17. März 2008 Mit deutlichen Kursverlusten reagieren die internationalen Börsen auf die andauernde Kreditkrise. Der Verkauf der Investmentbank Bear Stearns in Verbindung mit staatlichen Garantien macht die Dramatik der Entwicklung deutlich.
Professor Nouriel Roubini von der Stern School at New York University hat diese Entwicklung kommen sehen. Wurde er anfangs angesichts seiner Prognosen noch milde belächelt, so dürfte inzwischen vielen das Lachen vergangen sein (siehe auch: Die Kreditkrise ist noch lange nicht vorbei und Die Börsianer sind zu optimistisch).
Er rechnet weiterhin mit einer tiefen, länger dauernden Rezession mit deflationären Folgen.
Herr Roubini, Sie fürchten, die Weltwirtschaft bewegt sich in zwölf Stufen zur Kernschmelze, dem absoluten Crash. Auf welcher Stufe sind wir gerade?
Es ist kein Prozess, der sich schrittweise vollzieht. Auf jeder dieser zwölf Stufen läuft gerade alles gleichzeitig ab. Daher ist eher die Frage, welches Ausmaß die Krise auf jeder Stufe schon angenommen hat. Die Immobilienkrise zum Beispiel hat sich von den faulen Krediten über die weniger guten gesteigert und jetzt die guten erreicht. Auch der Markt der Gewerbeimmobilien ist in Schwierigkeiten. Die Konsumentenkredite wanken, der Markt der Autokredite auch, die Kreditausfallraten bei den Unternehmen steigen, der Aktienmarkt stürzt ab. Das alles passiert zur selben Zeit. Die Frage ist: Wie schlimm wird es noch?
Das fragen wir uns auch.
Meine Sorge ist: Die Finanzkrise wird noch viel, viel schlimmer.
Was spricht dafür?
Sehen Sie sich die Finanzmärkte an: Ständig geht eine neue Sorge um. Die Kreditkrise wird jeden Tag schlimmer, dazu kommt das heftige Eingreifen der Fed . . .
. . . der amerikanischen Notenbank.
Da kommen jeden Tag neue Informationen ans Licht, aber niemand schafft es, die Zinsen der Banken wirklich zu senken. Außerdem ist das Verbriefungsgeschäft eingefroren. Jeden Tag hören Sie Nachrichten über Institute, die kurz vorm Zusammenbruch stehen. Nun ist auch die Großbank Bear Stearns bankrott.
Aber die Notenbank hat versucht, Bear Stearns zu retten?
Ich habe mit vielen Marktteilnehmern gesprochen: Manager großer Hedge-Fonds haben gesagt, dass sie das Geschäft mit Bear Stearns gestoppt haben. Die Bank hat kein Geld mehr. Das ist eine Tatsache, kein Gerücht mehr. Das Eingreifen der Fed ist der Beweis. Nun versuchen JP Morgan und die Fed verzweifelt, etwas zu retten. Aber Bear Stearns ist bankrott, egal, was die Notenbank macht. Wenn eine große Investmentbank der Vereinigten Staaten in die Insolvenz schlittert, dann würde ich das ein ziemlich großes Problem nennen.
Werden weitere Banken zusammenbrechen?
Mein Eindruck ist, dass einige Banken bereits in großen Schwierigkeiten stecken. Landesweit. Sehen Sie doch nur die 50 Milliarden Dollar an, die sie schon als Unterstützung erhalten haben. Vielleicht waren ein paar Banken nicht so aktiv im Immobiliengeschäft. Aber eine durchschnittliche Bank macht ungefähr 75 Prozent ihres Geschäfts mit Immobilienkrediten.
Wer ist das nächste große Opfer?
Es trifft nicht nur die Großen. Viele Finanzinstitute geraten jetzt in ernste Liquiditäts- und Solvenzprobleme. Vielleicht werden bald ein paar Private-Equity-Fonds mit dem Bauch nach oben schwimmen oder ein paar Hedge-Fonds. Es trifft jeden Tag irgendwen.
Aber wer wird der Nächste sein?
