Der Inflationsschock

Von Patrick Bernau

09. Juni 2008 Schon wieder ein neuer Rekord: Fast 140 Dollar hat das Fass Rohöl in der Nacht zu Samstag gekostet. Der Ölpreis steigt so schnell wie nie und hält die Inflation weiter auf lange nicht gekannter Höhe. Die Lebensmittelpreise treiben die Teuerung ebenfalls immer noch kräftig an. Am Donnerstag hob der Discounter Lidl den Milchpreis an, avancierte damit aber regelrecht zum Helden, weil er so einen Beitrag zum Ende des Bauernstreiks leistete.

Die Europäische Zentralbank (EZB) ist inzwischen wegen der Preisanstiege besorgt: Am Donnerstag kündigte ihr Chef an, die EZB werde vielleicht trotz schwacher Konjunktur bald die Zinsen anheben. Und die Bundesbank rechnet jetzt mit einer Inflationsrate von drei Prozent für das ganze Jahr, so viel wie seit 14 Jahren nicht mehr.

Bundesschätzchen netto ein Geldvernichter

Das trifft auch das Ersparte. Und zwar härter, als viele denken. Denn die Zinsen reichen nicht mehr aus, um den Verlust an Kaufkraft auszugleichen. Wer sich jetzt Bundesschatzbriefe kauft, verliert damit Geld: Er bekommt in einem Jahr 3,75 Prozent Zinsen, doch davon geht bei vielen Anlegern schon mal ein Viertel als Abgeltungsteuer ans Finanzamt, knapp ein Prozent.

Was übrig bleibt, liegt unter der Inflationsrate von drei Prozent, die die Bundesbank für dieses Jahr erwartet. Auch der durchschnittliche Tagesgeldzins von derzeit 3,3 Prozent reicht nicht, um das Geld zu erhalten. Selbst mit dem höchsten Zinssatz bleiben nach Steuern und Inflation nur 1,2 Prozent übrig. Wer sein Geld auf dem Sparbuch hat, verliert jedes Jahr sogar zwei Prozent.

Auf Erleichterung dürfen Sparer nicht hoffen. „Die Inflation wird zwar etwas zurückgehen, aber die niedrigen Werte der vergangenen 10 oder 15 Jahre werden wir wohl nicht wieder erreichen“, sagt der Konjunkturchef des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, Christian Dreger. Denn weil die Menschen in Asien immer reicher würden, kauften sie auch neue zusätzliche Dinge, deren Preis dann auch wieder steige.

Harte Zeiten für Renten

Das ist tückisch. Denn über viele Jahre bekommt die Inflation ein immer stärkeres Gewicht. Beispiel Sparbuch: Auf eine Einlage von 1000 Euro bekommen die Sparer in zehn Jahren zwar durchschnittlich mehr als 100 Euro Zinsen. Doch wenn die Inflationsrate auf dem aktuellen Niveau bleibt, ist das Geld nach zehn Jahren fast 300 Euro weniger wert. Nach zehn Jahren kann sich der Sparer nur noch so viel kaufen, als hätte er heute 800 Euro (siehe Infografik).

Nach 20 Jahren ist sein Geld nur noch 650 Euro wert. Selbst wenn die Inflation, wie von vielen Experten vorhergesagt, wieder sinkt und sich der zwei-Prozent-Marke nähert: Nach 20 Jahren liegt die Kaufkraft nicht mal mehr bei 800 heutigen Euro.

Noch schlimmer trifft die Inflation Anleger, die viel Geld in Anleihen oder Anleihenfonds, sogenannten Rentenfonds, haben. Die Papiere werden vermutlich erst mal im Wert sinken. Neuanleger wollen sich jetzt nämlich angesichts der Inflation und der anstehenden Leitzinserhöhung höhere Renditen sichern.

