25. Januar 2008 Die Weltbörsen haben sich in den vergangenen Handelstagen zwar wieder etwas berappelt. Unter dem Strich fällt die bisherige Jahresbilanz aber dürftig aus. Und auch auf Sicht von mehreren Wochen stehen zumeist Minuszeichen zu Buche.
Dieses Fazit kann auch für die Wall Street gezogen werden. Das ist zunächst etwas erstaunlich, weil dort die Notenbank schon im September damit begonnen hat, wieder die Zinsschleusen zu öffnen. Sinkende Zinsen jedoch ziehen in den meisten Fällen steigende Aktienkurse nach sich, heißt es vielfach.
Doch zumindest dieses Mal ist das anders. Selbst die markante und vorgezogene Zinssenkung um 75 Basispunkte vom vergangenen Dienstag hat ihre Wirkung bisher verfehlt. Zwar haben die Kurse begonnen, sich etwas zu erholen, verglichen mit der Vorwoche notiert der S&P 500 Index aber noch immer im Minus.
Kursverhalten bisher ähnlich enttäuschend wie 2001
Doch nicht nur die mittelfristige Bilanz fällt ernüchternd aus, sondern auch das mittelfristige Ergebnis. Denn selbst gut vier Monaten nach der ersten Zinssenkung durch die Fed hat der S&P 500 Index vom aktuellen Zinszyklus praktisch nicht profitiert, obwohl der Leitzins immerhin schon um insgesamt 175 Basispunkte gesenkt wurde. Die bisher ausgebliebene positive Kursreaktion auf die Zinssenkungen stimmt auch aus historischen Überlegungen heraus zumindest etwas nachdenklich. Das letzte Mal, als das passierte, war nämlich bei dem im Januar 2001 begonnenen Zinssenkungszyklus: Wie schwer sich die Börsen danach lange Zeit taten, hat bestimmt kein Anleger vergessen.
Ganz so schlimm wie damals, als der S&P 500 Index 644 Tage nach der ersten Zinssenkung im Tiefpunkt fast 40 Prozent verloren hatte, muss es dieses Mal zwar nicht zwangsläufig kommen. Der Blick zurück in die jüngere Vergangenheit zeigt aber auch eindrücklich, dass Zinssenkungen nicht automatisch einen Freifahrtschein für steigende Kurse darstellen.
Darauf weisen auch die Analysten der Bayerische Hypo- und Vereinsbank in einer Studie hin, die sich mit dem Kursverhalten des S&P 500 Indes in den Phasen der Zinssenkungszyklen der vergangenen 20 Jahre auseinandersetzt. Aus der diesmal zögerlichen Kursreaktion schlussfolgern sie, dass die Besonderheit im aktuellen Zyklus darin besteht, dass Zinssenkungen die strukturellen Probleme der Kreditkrise zwar mildern, aber nicht beheben können. Selbst die Äußerungen von Fed-Chef Bernanke hätten Zweifel hinsichtlich einer schnellen stabilisierenden Wirksamkeit der Zinssenkungen geschürt.
Ohne stabilisierte Finanzaktien hat es auch der Gesamtmarkt schwer
Für die Analysten der Bayerische Hypo- und Vereinsbank bleibt aus dem Blickwinkel eines Aktieninvestors das Ausmaß der negativen Rückwirkungen der Kreditkrise auf die Kreditvergabe das zentrale Thema. Denn trotz der im Gange befindlichen Phase der Rekapitalisierung des Finanzsektors zeichne sich noch keine Stabilisierung ab. Mit Blick auf die kommenden Monate bestehen weitere Risiken auch darin, dass die Banken nach den direkten Verlusten aus der Subprime-Krise nun zunehmend gezwungen sind, für die Kreditrisiken aus einer allgemeinen konjunkturell bedingten Verschlechterung des Kreditportfolios vorzusorgen.
Risiken gehen auch von den Eigenkapital-Schwierigkeiten der Kreditversicherer in Amerika aus. Als Konsequenz dieser Bestandsaufnahme kommen sie zu dem Schluss, dass sich der Gesamtmarkt solange nicht wirklich nachhaltig erholen kann, solange sich im Finanzsektor (insbesondere dem Bankensektor) keine Stabilisierung vollzieht. Anleger, die über die Frage nachdenken, wann der richtige Zeitpunkt für einen Wiedereinstieg in den Markt gekommen ist, sollten in der Tat auf jeden Fall das Kursverhalten der Bankaktien als Orientierungshilfe mit verwenden.
Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.
Text: @JüB
Bildmaterial: Bayerische Hypo- und Vereinsbank AG, FAZ.NET