Von Hanno Beck
10. November 2003 Blickt man derzeit auf die Fondsindustrie jenseits des großen Teiches, so entsteht rasch der Eindruck, daß die amerikanische Fondslandschaft einem Sündenbabel gleicht: Eine negative Schlagzeile über zweifelhafte Geschäftspraktiken amerikanischer Fonds jagt derzeit die nächste. New Yorks Staatsanwalt Elliot Spitzer droht der Branche mit drastischen Strafen, die seinen Worten zufolge weh tun sollen. Und daß dieser Skandal der Branche weh tun dürfte, ist schon jetzt absehbar.
Den Ermittlern geht es um verschiedene Praktiken, mit denen die Fondsgesellschaften ihren Kunden geschadet haben sollen. Zum einen praktizierten Kunden der Fondsgesellschaften das sogenannte "Market Timing": Sie verkauften ihre Fondsanteile innerhalb sehr kurzer Zeitabstände, um Preisunterschiede zwischen internationalen Finanzmärkten auszunutzen. Im Prinzip handelt es sich dabei um die Ausnutzung von Arbitrage-Möglichkeiten, die überall dort entstehen, wo zwischen dem Handelsschluß an einer Börse und der Preisfeststellung eines Fonds, der an dieser Börse investiert, zu große Zeitabstände liegen.
Diese Praktik ist zwar nicht explizit verboten, führt aber dazu, daß die Fonds mit hohen Transaktionskosten belastet werden - zum Ärger der übrigen Anteilseigner, die diese Kosten dann mittragen müssen. Die meisten amerikanischen Fondsgesellschaften versuchen nach eigenen Angaben, dieses Verhalten zu unterbinden, indem sie Aufträge von kurzfristig orientierten Anlegern verweigern oder zusätzliche Gebühren für häufige Transaktionen verlangen.
So etwas ist in Deutschland nicht möglich
"Unfein, aber nicht illegal", kommentieren deutsche Branchenbeobachter diese Praktiken, betonen aber zugleich, daß so etwas in Deutschland nicht möglich sei - nicht mehr, um präzise zu sein. Ähnliche Praktiken habe man in der Vergangenheit durchaus beobachten können, so von cleveren Vermögensverwaltern, die dieses Spiel beispielsweise mit japanischen, aber auch mit amerikanischen Fonds betrieben: Wenn im Zeitraum zwischen dem Börsenschluß in Amerika und der anschließenden Preisfeststellung für den Amerika-Fonds in Deutschland am Tag darauf wichtige Ereignisse passierten, die eine Indikation für die Kursrichtung an der Wall Street für die Handelseröffnung geben, so reagierten sie entsprechend darauf und kauften am Morgen den Fonds, dessen Wert erst am Mittag festgestellt wurde und sich noch nach den Schlußkursen der Sitzung vom Vortag richtete. Stiegen die Kurse in der anschließenden Sitzung, so stieg auch der Wert der Fondsanteile, welche die findigen Arbitrageure dann am nächsten Tag mit Gewinn verkauften.
Doch diesen Arbitragekünstlern kam man bei den Fondsgesellschaften rasch auf die Schliche: Wo immer größere Summen in sehr kurzen Zeiträumen hin- und hergewuchtet wurden, sah man genauer hin. Die Gesellschaft selbst kann an diesen Strategien nämlich auch kein Interesse haben, führen sie doch dazu, daß die Transaktionskosten des Fonds deutlich ansteigen - zu Lasten der Wertentwicklung und damit auch der übrigen Fondskunden.
Mittlerweile, so versichert man in der Branche, seien solche Strategien kaum möglich, da mittlerweile das sogenannte "Forward pricing" Standard sei. Bei dieser Art der Preisfestsetzung gilt, daß Anleger einen Fonds nur noch zum Preis des kommenden Handelstages ordern können. Wenn also nach Börsenschluß kurstreibende Informationen bekannt werden, dann reagieren die Kurse am darauffolgenden Tag. Auf Basis dieser Kurse wird der Anteilspreis des Fonds festgestellt. Zu diesem Anteilswert wird der Auftrag des Investors dann abgewickelt. Das hat allerdings zur Folge, daß der Anleger im schlimmsten Fall einen Fondsanteil kauft, dessen Wert erst in 20 oder 23 Stunden festgestellt wird - passiert in der Zwischenzeit etwas negatives mit den Kursen, so hat der Investor jetzt das Nachsehen.