Ich werde hier keine Namen nennen. Aber es ist bekannt, dass einige große Banken den Großteil ihres Geschäfts mit Immobilienkrediten machen, in Regionen wie Kalifornien oder Nevada, wo die Hauspreise verfallen. Das Problem von Bear Stearns teilen mindestens noch ein paar Große.
Wird die Fed denen auch helfen?
Die Fed muss gerade einem Problem ins Auge sehen: Ihre Instrumente sind ziemlich wirkungslos. Sie kann das Liquiditätsproblem lösen, aber nicht das Solvenzproblem. Es mussten sich schon Hunderte kleiner Darlehensbanken aus dem Geschäft zurückziehen, große Baukonzerne mussten aufgeben, Finanzinstitute auch. Das alles mündet in eine ernste Rezession, bei der viele Unternehmen pleitegehen. Das kann die Geldpolitik nicht verhindern. Denn in diesem Bereich der Finanzbranche, bei den Darlehensbanken und Investmentbanken, funktionieren Rettungsmaßnahmen nicht, wie wir sie bei Bear Stearns sehen.
Hat die Notenbank zu spät eingegriffen?
Ich glaube, die Fed hat das Problem jahrelang unterschätzt. Wir hatten nicht nur eine Kreditblase, sondern auch eine Immobilienpreisblase. Das trifft Hausbauer, Banken und Unternehmen. Die Fed hätte das Problem drei, vier Jahre früher angehen müssen. Jetzt kann sie nur noch Schadensbegrenzung betreiben, aber die Rezession nicht mehr verhindern.
Hat das niemand gesehen? Sie haben ja früh davor gewarnt.
Stimmt, ich habe seit Jahren gewarnt, dass wir eine ziemlich hässliche Rezession bekommen. Es gab viele, die sich Gedanken machten, aber wir Pessimisten waren in der Minderheit. Jetzt bekommen wir eine späte Bestätigung.
Haben Sie nicht eindringlich genug gewarnt?
Zu viele Leute haben sich blenden lassen. Davon, dass die Wirtschaft weiter lief und wuchs. Das ist ganz typisch. Das gibt es nicht nur in Amerika, sondern auch in anderen Ländern immer wieder. Die Menschen haben der Politik blind vertraut, den Aufsichtsbehörden, den Regulierern. Gleichzeitig hat eine Laissez-faire-Haltung viele Formen abenteuerlicher Finanzinnovationen entstehen lassen.
Wen genau machen Sie verantwortlich für diese Krise?
Zum Teil ist es ein Versagen der Politik, zum Teil hat der Finanzmarkt falsche Anreize gesetzt. Die Fed hat Fehler gemacht, weil sie die Zinsen so tief gehalten und damit die Immobilienblase aufgebläht hat. Staatliche Stellen haben die Praxis der Kreditvergabe ignoriert. In der Nahrungskette hatte eigentlich jeder Schuld, vom Darlehensgeber über diejenigen, die faule Kredite weiterverkauft haben, bis zu den Rating-Agenturen, die diesen Schrott geratet haben. Dadurch konnte der Markt die Risiken nicht mehr einschätzen. Alle können sich die Schuld teilen.
Das hilft nun keinem mehr.
Stimmt, wir bekommen einen Zusammenbruch, wenn jetzt keine großen Eingriffe erfolgen.
Was kann noch helfen?
Etliche Banken werden einfach zusammenbrechen, wenn wir sie nicht verstaatlichen. Oder wenn die Regierung jetzt nicht ihre faulen Kredite aufkauft - zu Preisen, die weit über den Marktpreisen liegen. Das kostet den Staat eine Unmenge, doch er hat sowieso ein Problem: Ob er nun Banken verstaatlicht, faule Kredite kauft oder die nächste Welle abwartet: Es wird teuer und ziemlich schlimm. Es geht nicht mehr ohne einen großen Eingriff.
Ist das die Lösung?
