Strategie

„Short-Seller“ kontern den Vogelgrippe-Wahn

07. November 2005 Hedge Fonds hatten lange Zeit etwas mystisches an sich. Denn es war wenig über sie bekannt und sie gerieten eigentlich nur dann in die Schlagzeilen, wenn ein George Soros das Pfund aus dem europäischen Wechselkursmechanismus kippte oder ein Wirtschaftsnobelpreisträger mit dem LTCM-Fonds eine Pleite in einer Größenordnung hinlegte, die sogar die Notenbanken zum Eingreifen veranlaßte.

Das änderte sich erst in der vergangenen Baisse. Plötzlich stießen Hedge Fonds auf mehr Interesse. Denn sie waren angeblich in der Lage, Anlegern auch in schwierigen Verhältnissen und bei fallenden Börsen interessante Renditen zu bieten. Und in solchen Situationen werfen viele um des materiellen Vorteils willen alle Vorbehalte über Bord und öffnen sich opportunistisch.

„Short-Seller“ sind mehr als „kapitalistische Hyänen“

Denn Vorbehalte gab es en masse. Und es gibt sie auch heute noch, auch wenn inzwischen öfter und meistens auch etwas objektiver als früher über sie berichtet wird. Das gilt auch für die so genannten „Short-Seller“. Das ist jene Stilrichtung der Fondsmanager, die sich darauf spezialisiert hat, Aktien von Unternehmen, die sie für überbewertet halten, zu leihen und sie leer zu verkaufen. Sie spekulieren auf diese Weise darauf, daß der Kurs dieser Papiere nachgibt und sie in die Lage versetzt, sie später zu einem günstigeren Preis zurückkaufen zu können. Teuer verkauft - günstig zurückerworben - die Differenz ist der Gewinn, so lautet ihre Rechnung.

Viele Anleger betrachten solche Aktivitäten mit Abneigung oder sind sogar wütend. Denn sie fühlen sich bedroht oder gar geschädigt, wenn sie eine entsprechende Aktie im Depot haben. Moralisten bezeichnen „Short-Seller“ manchmal gar als „kapitalistische Hyänen“, die ohne Rücksicht auf „arme Anleger“ alles tun würden, um „unredlichen Profit“ zu machen. Objektiv betrachtet ist es allerdings ein gesunder Prozeß, der die Transparenz im Markt erhöht und zumindest zu einer vorsichtigeren Betrachtung des jeweiligen Unternehmens führt. Denn Hyänen haben in der Regel eine gute Nase und belauern ihr Opfer meistens nicht ohne Grund.

Das könnte im Moment auch für die Aktien von Unternehmen gelten, die vom Vogelgrippe-Wahn nach oben getragen wurden. Kursgewinne mögen bei einzelnen Unternehmen wie Roche ihre Berechtigung haben, die tatsächlich ein Medikament gegen das Virus anbieten können. Immerhin ist selbst die amerikanische Regierung bereit, riesige Summen für solche Medikamente wie Tamiflu auszugeben, obwohl das Virus bis jetzt kaum auf den Menschen übergegangen ist.

„Vogelgrippe-Wahn“ bei unseriösen Trittbrettfahrern

Vom immer weiter um sich greifenden Vogelgrippe-Wahn konnten auch einige Aktien von Unternehmen profitieren, die das nach Einschätzung kritischer Analysten nicht verdient haben. Die Experten von Ascensio.com nennen beispielsweise die Unternehmen AVI BioPharma, BioCryst Pharmaceuticals, Generex Biotechnology Corporation, SciClone Pharmaceuticals oder auch Sinovac Biotech.

Diese fünf Unternehmen hätten zwar behauptet, sie entwickelten Impfstoffe gegen die Vogelgrippe. Allerdings könne keines dieser Unternehmen einen entsprechenden Impfstoff vorweisen. BioCryst und Generex konnten bisher überhaupt noch kein Produkt auf den Markt bringen. Das Urteil von Manuel Ascensio hat Gewicht. Denn er hat mit seinem Short-Selling-Fonds - verkauft wurden die Aktien von insgesamt 31 Unternehmen - von 1996 bis 2003 eine durchschnittliche Jahresrendite von knapp 47 Prozent erzielt.

Dagegen haben es Short-Seller als Anlagestil nicht einfach. Denn langfristig betrachtet stellen sie sich gegen einen nach oben tendierenden Markt, der in Boomphasen auch die Aktien schlechter Unternehmen mit nach oben nimmt. Aus diesem Grund gehen Short-Seller nicht nur große Risiken ein, da der Kurs einer Aktie theoretisch in Unendliche steigen kann, sondern sie haben im Durchschnitt Mühe, Gewinne zu erzielen (siehe Chart). Manuel Ascensio dürfte das Glück gehabt haben, im richtigen Zeitpunkt am Markt gewesen zu sein. Denn wann waren Aktien schon einmal so überbewertet wie in den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts?

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET

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