Von Ben Steverman

Die amerikanischen Verbraucher wollen es zur Zeit vor allem billig. Davon profitiert die Supermarktkette Wal-Mart
16. Mai 2008 Die Anlegergemeinde blickt gespannt auf die amerikanischen Verbraucher. Die schwache Konjunktur und die steigenden Lebensmittel- und Benzinpreise haben dazu geführt, dass die als kaufwütig bekannten Amerikaner ihren Geldbeutel dieser Tage seltener zücken.
Die Kurse von Konsumgüteraktien steigen und fallen, je nachdem, wo die Amerikaner ihr sauer verdientes Geld oder die kürzlich im Rahmen des Konjunkturprogramms erhaltenen Steuerrückzahlungen ausgeben. Es zeichnet sich jedenfalls schon jetzt deutlich ab, dass mit den Dollars preisbewusster umgegangen wird.
Dieser Trend kommt vor allem dem weltgrößten Einzelhandelskonzern Wal-Mart zugute, dessen Aktie in den vergangenen sechs Monaten um 24 Prozent nach oben kletterte, selbst dann, als der übrige Aktienmarkt talwärts marschierte. Wal-Mart hat eine neue Gruppe von Verbrauchern hinzugewonnen, sagt Georges Yared von Yared Investment Research. Jetzt lassen sich auch Käufer der Mittelschicht herab, dem für seine Niedrigpreise bekannten Supermarkt einen Besuch abzustatten.
Billigklamotten statt Markenware
Während sich Verbraucher weiterhin nach unten kaufen, indem sie beispielsweise nicht zu Markenkleidung aus Boutiquen, sondern zu Billigklamotten von Wal-Mart greifen, versucht man an der Wall Street herauszufinden, welche Unternehmen von diesem Trend profitieren und welche hierunter leiden werden. Anleger fragen sich außerdem, wie lange dieser Trend anhalten wird. Finden Unternehmen des gehobenen Preissegments Mittel und Wege, um ihre Kunden selbst während eines kräftigen Abschwungs bei der Stange zu halten?
Professionelle Investoren haben versucht, Antworten auf diese Fragen zu finden, gaben jedoch zu bedenken, dass es schwierig sei, vorherzusagen, wo die launischen Verbraucher einkaufen werden. So konnte beispielsweise das Modeunternehmen Gap mit seiner Hauptmarke Gap und seiner Marke Banana Republic für höherwertige Kleidung den Umsatz auf vergleichbarer Ladenfläche im April stabil halten, während seine Billigmarke Old Navy im Jahresvergleich ein Umsatzminus von 12 Prozent verzeichnete.
Verbraucher wollen erschwinglichen Luxus
In der Welt des Einzelhandels, der Restaurants und anderer Konsumgüter wird der Erfolg mitunter nicht so sehr von der Wirtschaftslage, sondern durch Produktmix, Werbung und andere Faktoren bestimmt.
Quincy Krosby, Chef-Investmentstrategin bei The Hartford, weist darauf hin, dass Mittelschichtfamilien ihren finanziellen Spielraum in besseren Zeiten häufig überreizen, um sich erschwingliche Luxusgüter von Marken wie Coach und sogar Tiffany leisten zu können.
Krosby rechnet daher damit, dass die Verbraucher vorerst einen Bogen um viele Luxusgüter machen und stattdessen beim Discounter einkaufen werden. Wenn sich die Verbraucher wirkliche Sorgen um ihre Arbeitsplätze und/oder die Benzinpreise machen, dann werden sie zu Knausern, so Krosby.
Auch die Aktienkurse anderer Einzelhandelsunternehmen des unteren Preissegments sind im Aufwind, etwa das Papier von Family Dollar Stores, das seit Jahresbeginn um 14 Prozent zulegte, da Anleger darauf setzen, dass sich die unter hohem Kostendruck stehenden Verbraucher niedriger Einkommen den preisgünstigen Dollar-Stores zuwenden.
Heute wollen es alles möglichst billig haben
Doch es sind nicht nur die ärmeren Schichten, die in Amerika nach günstigen Preisen jagen. So strömen Verbraucher etwa scharenweise zu Costco Wholesale, einer Großhandelskette auf Mitgliedschaftsbasis, bei der Kunden gegen Entrichtung einer Mitgliedsgebühr von Preisvorteilen profitieren. Viele Mitglieder sind relativ gut situiert, sagt John Massey von AIG SunAmerica Asset Management.
Selbst bei Whole Foods Market, einer Einzelhandelskette der oberen Preiskategorie, scheinen die Kunden ein Loch zurückzustecken. Das im Volksmund aufgrund seiner hohen Lebensmittelpreise auch Whole Paycheck genannte Unternehmen gab am 14. Mai für die ersten vier Wochen des Quartals einen Anstieg des Umsatzes auf vergleichbarer Ladenfläche von 5,7 Prozent bekannt. Andere Einzelhandelsketten würden angesichts dieser Zahl wahrscheinlich frohlocken, doch im Vorquartal lag der Umsatzzuwachs von Whole Foods Market noch bei 6,7 Prozent.
Auch an Autoreparaturen wird gespart
In schwierigen Zeiten versuchen die Amerikaner, Reparaturen an ihren Autos selbst vorzunehmen, anstatt eine teure Werkstatt zu beauftragen. In der Theorie könnte man demnach unterstellen, dass bei Ersatzteilhändlern wie O'Reilly Automotive alles rund laufen müsste. Die Praxis sieht jedoch anders aus: O'Reillys Umsatz auf vergleichbarer Fläche sank im vergangenen Quartal um 0,4 Prozent.