Die Banken verstaatlichen? Nicht alle. Aber bevor sie dabei draufgehen, gibt es keine andere Option. Wenn der Staat nur die faulen Kredite aufkauft, ist das nichts anderes als enorme Subventionen. Da kann er die Banken besser gleich ganz kaufen und sie anschließend zu Geld machen.
Hat er denn dafür genug Geld?
Wenn man den Berechnungen glauben kann, macht der Wert der notleidenden Banken nur sieben Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Das ist eine riesige Geldsumme, aber eben nur ein Teil der Wertschöpfung. Im schlimmsten Fall sind es 20 Prozent. Andere Länder haben so etwas auch schon gemacht.
Im Moment kämpfen andere Länder auch mit der Krise.
Ja, die europäischen Märkte zum Beispiel. Ich erwarte, dass sich das Wachstum hier merklich verlangsamt. Die Kreditkrise hindert auch europäische Unternehmen, sich wie gewohnt Geld zu leihen, es auszugeben und zu investieren. Dazu kommt, dass der Euro steigt und steigt - das zieht die Wettbewerbsfähigkeit in Mitleidenschaft. Vor allem die von deutschen Firmen, die vom Export leben. Außerdem bläst sich auch in Europa eine Immobilienblase auf, die platzen wird. Nicht in Deutschland, aber in England, Spanien, Italien, Frankreich, Portugal und Griechenland. Wir stehen erst am Anfang der Spirale, Europa hat noch nicht das ganze Ausmaß der Rezession gesehen.
Wie schlimm wird es noch?
Angesichts der amerikanischen Konsum- und Arbeitsmarktzahlen müssen sogar Optimisten zugeben, dass wir mittendrin sind. Manche sagen, die Rezession wird sechs Monate dauern und weniger schlimm als die von 1991. Ich bin überzeugt, dass die Fundamentaldaten heute viel schlimmer sind: Wir haben die größte Immobilienblase seit der großen Depression, die Konsumenten können kein Geld mehr ausgeben und sparen wenig. Wir sehen die größte Finanzkrise der letzten dreißig Jahre. Die Rezession muss also länger dauern.
Wie lange? Mindestens zwölf Monate, vielleicht anderthalb Jahre.
Und gibt es die große Kernschmelze? Oder besteht noch Hoffnung? Ich bin nicht so pessimistisch, dass wir in eine tiefe Depression rutschen oder in eine Krise wie Japan in den neunziger Jahren. Ich glaube, dass Amerika ein paar Fehler vermeidet, die Japan gemacht hat: Japan hat geldpolitisch zu stark eingegriffen, ohne die Unternehmens- und Bankschulden auszumisten. Es wird also keine zehn Jahre dauern. Aber dies ist keine typisch milde Rezession. Es ist eine systemische Krise. Die Probleme haben sich übers ganze System verteilt.
Der Weltökonom
Nouriel Roubini, 48, ist amerikanischer Volkswirt und einer der angesehensten Wirtschaftsprofessoren der Vereinigten Saaten. Er lehrt an der Stern School of Business in New York, war zuvor Assistenzprofessor in Yale und promovierte an der Elite-Universität Harvard. Roubini stammt aus einer orthodoxen jüdischen Familie aus dem Iran. Er wurde in Istanbul geboren und ist in Italien aufgewachsen. Seine Studienzeit verbrachte er in Italien und Israel. Nach seinem Abschluss wechselte er in die Vereinigten Staaten.
Seit einigen Jahren versorgt Roubini mit einer eigenen Beratungsagentur den amerikanischen Kapitalmarkt mit Wirtschaftsanalysen. Zuvor war er Mitglied im Entscheidungsgremium des internationalen Währungsfonds, Berater der Weltbank sowie des amerikanischen Finanzministeriums und des amerikanischen Präsidenten.
Das Gespräch führte Nadine Oberhuber.
Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 16.03.2008, Nr. 11 / Seite 39
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Die Steuer zu fordern ist unter allen Umständen richtig!
22:41 22:33Zu Griechenland und der dortigen Misere
22:19Na da hat sich der "Ölbefreiungskrieg" des G. W. Bush doch gelohnt!
22:16