13. August 2007 Der große Sturm, der in der vergangenen Woche über die Banken hinweg fegte, scheint sich in dieser Woche gelegt zu haben. Die Europäische Zentralbank (EZB) unterstützte die Erholung auch am Montag und schleuste zum dritten Mal in Folge zusätzliche Liquidität in das Bankensystem. 47,66 Milliarden Euro gab sie zu einem Zins von durchschnittlich 4,07 Prozent in den Markt. Damit folgte sie der Bank of Japan, die den Banken des Landes außerplanmäßig 600 Milliarden Yen (3,6 Milliarden Euro) zukommen ließ. Auch die amerikanische Notenbank hat dem Geldmarkt am Montag weitere zwei Milliarden Dollar Liquidität zukommen lassen.
Die Finanzmärkte starteten entspannter in die neue Woche. Der Deutsche Aktienindex Dax lag im Handelsverlauf 0,8 Prozent im Plus bei knapp 7400 Punkten. Andere europäische Marktplätze wie London oder Paris verzeichneten sogar eine noch freundlichere Stimmung. Auch Finanztitel profitierten von der Aufwärtsbewegung. Wenn die wichtigsten Notenbanken der Welt Liquidität zur Verfügung stellen, dann beruhigt das schon, sagte der Aktienhändler einer Münchner Bank. Allerdings ist die Höhe der Finanzspritze schon beachtlich. Daran kann man sehen, wie ernst die Notenbanken die Lage einstufen.
Verlustreiche Engagements der Commerzbank
Die Commerzbank versucht nun, die Höhe ihrer Engagements genauer zu beziffern. Direkt getroffen wurde sie von der Pleite des amerikanischen Hypothekenfinanzierers Home Banc. Denn die Commerzbank habe dem Unternehmen Kredite in mittlerer zweistelliger Millionenhöhe gewährt, sagte Bernd Knobloch, Vorstandsmitglied der Commerzbank, bei der Präsentation der Halbjahreszahlen der Tochtergesellschaft Eurohypo am Montag in Frankfurt. Zuvor hatte schon die WestLB ihr Engagement auf dem amerikanischen Markt für bonitätsschwache Immobilienkredite auf 1,25 Milliarden Euro beziffert (siehe auch: Gerüchte um die WestLB). Die Postbank ist nach eigenen Angaben mit 600 Millionen Euro betroffen.
Die Kredite der Commerzbank an Home Banc seien komplett abgesichert, hieß es. Wir gehen davon aus, dass wir unsere Kredite über die Besicherung wieder zurückbekommen werden, sagte Knobloch. Die Home Banc hatte Ende vergangener Woche Gläubigerschutz in den Vereinigten Staaten beantragt. Ihre Schulden beliefen sich auf 4,9 Milliarden Dollar (3,6 Milliarden Euro).
Eurohypo will Verluste wettmachen
Auch indirekt ist die Commerzbank getroffen über die Verluste, die ihr Immobilienfinanzierer Eurohypo infolge der amerikanischen Hypothekenkrise erlitt. Die Eurohypo hofft allerdings, ihre Verluste im dritten Quartal wieder wettmachen zu können. Die Bank werde aus dem Verkauf von Immobilien einen außerordentlichen Ertrag realisieren, der die entstandenen Wertverluste aus amerikanischen Investments von 30 bis 40 Millionen Euro ausgleichen werde, sagte Knobloch am Montag weiter.
Im krisengeschüttelten amerikanischen Markt für zweitklassige Hypothekenkredite (Subprime) sei die Tochtergesellschaft der Commerzbank mit 850 Millionen Euro engagiert. Bis heute gibt es daraus aber keine Rückstände, sagte Knobloch.
Unglaubliche Hysterie
Auf 1,2 Milliarden Euro hatte die Commerzbank ihr gesamtes Investment in dem krisengeschüttelten Markt auf beziffert. Eurohypo gehört zu rund 98 Prozent der zweitgrößten deutschen Bank. Knobloch bezeichnete die Turbulenzen an den weltweiten Finanzmärkten als unglaubliche Hysterie. Bislang sei nicht zu überschauen, welche Banken in welchen Papieren engagiert seien. Dadurch entstehe Misstrauen. Banken müssten deshalb Transparenz zeigen und ihr Engagement offenlegen, riet der Eurohypo-Chef. Nur wenige deutsche Institute haben offen erklärt, wie sie von der amerikanischen Hypothekenkrise betroffen sind.

Spielen sich den Ball zu: Commerzbank-Chef Klaus-Peter Müller (rechts) und Eurohypo-Vorstand Knobloch
Die Strategie der Zentralbanken, den Banken schnell in großer Menge Liquidität zur Verfügung zu stellen, um jeglichen Engpass oder Spannung zu vermeiden, scheint aufgegangen zu sein. Allein die EZB hatte schon am Donnerstag den Banken 95 Milliarden Euro an Barmitteln bereitgestellt und am Freitag weitere 61 Milliarden Euro. Auch andere Notenbanken wie die amerikanische Notenbank Fed und die Bank of Japan hatten dem Geldmarkt weltweit zusätzliche Mittel zur Verfügung gestellt, wie zuletzt am Montagmorgen die japanische Notenbank.
Weitere Belastungsproben nicht ausgeschlossen
Dennoch könnten weitere Belastungsproben auf das internationale Finanzsystem zukommen, wenn sich im Laufe der Woche bestätigen sollte, was am Wochenende zu vernehmen war. So soll die amerikanische Großbank Citigroup mit Kreditanleihen mehr als 500 Millionen Dollar (365 Millionen Euro) verloren haben, einige Wall-Street-Konkurrenten könnten noch höhere Verluste erlitten haben.