Bestehende Anleihen liefern den Käufern aber nur dann höhere Renditen, wenn ihr Preis niedriger ist. Wer heute schon solche Rentenpapiere hat und sie nicht bis zum Ende der Laufzeit halten will, verliert dadurch Geld. Sparer können nur auf eines hoffen: Dass die Banken ihnen mehr Zinsen aufs Tages- oder Festgeld zahlen, wenn die Europäische Zentralbank demnächst möglicherweise die Zinsen erhöht. Bankenbeobachter Max Herbst von der FMH Finanzberatung ist aber skeptisch: „Die Banken werden sie nur erhöhen, wenn der Markt das verlangt. In letzter Zeit sind sie aber im Durchschnitt kaum gestiegen.“

Arme essen, Reiche fahren

Trost käme vielleicht von den Politikern. Die sagen gern, Arme seien von der Inflation stärker betroffen - wer hingegen Geld anlegen kann, müsste demzufolge besser dastehen. Doch neue Berechnungen zeigen, dass das ein Trugschluss ist. Christian Dreger vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung hat ausgerechnet, dass die Preissteigerung für beide Gruppen in etwa gleich hoch ausfällt.

Zwar geben Arme prozentual mehr von ihrem Geld für Lebensmittel aus, dort spüren sie die Preiserhöhungen täglich. Doch Reiche geben mehr aus, um von A nach B zu kommen - und das wird angesichts des steigenden Ölpreises auch teurer. Reiche merken das nur nicht so schnell, denn zur Tankstelle fahren die Deutschen seltener als zum Supermarkt.

Da könnte man auf die Idee kommen, einen Kredit aufzunehmen. Schuldner profitieren oft von hoher Inflation, denn die Geldentwertung sorgt dafür, dass das Geld weniger wert ist, mit dem sie ihren Kredit zurückzahlen müssen. Doch das nutzt nur denen, die noch einen älteren Kredit haben. Die Zinsen auf neue Kredite sind schon wieder so weit gestiegen, dass Schuldner immer noch mehr zahlen müssen, als sie durch die Inflation gewinnen. Wer einen Kredit braucht, sollte ihn sich schnell sichern. Denn die Banken werden ihre Zinsen weiter anheben.

Gewusst wie: Das Ersparte vor der Inflation schützen

Rentabel anlegen. Je mehr Rendite das Geld bringt, desto weniger schadet die Inflation. In Zeiten hoher Teuerung bringen vor allem Sachwerte wie Aktien, Immobilien oder Rohstoffe Zuwächse - wenn es die richtigen sind.

Aktien profitieren langfristig. Zwar reißt der hohe Ölpreis die Aktienkurse erst mal herunter. Doch Aktien sind Unternehmensanteile, also Sachwerte. Firmen können ihre Preise und Gewinne auf dem Papier mit der Inflation anheben, darum ziehen langfristig auch die Kurse an. Nur Konsumaktien sind ungünstig.

Nicht alle Immobilien sind gut. Zwar sind Grundstücke und Gebäude an sich recht inflationssicher, aber da in Deutschland der Bevölkerungsrückgang viele Standorte unattraktiv macht, können Immobilien dort trotzdem an Wert verlieren.

Gold ist schon zu teuer. Der Preis ist so weit gestiegen, dass viele Experten davon abraten.

Mit Rohstoffen noch warten. Die Teuerung der Rohstoffe löst die Inflation aus - Rohstoffe sind also die natürliche Versicherung gegen Inflation. Berater Michael Huber vom VZ Vermögenszentrum empfiehlt aber, auf einen kurzen Preisausschlag nach unten zu warten.

Inflationsindexierte Anleihen sind sicher. Wenn die Inflation steigt, verlangen Käufer normaler Anleihen mehr Rendite. Darum sinkt deren Kurs. Wer schon Anleihen hat, verliert Geld. Besser ist es, wenn die Verzinsung von der Inflation abhängt. Der Bund bietet solche Papiere an.

Text: F.A.S.
Bildmaterial: F.A.Z.

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