Derzeit geben Verbraucher für ihre Autos nur das für die Fahrtüchtigkeit erforderliche absolute Minimum aus und schieben alle nicht unbedingt notwendigen Reparaturen auf die lange Bank, schrieb Cid Wilson, Analyst bei Kevin Dann & Partners, vor kurzem. Es gibt jedoch Hoffnung: O'Reilly ist überzeugt, dass diese Reparaturen nicht ewig hinausgeschoben werden können und sieht sich gut aufgestellt, um vom Nachholbedarf zu profitieren.
Genügsame Verbraucher dürften dagegen eher mit Waren aus zweiter Hand vorlieb nehmen, was etwa der Automobilhandelskette Car Max zugute käme, die sich vor allem auf Gebrauchtwagen spezialisiert hat. Während der Umsatz mit Neufahrzeugen im vergangenen Quartal zurückging, stiegen die Umsätze mit Gebrauchtwagen um rund 13 Prozent.
Fast-Food statt Mehrgangmenüs
Bei Restaurants erweist sich McDonald's als großer Profiteur, da Verbraucher das günstigere Fast-Food dem Mehrgangmenü in herkömmlichen Restaurants vorziehen. Im April steigerte McDonald's seinen Umsatz auf vergleichbarer Ladenfläche um zwei Prozent, lag damit allerdings am unteren Ende der Schätzungen. Massey sieht selbst bei McDonald's einen sich abschwächenden Trend. Vielleicht essen die Menschen häufiger zuhause als auswärts, anstatt günstigere Restaurants aufzusuchen.
Thomas Nyheim, Portfoliomanager bei Christiana Bank & Trust in Delaware, zeigt sich optimistischer. Nach seiner Ansicht werden selbst Casual-Dining-Restaurants gut laufen, wenn die Verbraucher von den zumeist in Privatbesitz befindlichen gehobenen Restaurants abwandern. Ein absoluter Spitzenwert in diesem Jahr ist Darden Restaurants mit einem Kursanstieg von 34 Prozent. Das Unternehmen betreibt mehrere Restaurantketten, unter anderem Red Lobster und Olive Garden, wobei letztere trotz der Konjunkturabschwächung mit einem Umsatzanstieg von 5,7 Prozent auf vergleichbarer Fläche im vergangenen Quartal am besten abschnitt.
Von zentraler Bedeutung für Anleger dürfte sein, wie groß die Belastung der Verbraucher derzeit wirklich ist und wie es auf lange Sicht um ihre Spendierlaune bestellt sein wird. Einige Anleger sind zuversichtlich und wetten darauf, dass die Amerikaner durch die Schecks mit Steuerrückzahlungen wieder dazu ermuntert werden, sich kleinere Luxusartikel zu gönnen.
Wal-Mart muss die neuen Kunden halten
Yared geht davon aus, dass die kräftigen Umsätze von Wal-Mart und Dollar-Stores ein vorübergehendes Phänomen sein werden. Ich weiß nicht, ob [Wal-Marts neue Kundschaft] auch langfristig bei der Stange bleibt, sagt Yared und fügt an, dass sich das Dollar-Store-Konzept von Wal-Mart erst noch bewähren muss.
Andere befürchten indes, dass ein großer Teil der Steuerrückzahlungen durch höhere Benzinpreise wieder aufgefressen wird. Seit dem 1. April ist der Ölpreis um fast 25 Prozent gestiegen.
Hohe Benzinpreise wirken wie eine Verbrauchsteuer, die dem Verbraucher weniger Geld für den Konsum lässt, sagt Krosby und ergänzt, dass Konsumgüteraktien einen Schub erhalten würden, wenn nur die Öl- und Gaspreise zurückgingen.
Massey sieht das Schicksal der Verbraucher pessimistisch. Selbst wenn sich die Wirtschaft im späteren Verlauf dieses Jahres erholen sollte, dürfte dies die Nachfrage nach Öl und damit die Preise noch weiter erhöhen. Nach seiner Einschätzung steht dem Verbraucher eine schwierige Zeit bevor, unabhängig davon, welches Szenario eintritt - ob die Wirtschaft auf Erholungskurs einschwenkt oder weiterhin stagniert.
Manche Einzelhändler versuchen es mit aggressiver Werbung
Die Unternehmen suchen und finden Wege, um trotz knauseriger Kundschaft und schwieriger Wirtschaftsbedingungen zu wachsen. So betreibt etwa die Restaurantkette Olive Garden aggressive Werbemaßnahmen. So unterschiedliche Unternehmen wie Coach oder das unter dem Wettbewerb günstigerer Kaffeehäuser leidende Starbucks hoffen darauf, die Aufmerksamkeit ihrer Kunden mit neuen Produkten und Innovationen zu fesseln.
Anlegern wie Unternehmenslenkern dürften Prognosen über das makroökonomische Umfeld des kommenden Jahres schwer fallen. Doch zumindest letztere können sich auf die Dinge konzentrieren, die ihrer Kontrolle unterliegen; sie können ihre Produkte so attraktiv machen, dass selbst klamme Verbraucher nicht widerstehen können.
Ben Steverman ist Reporter für den Business Week Investing Channel.
Text: Business Week Online
Bildmaterial: AP
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