Ankauf verbriefter gewerblicher Immobilienkredite anstrebt.
Der Verkauf könnte zu spät kommen
Diese Schritte könnten jedoch zu spät kommen. Man hätte sich von den üblen Papieren trennen müssen, bevor die Leute bemerkt haben, wie übel diese wirklich sind, sagt Brad Golding, Portfoliomanager bei Christofferson, Robb & Co. Für viele dieser Vermögenswerte ist kein Markt vorhanden, weshalb sie gezwungen sind, das Familiensilber zu verscherbeln.
Erschwerend kommt hinzu, dass sich die Käufer in Zurückhaltung üben - entweder warten sie ab, wie attraktiv die Schnäppchen noch werden oder sie sorgen sich, dass ein Überangebot an Vermögenswerten den Wert früherer Erwerbungen schmälert. Einige Analysten befürchten, dass Lehman große Probleme mit einer Veräußerung von Neuberger Berman haben dürfte, nachdem Gerüchte die Runde machen, dass auch andere Vermögensverwaltungssparten zum Verkauf stünden, einschließlich jener der ins Straucheln geratenen Großbank Wachovia. In einer öffentlichen Mitteilung gab Wachovia bekannt, dass ihre Investmentgruppe nicht zum Verkauf stehe, man sich aber von Vermögenswerten trennen wolle, die nicht zum Kerngeschäft zählten.
Werden Pensionsfonds einspringen?
Einige Banken kommen vielleicht um den großangelegten Verkauf von Vermögenswerten herum. Neue Käufer könnten auf den Plan treten, etwa Pensionsfonds. Die anhaltende Krise gibt den Menschen mehr Zeit, Produkte zu prüfen, an deren Kauf sie früher vielleicht nicht einmal im Traum gedacht hätten, sagt Anil Kashyap, Professor an der Graduate School of Business der Universität von Chicago. Daneben könnten Banken mit Kostensenkungen gegensteuern. Außerdem profitieren die Banken von den niedrigeren Leitzinsen, die den Spread (die Differenz) zwischen ihren Refinanzierungskosten bei der Notenbank und den ihren Kunden berechneten höheren Kreditzinsen ausweiten.
Diese Art der Reha braucht jedoch Zeit - ein Luxus, den viele Banken nicht haben.
David Henry und Matthew Goldstein sind Redakteure von Business Week.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: dpa, F.A.Z.
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