Auch in Deutschland und Europa drohen weitere Negativschlagzeilen. Die Frage ist nicht mehr nur, welches Unternehmen betroffen ist, sondern in welchem Ausmaß, sagt Marktstratege Christian Schmidt von der Helaba. Ein WestLB-Sprecher räumte am Wochenende ein, die Bank habe über alle Positionen des Handels- und Bankbuchs 1,25 Milliarden Euro in Subprime-Wertpapieren investiert. Von diesen Papieren seien 98 Prozent mit einem Rating von A oder besser oder 87 Prozent mit AA oder besser ausgestattet.
WestLB und Postbank mit hohen Subprime-Engagements
Die Deutsche Postbank gab an, man sei noch dabei, das genaue Engagement im Subprime-Markt festzustellen. Ende Juli hatte die Bank schon das Volumen von Anleihen, in denen auch Subprime-Kredite (Hypothekenkredite der niedrigsten Bonitätsstufe) stecken könnten, mit 800 Millionen Euro angegeben. Nun wurde bekannt, dass die Postbank mit 600 Millionen Euro bei zwei Gesellschaften des von der Krise schwer getroffenen Rhineland-Fonds der IKB engagiert war. Von diesem Betrag entfalle aber höchstens ein Drittel auf Immobilienkredite und die meisten davon seien von hoher Qualität, betonte ein Sprecher am Sonntag. Was davon Subprime sei, werde analysiert, sagte er weiter. Die Bank habe die Investition inzwischen in die eigenen Bücher genommen.
Postbank-Aktien waren unter den 30 Dax-Titeln am Montagvormittag der Tagesverlierer. Die Titel wurden zeitweise mit einem Abschlag von 2,2 Prozent bei Kursen um 52,55 Euro gehandelt. Die Nachrichtenlage schüre die Angst, dass sich dies negativ auf die Geschäftszahlen auswirken werde, heißt es im Handel.
Pleite von Home Banc trifft auch die Deutsche Bank
Auch die Insolvenzen in den Vereinigten Staaten ziehen weitere Kreise. Nachdem am Donnerstag die Home Banc Corporation einen Konkursantrag gestellt hatte, wurde bekannt, dass außer amerikanischen Banken auch Deutsche Bank, Commerzbank und die französische Großbank BNP Paribas zu den Gläubigern zählen. BNP Paribas bezifferte ihre Beteiligung auf 30 Millionen Euro, die aber vollständig abgesichert seien. Deutsche Bank und Commerzbank haben die Höhe bisher nicht genannt. Auch eine Tochtergesellschaft der belgisch-niederländischen Bank Fortis taucht in der Liste der Gläubiger des amerikanischen Geldverleihers auf. Größter Aktionär von Home Banc ist die FMR Corp, die Muttergesellschaft der Fondsgesellschaft Fidelity. FMR halte ein Sechstel der Homebanc-Aktien, erklärte die Hypothekenfirma.
Notfall-Senkung der Leitzinsen?
Volkswirte rechnen in den nächsten Tagen mit weiteren Aktionen der Notenbanken, die in zwei Tagen mehr als 200 Milliarden Euro in den Markt gepumpt hatten, um die Liquidität der Banken zu sichern. Viele Experten sehen darin aber nur eine vorübergehende Maßnahme und halten an ihrem langfristigen Ausblick für die Geldpolitik fest. Indes will etwa Volkswirt Jan Hatzius von Goldman Sachs eine Notfall-Senkung nicht ausschließen.
Über die weitere Entwicklung sind sich Marktbeobachter uneins. Die einen verweisen darauf, dass in den Vereinigten Staaten noch fast zehn Billionen Dollar Hypothekenkredite ausstehen, davon rund ein Drittel mit schlechter oder zumindest nicht primärer Bonität. Die Wirtschaftswoche zitiert unter anderen den Aachener Private-Equity-Experten Ralf Fix mit den Worten, für viele Anleger habe sich ein Tor zur Hölle geöffnet. Was dahinter hervorkomme, wisse niemand wirklich.
Optimismus für die Konjunktur
Die EU-Kommission hält ungeachtet der Turbulenzen an den internationalen Finanzmärkten an ihrer Wachstumsvorhersage für die Eurozone fest. Er habe keine Hinweise auf Änderungen der bisherigen Prognose von 2,6 Prozent Wirtschaftswachstum für das laufende Jahr, sagte ein Sprecher der Behörde am Montag in Brüssel. Auch in Deutschland geben sich Experten optimistisch. Ein Sprecher des Wirtschaftsministeriums sagte am Montag in Berlin: Wir erwarten zum jetzigen Zeitpunkt keine negativen Einflüsse auf das sehr robuste Wirtschaftswachstum in Deutschland. Auch für weitere Rettungsaktionen für deutsche Banken gebe es derzeit keinen Anlass, sagte ein Sprecher des Finanzministeriums. Die staatliche Förderbank KfW war zuvor zur Rettung der Mittelstandsbank IKB eingesprungen.
Der Wirtschaftsweise Bert Rürup meinte, er sehe noch keine gravierenden Auswirkungen auf die robuste Konjunktur in Deutschland. Die Krise wird auf die Finanzmärkte beschränkt bleiben, zumal sich die EZB außerordentlich klug verhält und den Markt ausreichend mit Liquidität versorgt, sagte Rürup der Berliner Zeitung.
Text: hlr. / mho. / FAZ.NET
Bildmaterial: AP, dpa, picture-alliance/ dpa/dpaweb, REUTERS
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