15. Oktober 2008 Bankpleiten und massive Kursverluste an den Börsen hatten Anleger panisch werden lassen. Zentralbanken und Regierungen sahen sich zu Rettungsaktionen in Form von Zinssenkungen, Kapitalspritzen und Garantien gezwungen.
Kurzfristig scheinen sie die Lage beruhigen zu können. Immerhin legten die Aktien in den vergangenen beiden Tagen deutlich zu. Mittelfristig bergen sie jedoch Risiken. Die Rettungsaktionen brächten neue, zweifelhafte Grundsätze ins Finanzsystem hinein. Und sollte der globale Aktionismus in der nächsten Illusionswelle münden, so hätten wir danach keinen ultimativen Garanten mehr, erklärt Konrad Hummler, geschäftsführender Teilhaber der Privatbank Wegelin & Co. in St. Gallen.
Aufgrund der Kreditkrise laufen die Geschäfte Ihrer Privatbank wahrscheinlich gut im Moment?
Ja sicherlich. Aber wenn alles so wackelt wie in den vergangenen Tagen, so gibt es doch die eine oder andere Sorgenfalte, denn man ist ja nicht alleine im Finanzsystem.
Trotzdem - es ist ein Unterschied ob man eine Investmentbank im Haus hat oder ob man nur die Kundenvermögen verwaltet.
Ganz so trivial ist das nicht. Tatsächlich hat man das eine oder andere strukturierte Produkt empfohlen. Auf diese Weise ist man von der Krise mitbetroffen, auch wenn man grundsätzlich alles richtig gemacht hat.
Sind Ihre Kunden verunsichert?
Bisher Gott sei dank nicht. Wir haben die Geschäftsbeziehungen mit Lehman Brothers rechtzeitig einschlafen lassen. Auf der anderen Seite gehörten Morgan Stanley und Barclays zu den Hauptkontrahenten bei strukturierten Produkten. Man wäre hier nicht sehr erfreut, nur noch eine Konkursdividende für die Kunden zu sehen.
Wie verhält man sich in so einer Situation?
Viel kann man nicht mehr machen. Die Produkte werden so illiquide, dass man sie sowieso nicht mehr los wird. Es ist bitter zu sehen, was alles illiquide geworden ist. Die ungefährlichsten Papiere waren die gefährlichsten. Zum Beispiel Pfandbriefe. Der einzige Markt, der bis zuletzt immer funktionierte, das war die Aktienbörse.
Was führte zur Finanzkrise?
Die Illusion der Sicherheit hat zu Übertreibungen geführt und diese Illusion ist nun zerstört worden - das ist der Kern der Krise.
Wie kam es zur Illusion?
Sie begann in den 30er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Damals erklärte man, es dürfte nie wieder dazu kommen, dass das Bankensystem zu einer Bedrohung für die Realwirtschaft werde. Im weiteren Anlauf der Geschichte hat man das Bankensystem immer weiter perfektioniert, bis die amerikanische Notenbank im Jahr 1987 zum ersten Mal, im Jahr 1991 zum zweiten Mal, 1998 zum dritten Mal und im Jahr 2001 zum vierten Mal in Folge die Märkte mit Zinssenkungen und Ähnlichem beruhigte und auf diese Weise erklärt hat: Euch Anlegern passiert nichts. Spätestens ab dem Jahr 2001 hat es die Welt geglaubt.
Mit welchen Folgen?
Nach 09/11 sind die Risikoprämien im Interbankengeschäft praktisch auf Null gesunken. Die Banken hatten keine Probleme, sich kurzfristig sehr günstig zu refinanzieren - und sie machten die klassischen Fehler. Schließlich kam es zu einer Verschuldungsspirale: Banken wie die UBS haben von 2003 bis 2006 die Bilanzsumme verdoppelt. Das hat zu einer klassischen Fehlallokation volkswirtschaftlicher Ressourcen geführt. Das Finanzsystem ist viel zu groß und müsste weiter angepasst werden.
Sind die Rettungsmaßnahmen der Zentralbanken, indem sie die Geldmärkte fluten, und die Garantien der Regierungen nicht gerade die Fortsetzung dieser fatalen Politik?
Kurzfristig sind wir froh, denn wir haben noch einmal überlebt. Aus diesem Grund stiegen dir Kurse an den Börsen am Montag und Dienstag so deutlich.
Mittelfristig jedoch ist es aufgrund der Teilverstaatlichungen eine Verschiebung der Überkapazitäten in den öffentlichen Bereich hinein. Die Frage ist, was dort mit ihnen geschieht. Das Schlimmste was passieren könnte ist, dass wir in drei bis fünf Jahren statt zwei Fannie Mae und Freddie Mac dann 20 oder 30 von ihnen hätten. Fannie Mae und Freddie Mac waren und sind halbkriminelle Organisationen und haben wesentlich zur Überschuldung im amerikanischen Hypothekargeschäft und damit zur Krise beigetragen.
Das heißt, sie misstrauen den Rettungsaktionen?
Den Rettungsaktionen nicht, aber ihrer langfristigen Wirkung. Sie bringen neue, zweifelhafte Grundsätze ins Finanzsystem hinein. Alleine schon wenn man schaut, mit welcher Leichtigkeit per Dekret hergebrachte Buchführungsstandards ausgehebelt werden. Es ist ein Aktivismus am Werk, der die Voraussehbarkeit des staatlichen und wirtschaftlichen Handelns sehr erschwert.
