Nach der Kaupthing-Pleite

Tagebuch eines verzweifelten Sparers

Gestürzter Anleger vor dem Sitz der Kaupthing-Bank auf Island

Gestürzter Anleger vor dem Sitz der Kaupthing-Bank auf Island

20. Oktober 2008 Jeden Morgen ist der Gedanke gleich als erster da. Es ist nicht so, dass er mir schlaflose Nächte bereitet. Aber sobald ich morgens aufwache, denke ich: Vielleicht ist jetzt alles weg! Alles, was du hast. Was du dir jahrelang zusammengespart hast von den paar Euro, die jeden Monat übrig bleiben.

Oder wie ist das jetzt mit meinem Geld? Es erzählt einem ja keiner was. Was ich bisher über die Pleite meiner Bank weiß, dieser Kaupthing-Bank, das habe ich mir selbst zusammengesucht. Kaupthing: Wenn ich den Namen sage, stöhnen alle auf. Aber sagte dieser Name vor ein paar Monaten jemandem was? Mir auch nicht.

Protest enttäuschter Kunden der Kaupthing-Bank auf der Place de la Liberté in Brüssel

Protest enttäuschter Kunden der Kaupthing-Bank auf der Place de la Liberté in Brüssel

Im Juni habe ich bei denen investiert. Da waren die erst ein halbes, vielleicht ein Dreivierteljahr auf dem Markt. Ein Freund hat mir von denen erzählt. Der kümmert sich um seine Finanzen und vergleicht immer, wo es hohe Zinsen gibt. Aber ich bin nicht so risikofreudig, also habe ich die Zeitungen gewälzt und im Internet nach Berichten gesucht.

Das sei eine riesige und bekannte Bank, stand da, die größte Islands, und sie biete Zinsen, die besser seien als die von deutschen Instituten. Jetzt weiß ich auch, warum: Die mussten ihren eigenen Hintern retten und brauchten dringend Kunden.

Wir gelten jetzt als die Gierigen

Was mich aber ärgert: dass wir Kunden jetzt als die Gierigen dargestellt werden, als Geier. Wir sind keine Geier und auch keine Superzinsjäger. Sogar jetzt gibt's noch Banken, die 5,4 Prozent Zinsen bieten. Kauphting hat 5,65 Prozent versprochen. Das ist nicht einmal wahnsinnig viel: Ich zahle 35 Prozent Steuern auf alle Zinsen, die über dem Freibetrag liegen. Da bist du selbst bei Kaupthing unterm Strich bei einer Verzinsung von 3,5 Prozent. Ist das zu viel verlangt, dass ich mir eine Bank suche, die mein Geld verwahrt und die Inflation ausgleicht?

Das mit dem Sicherungsfonds habe ich natürlich auch gelesen, das stand ja in fast jedem Bericht: dass Kaupthing nicht unter den deutschen Einlagensicherungsfonds fällt. Aber sie seien ja dem isländischen System angeschlossen. Das stehe für gut 20.800 Euro gerade. Auf dieses Versprechen habe ich mich einfach verlassen. Man muss sich doch auf so was verlassen können. Oder soll ich mein Geld zu Hause unterm Kopfkissen lagern? Das ist ja von der Wirtschaft auch nicht gewünscht.

Wenn du bei denen einsteigst, musst du aber unbedingt in dem 20.000-Euro-Rahmen bleiben, das war mir klar. Mein Freund hatte sich schon ein Tagesgeldkonto zugelegt. Also habe ich auch welches eingezahlt. Das Geld lag vorher auf einer anderen Bank. Dort habe ich es runtergenommen, weil mir Kaupthing sicherer schien. Die andere Bank ist natürlich nicht pleite, die gibt's noch. Aber mal ehrlich: Wer dachte damals schon daran, dass Banken wirklich pleitegehen?

Anfang September: Anfangs lief auch alles gut. Vor sechs Wochen tauchte dann aber diese Meldung in der Tagesschau auf: dass Island wirtschaftliche Schwierigkeiten hat. Es war eine ganz kurze Meldung, und ich habe mir nicht viel dabei gedacht. Da denkt ja niemand gleich an Staatsbankrott. Für mich war beruhigend, dass Kaupthing eine Niederlassung in Deutschland hat.

