Wolf Schneider über die Finanzsprache

„Hemmungsloses Imponiergehabe mit Fachwörtern“

Wolf Schneider unterstellt der Finanzbranche fehlenden Willen zur Kommunikation

Wolf Schneider unterstellt der Finanzbranche fehlenden Willen zur Kommunikation

27. Mai 2008 Wolf Schneider ist Träger des Medienpreises für Sprachkultur der Gesellschaft für deutsche Sprache, Ausbilder an fünf Journalistenschulen und Lehrer für lesbares Deutsch in Wirtschaft, Medien und Behörden. Er ist der meistgelesene Stillehrer der deutschen Sprache und gibt Auskunft über die Sprache der Finanzmärkte.

Herr Schneider, verstehen Sie Ihre Bank?

Ich verstehe fast nichts von dem, was meine Bank mir schreibt. Die Sprache der Finanzbranche ist nicht für Laien gemacht. Das ist kurios, weil die Kunden der Banken in der Regel Laien sind.

Was macht die Sprache der Finanzbranche unverständlich?

Finanzjargon: “Komplette Verweigerung jeglicher Sprachökonomie“

Finanzjargon: "Komplette Verweigerung jeglicher Sprachökonomie"

Ich kann keinen klaren Willen zur Kommunikation erkennen. Der deutsche Bildungsbürger neigt ja zu der Annahme, dass es ausreicht, wenn die Grammatik stimmt und dass die Verantwortung des Autors mit der korrekten Grammatik endet. Hier wird nicht darüber nachgedacht, ob der Adressat das versteht.

Die Sätze sind also grammatikalisch korrekt, aber inhaltlich unverständlich?

In der Tat. Das ist ein weit verbreitetes Fehlurteil in Deutschland: Wenn die Grammatik stimmt, hat der Schreiber seine Schuldigkeit getan. Dabei sagt uns die Verständlichkeitsforschung, dass beispielsweise nicht mehr als sechs Wörter zwischen den zwei Teilen eines Verbums stehen sollten - wer in Deutschland statt sechs 60 oder mehr Wörter dazwischenpackt, ist sogar noch stolz darauf, wenn er den Satz grammatikalisch korrekt zu Ende bringt. Die Frage nach der Verständlichkeit wird ignoriert.

Haben Sie ein Beispiel?

Wie wäre es damit: „Mit dem Ziel, die Aktienpapiere auszuwählen, die das höchste Ertragspotential aufweisen, legen die Strukturierungsexperten einen quantitativen Prozess zugrunde.“ Haben sie vielleicht Zahlen verglichen? Das ist hemmungsloses Imponiergehabe mit Fachwörtern, totale Gleichgültigkeit gegenüber dem Aufnahmevermögen der Adressaten und eine komplette Verweigerung jeglicher Sprachökonomie.

Was macht speziell die Texte der Finanzbranche unverständlich?

Vor allem die Anglizismen und der Fachjargon. Da lese ich, dass „der riot point der risikoaverseste aller Investmentregimes“ ist - das ist lächerlich.

Sollte man alle Anglizismen vermeiden?

Nein, ich bin nicht grundsätzlich gegen Anglizismen, aber ich bin gegen Anglizismen, die an den Englischkenntnissen eines Großteils der Adressaten vorbeigehen oder sich wichtigtuerisch spreizen. Was ist denn eine „buy-and-build-strategy“? Und wer bitte schön weiß, was ein „climate solutions management“ macht? Hier sollte sich die Finanzbranche an den Erfahrungen der Werbung orientieren: Dort wächst die Einsicht, dass man im Anglizismuswahn Millionen Euro verpulvert hat, ohne sich dafür zu interessieren, ob die Kunden überhaupt die Sprache verstehen, die ihnen da zugemutet wird.

Was empfehlen Sie den Kommunikationsexperten der Finanzbranche?

Falls es ihre Absicht ist, Klarheit zu verbreiten, sollten sie die Gesetze der Verständlichkeit und die Regeln der Attraktivität befolgen. Sie müssen sich lösen von der Haltung, dass sich der Leser plagen muss, nicht der Schreiber.

Will die Finanzbranche überhaupt Klarheit verbreiten?

Darauf würde ich keinen Eid leisten. Fest steht jedenfalls, dass sie ihren Kommunikationszweck verfehlt, wenn es ihr darum geht, die Kunden zu erreichen. Ein schludriger, pompöser Umgang mit Sprache, Rücksichtslosigkeit im Satzbau sowie Ignoranz gegenüber den Bedürfnissen des Lesers führen zu unlesbaren Sätzen und unverständlichem Deutsch - so wollen Sie Geschäfte machen? Verständlichkeit ist zwar nicht alles, aber ohne Verständlichkeit ist alles nichts.

Das Gespräch führte Hanno Beck.



Text: F.A.Z.
Bildmaterial: ddp, picture-alliance/ ZB

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