Geht das schon Richtung Populismus? In Pakistan kam es sogar zu Demonstrationen, die die Regierung dazu bringen sollen, für steigende Kurse an der Börse zu sorgen.
Das sind zwar extreme Auswüchse. Wenn man allerdings sieht, dass beispielsweise Kapitalerhöhungen an Bedingungen geknüpft werden, so ist das problematisch. Denn die relevanten Banken könnten auf diese Weise in der Rezession zur Strukturerhaltung gezwungen werden.
Mit welcher Konsequenz?
Wenn der globale Aktionismus in der nächsten Illusionswelle mündet, so haben wir danach keinen ultimativen Garanten mehr. Jetzt muss das Finanzsystem so restrukturiert werden, dass es nicht mehr zu diesem übertriebenen Hang zur Verschuldung kommen kann.
Wie kann das erreicht werden?
Wir brauchen ein vernünftiges Konkursrecht für die Banken. Im Finanzsystem fehlt eine vernünftige Ultima Ratio für diejenigen, die Fehler machen. Ein Konkurs muss bewältigt werden können, ohne dass das Finanzsystem ins Wanken gerät! Die Pleite von Lehman Brothers war in diesem Sinne eine Katastrophe. Es darf nicht sein, dass man beim Ausfall eines Marktteilnehmers den Aktien nachrennen muss, die man nicht mehr findet.
Grundsätzlich: Solange der Konkurs eines Finanzunternehmens nicht eine reale Möglichkeit ist, wird man immer wieder in die Problematik der Übertreibung hineingeraten, weil die Risikoprämien systematisch zu gering werden.
Ist die Finanzkrise nicht ein Versagen der Regulierung? Hätte nicht viel früher klar sein müssen, dass es riesige Risiken gab, dass sie konzentriert bei wenigen Marktteilnehmern lagen und dass es dramatische Folgen haben würde, wenn auch nur einer ausfallen sollte?
Richtig. Es wird nun zwar behauptet, es sei ein Versagen des Kapitalismus. Es handelt sich jedoch eindeutig um das Versagen der Regulierung. Wir haben eher eine Über- als eine Unterregulierung. Es gab und gibt viel zu viele Gremien, die sich mit der Stabilität des Finanzsystems befassen. Sie haben allesamt versagt, sonst hätten wir die Krise nicht.
Dabei war sie schon sei langem absehbar: Man wusste, dass der amerikanische Immobilienmarkt überhitzt war und man wusste, dass er schon am Zusammenfallen war, als die Anzahl der Subprime-Hypotheken noch einmal erhöht wurde. Die aggregierten Daten lagen vor und es gab auch warnende Persönlichkeiten.
Der entscheidende Punkt ist: Zu geringe Risikoprämien können praktisch durch kein Kontrollorgan aufgefangen werden. Es ist viel zu schön, wenn sie als Unternehmen günstiges Geld zur Finanzierung ihrer Geschäfte erhalten, als dass sich die Controller in diesem Umfeld genügend Gehör verschaffen könnten.
Die ökonomische Kernfrage ist: Wird etwas über einen Preis- oder über ein Rationierungssystem reguliert. Das Finanzsystem gehorchte in den vergangenen Jahren einem Rationierungssystem - und das ist nun zum Verhängnis geworden. Der Preis wäre die Risikoprämie gewesen.
Werden die Stützungs- und Garantiemaßnahmen die Märkte beruhigen können?
Wenn diese nicht mehr helfen, dann ist schwer zu sagen, was noch helfen kann. Kurzfristig ist zu hoffen, dass die Maßnahmen nützen und wieder Liquidität in die Märkte bringen. Allerdings stellt sich die Frage, ob es Verschuldungsgrenzen für die öffentlichen Institutionen gibt, die sich finanziell weit aus dem Fester lehnen. Zudem kann die Bonität verschiedener Staaten hinterfragt werden. Faktisch laufen in Europa die Renditekurven der Staatsanleihen schon auseinander.
Wie positioniert man sich als Anleger in diesem Umfeld?
Ich bin für größtmögliche Diversifikation. Möglichst global, denn die ganze Welt geht schon nicht unter. Ferner bin ich für eine Streuung über alle Anlageklassen hinweg. Wichtig ist, dass man genügend Sachwerte - sprich Aktien - im Depot hat. Eine Aktie ist relativ unabhängig von einer Währung und sie ist letztlich unabhängig vom Finanzsystem. Wenn sie zum Beispiel eine Aktie von BASF haben, so besitzen sie auf diese Weise ein Stück Realwirtschaft. Sie schwankt zwar im Wert, der Totalverlust ist jedoch praktisch ausgeschlossen - was bei Finanzanlagen nicht der Fall ist.
Zum Portfolio können auch Rohstoffe gehören. Gold sollte man physisch halten. Das Edelmetall kann in Extremfällen als letztes Zahlungsmittel dienen. Ferner habe ich eine gewisse Schwäche für Anleihen von guten Industrieschuldnern. Diese werden sie wahrscheinlich schon bedienen. Zudem sind sie im Moment günstig zu haben.
Das Gespräch führte Christof Leisinger.
Text: @cri
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