Branchenanalyse

Böses Omen für Banken?

30. Mai 2008 Niemand hat erwartet, dass 2008 ein leichtes Jahr für amerikanische Banken werden würde, doch viele Beobachter sind davon ausgegangen, dass der Großteil der Kreditprobleme auf das erste Quartal entfallen würde. Nun sieht es jedoch so aus, als ob der Rest des Jahres sogar noch schlimmer werden könnte.

Am 28. Mai meldete die in Cleveland (Ohio) ansässige Regionalbank KeyCorp, dass sie mit einem deutlichen Anstieg der Ausfälle im Kreditgeschäft rechne. Dies könnte darauf hindeuten, dass die Probleme der Bankbranche mit notleidenden Krediten erst am Anfang stehen.

Überraschend deutlich zunehmende Kreditausfallquote

Die Bank mit Vermögenswerten im Volumen von 97 Milliarden Dollar gab bekannt, dass sich der Nettoforderungsausfall des laufenden Geschäftsjahres - ein Maßstab für den voraussichtlichen Abschreibungsbedarf des Unternehmens - um fast das Doppelte der zuvor für 2008 veranschlagten Summe erhöhen könnte. Vor drei Wochen prognostizierte die Bank noch eine Ausfallquote zwischen 0,65 und 0,9 Prozent des Gesamtkreditvolumens; nun ist von einer möglichen Spanne zwischen 1,0 und 1,3 Prozent die Rede.

Aus einer Pflichtmitteilung von KeyCorp an die amerikanische Börsenaufsichtsbehörde (SEC) geht hervor, dass dieser Anstieg vor allem auf Kredite für Wohnungsbauunternehmen zurückzuführen ist, dass aber auch bei Ausbildungskrediten und bei Darlehen für die Modernisierung und Renovierung von Eigenheimen steigende Kreditausfälle aufgetreten sind.

Die Probleme verlagern sich von der Wall Street hin zur Main Street

Die Anleger reagierten am 28. Mai mit einer Flucht aus Banktiteln. Die Aktie von KeyCorp brach am selben Tag um elf Prozent auf 19,59 Dollar ein und lag damit nur knapp oberhalb ihres 52-Wochen-Tiefs. Andere ähnliche Regionalbanken mussten ebenfalls einstecken. Die Papiere von Wachovia, Fifth Third Bancorp und Regions Financial sackten um jeweils mindestens vier Prozent auf 52-Wochen-Tiefs ab.

Subprime-Wertpapiere haben Wall-Street-Banken und anderen Unternehmen der Finanzbranche bereits Milliardenabschreibungen beschert. Die Sorgen der Anleger scheinen sich nun von forderungsbesicherten Wertpapieren auf simple traditionelle Darlehen und von der Wall Street hin zur Main Street zu verlagern.

„Die kurzfristigen Kredittrends scheinen sich zu verschlechtern“, schrieb David George, Analyst bei R. W. Baird, in einer Studie am 28. Mai. Diejenigen, die auf eine Konjunkturerholung in der zweiten Jahreshälfte hofften, würden enttäuscht werden, „da die Ausfallquoten anzusteigen scheinen“.

Gewinneinbrüche bei den meisten Banken

Als wären steigende Kreditausfälle bei Wohnungsbauunternehmen und Eigenheimbesitzern nicht schon beunruhigend genug, waren Anleger auch entnervt über die plötzliche Wende im Ausblick von KeyCorp.

Die deutliche Anhebung der Schätzung der Kreditausfälle erfolgte nur einen Monat nach Veröffentlichung des letzten Quartalsberichts des Unternehmen. Dies sei „entweder auf eine frühere Fehleinschätzung oder auf eine merkliche Verschlechterung der Qualität von Kreditportfolios“ zurückzuführen, schrieb Deutsche-Bank-Analyst Mike Mayo am 28. Mai. Nach Vorlage der Zahlen für das erste Quartal im April war es relativ ruhig an der Nachrichtenfront der Finanzbranche geworden.

Nach Monaten der Kreditkrise und der Wirtschaftsabschwächung verzeichneten die meisten Banken Gewinnrückgänge. Doch seit dem Beinahe-Zusammenbruch von Bear Stearns im März setzte sich zusehends die Wahrnehmung durch, dass die Verluste im Zusammenhang mit Subprime-Papieren ihren Zenit erreicht haben könnten. Großbanken „dürften nun die höchsten Pegelstände des Hochwassers in ihren Beständen unterschiedlicher verbriefter Forderungen gesehen haben“, schrieb Anthony Davis, Analyst bei Stifel Nicolaus Anfang dieses Monats.

Auch andere Probleme sind nach wie vor präsent und drohen sich zu verschlechtern. So ist etwa auf dem kriselnden amerikanischen Häusermarkt keine Besserung in Sicht. Der am 27. Mai veröffentlichte S&P/Case-Shiller-Hauspreisindex sank im ersten Quartal 2008 um 14,1 Prozent - der stärkste Rückgang seit 20 Jahren. Aus Davis' Studie geht hervor, dass Darlehen für die ins Trudeln geratenden Wohnungsbauunternehmen gegenwärtig das größte Kreditproblem darstellen, aber auch bei Konsumentenkrediten wachsende Sorgen auszumachen sind.

Kurzfristig ausreichend Kapital vorhanden

Trotz der massiven Häusermarkt- und Kreditprobleme waren Banken wie KeyCorp in der Lage, Anleger mit großzügigen Dividenden anzulocken. Am 28. Mai wies KeyCorp eine Dividendenrendite von 6,9 Prozent auf, während Wachovia mit 6,1 Prozent glänzen konnte. Die Renditen von Fifth Third und Regions Financial fielen mit 9,1 bzw. 8,1 Prozent sogar noch opulenter aus. Derart hohe Renditen legen die Vermutung nahe, dass einige Anleger mit Dividendenkürzungen rechnen, damit die Banken ihre Kapitaldecke verstärken können. Ansonsten dürften Renditen von acht oder neun Prozent für die meisten unwiderstehlich sein.

David George zufolge würden angespannte Kredittrends dazu führen, dass KeyCorp im zweiten und dritten Quartal wahrscheinlich nicht genügend Gewinn generieren könnte, um seine vorgesehene Dividende zu zahlen. Er schrieb jedoch, dass „[KeyCorp] über ausreichend Kapital verfügen dürfte, um seinen Dividendenzahlungen nachkommen zu können, vorausgesetzt, die Schwierigkeiten bei der Gewinnerzielung sind nur vorübergehend.“

Solange die Kreditprobleme nur kurz währen, können sich die Banken eine Fortsetzung ihrer Dividendenzahlungen leisten. In Bankaktien investierte Anleger dürften über einen kurzzeitigen Gewinnrückgang hinwegsehen, wie stark dieser auch ausfallen mag. Doch je länger die Kreditkrise anhält, desto lauter werden die Fragen, ob die Banken über ausreichend Kapital verfügen.

Kreditnehmer, insbesondere Wohnungsunternehmen, sehen sich bei der Rückzahlung ihrer Bankdarlehen zweifellos härteren Zeiten gegenüber. Bankaktien könnten wieder Hoffnung schöpfen, wenn die Belastungsfaktoren dieser Kreditnehmer - geringes Wirtschaftswachstum und schwacher Häusermarkt - auf den Weg der Besserung einscheren oder zumindest Anzeichen einer Stabilisierung zeigen. Andernfalls könnte 2008 ein langes und düsteres Jahr für Bankanleger werden.

Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.



Text: BusinessWeek
Bildmaterial: FAZ.NET

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