Forward pricing kontra Market timing
Nun läßt sich bei vielen Fonds dieses Problem dadurch reduzieren, daß man den Zeitpunkt, zu dem man den Wert der Fondsanteile feststellt, geschickt wählt - beispielsweise, indem man den Wert des Amerika-Fonds um zehn Uhr Abends feststellt. Das funktioniert jedoch nicht bei Fonds, die in drei Zeitzonen investieren - Japan, Europa, Amerika. Wer beispielsweise einen Aktienfonds mit einem geringen Anteil an Japan-Aktien ordert, müßte zu einem ungünstigen Zeitpunkt der Preisfeststellung beim "Forward pricing" für diesen Fonds damit rechnen, daß er für den gesamten Fonds einen Anteilspreis gestellt bekommt, der bis zu 15 Stunden alt sein kann - nur so ließe sich verhindern, daß mit dem Japan-Anteil des Fonds ein "Market timing" möglich wäre. Das ist der Nachteil am "Forward pricing": Anlegern wird es erschwert, marktnah auf Ereignisse zu reagieren. Wer zeitnah auf Marktereignisse mit Fonds noch agieren möchte, bekommt nur den Kurs des nächsten Tages gestellt - für jemanden, der zeitnah handeln will, eine Katastrophe.
Daß diese Gedankenspiele auch in Deutschland keine Hypothese sind, haben erste Gesellschaften bereits zugegeben: Einige ihrer Kunden haben ebenjene Market-timing-Strategien praktiziert oder wollten sie praktizieren. Von solchen Investoren, bei denen man dieses Verhalten habe beobachten können, habe man sich aber rasch getrennt, heißt es beispielsweise beim Deutschen Investment Trust und bei Union Investment. Nicht nur, daß diese Praktiken die Fondsgesellschaften Geld und Wertentwicklung kosten - nichts könnte der deutschen Branche derzeit ungelegener kommen als ein Massenexodus aus ihren Produkten aufgrund schlechter Presse, wie er in Amerika bereits zu beobachten ist.
Lehren aus dem IOS-Skandal
Die amerikanischen Ereignisse rühren wohl auch aus einer teilweise zu großen Nähe der Fondsgesellschaften zu großen Investoren in Verbindung mit kriminellen Energien. Hier wähnt die deutsche Investmentbranche ihre Kunden auf der sicheren Seite und verweist zur Begründung auf die größere Aufsichtsintensität in Deutschland. Diese rührt zum einen daher, daß deutsche Fondsgesellschaften im Gegensatz zu ihren amerikanischen Pendants hier Bankenstatus haben, zum anderen, weil die Regulierungsdichte in Deutschland dank des IOS-Skandals in den siebziger Jahren ohnehin höher sei. Damals hatte Bernard Cornfeld, ein ehemaliger Sozialfürsorger und Taxifahrer aus Brooklyn, für den wohl größten Finanzskandal in der Geschichte der Bundesrepublik gesorgt. Sollte die Branche Recht behalten mit ihrer Einschätzung, daß diese höhere Regulierungsdichte - ein unmittelbares Resultat des IOS-Skandals - heute Fondskunden besser vor kriminellen Aktivitäten schützt, dann wäre das damals schmerzlich bezahlte Lehrgeld nicht ganz umsonst gewesen.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.11.2003, Nr. 262 / Seite 21
Suche nach |
|
| Profisuche | |
| Tops & Flop Fonds | Kurs | in % |
| BNY Mellon Vietnam, India and China (VIC) Fund EUR A | 1,28 € | +34,31% |
| Earth Gold Fund UI | 57,75 € | +16,41% |
| FCP OP MEDICAL BioHe@lth-Trends EUR H | 106,55 € | +16,32% |
| M&G Japan Smaller Companies Fund A | 8,75 € | +15,96% |
| Aberdeen Global - Japanese Smaller Companies Fund D2 | 3,15 £ | +13,26% |
| DWS Russia | 111,29 € | −73,24% |
| Julius Baer Black Sea Fund (EUR) A | 19,91 € | −77,94% |
| Julius Baer Black Sea Fund (CHF) A | 18,49 SFr. | −79,27% |
| BERENBERG-EMERGING-UKRAINE-UNIVERSAL-FONDS | 9,76 € | −79,32% |
| Julius Baer Black Sea Fund (USD) A | 20,49 $ | −80,33% |
| Gesamt- Index |
Durchschnitt 90 Tage |
Durchschnitt 200 Tage |
|
|---|---|---|---|
Aktien-Index09.07.2009 13:00 |
1192,74 | 1218,25 | 1274,67 |
Performance-Index09.07.2009 17:35 |
262,94 | 262,43 | 269,76 |
Euro-Aktien-Index09.07.2009 17:35 |
118,18 | 116,65 | 120,79 |