Montag, 6. Oktober: Zwei Tage vor Schluss rief mich mein Freund an. Er sagte: „Ich habe mein Geld zurückgeholt. Man hört so viel von der Finanzkrise und Island, und die geben so hohe Zinsen - ganz geheuer ist mir das nicht mehr.“ Darauf habe ich bei der Hotline angerufen und ganz direkt gesagt, ich hätte von einem Notgesetz gehört. „Island ist Island“, beruhigte die Frau mich, „aber wir sind ja hier in Deutschland. Wir sind eine deutsche Niederlassung, und Ihr Geld ist geschützt von der deutschen Einlagensicherung.“ Ich habe beruhigt aufgelegt, dann aber in den Geschäftsbedingungen nachgesehen: Es stimmte nicht, was sie gesagt hatte. Da wurde ich nervös.

Dienstag, 7. Oktober: Am nächsten Tag habe ich sofort gekündigt. Schriftlich. Das war dumm, das weiß ich jetzt. Aber ich habe die Kündigung als Einschreiben geschickt, weil ich dachte, sicher ist sicher. Mein Freund hatte sein Geld am Montag telefonisch abgezogen. Mein Einschreiben kam wohl erst Donnerstag in Island an. Zu spät.

Mittwoch, 8. Oktober: In den Nachrichten habe ich gehört, zwei isländische Banken seien verstaatlicht worden. Aber Kaupthing nicht. Die hätte nur ein paar Millionen erhalten, damit der Geschäftsbetrieb weiterläuft. Wunderbar, dachte ich, meine Bank ist nicht wirklich betroffen. Ich wollte trotzdem an mein Geld und das Ganze beschleunigen. Aber die Hotline war dauerbelegt. Den ganzen Tag. Abends war auch übers Internet nichts mehr möglich.

Donnerstag, 9. Oktober: Die haben nicht mal mehr meine Konten angezeigt, sondern nur noch eine Nachricht übermittelt: Die deutsche Finanzaufsicht habe jetzt ein Moratorium verhängt, zum Schutz der Einlagen ... Viel Blabla. Den Begriff hatte ich bis dahin noch nicht gehört. Also habe ich im Internet nachgeguckt, was das alles bedeutet. Es heißt, das ich sechs Wochen warten muss, bis ich weiß, ob meine Bank pleite ist oder nicht. Ich habe dann meinen Freund angerufen, der hat sein Geld inzwischen bekommen. Ehrlich gesagt hat mich das ziemlich geärgert: Hätte er mich nicht deutlicher warnen können? Aber ich weiß, das ist ungerecht.

Wochenende, 11./12. Oktober: Im Grunde bin ich sauer auf die isländische Regierung. Die sagt jetzt, ihre Einlagensicherung gilt nicht für uns deutsche Kunden. Nur für Isländer. Die haben mein Geld - und ich komme nicht mehr dran. Und sie wollen sich nicht an ihr Versprechen halten. Das ist doch Betrug! Mich ärgern auch die deutschen Behörden. Die haben doch diese Bank hier zugelassen. Müssten sie dann nicht auch für die Einlagen der deutschen Kunden garantieren? Dabei hat doch die Merkel im Fernsehen gesagt, dass kein deutscher Sparer Angst um sein Geld haben muss.

Mittwoch, 15. Oktober: Die wissen alle selbst nicht, was läuft: Der Steinbrück hat gestern behauptet, das Kanzlerinnenversprechen gilt auch für uns. Und er sollte es doch als Finanzminister wissen. Heute haben sie das in der Regierung aber dementiert. Langsam regt mich diese Unklarheit auf. Niemand steht dir Rede und Antwort. Erst recht nicht auf die Frage: Ist Island jetzt pleite oder nicht? Davor habe ich am meisten Angst. Wenn dieses Land bankrott ist, dann kann es doch für unsere Einlagen niemals aufkommen. Aber das ganze Geld muss doch irgendwo sein.

Freitag, 17. Oktober: Jetzt feiern alle das Rettungspaket. Dafür hat die Regierung 500 Milliarden übrig. Bei uns geht es um 300 Millionen, lächerliche Millionen. Um die kümmert sie sich nicht. Ich würde mir wünschen, dass sie genauso um unsere Einlagen kämpft. Zumindest genauso wie die anderen: Andere Länder haben längst mit Island verhandelt. Die Holländer und Briten bekommen jetzt ihr Geld zurück. Dafür haben deren Regierungen sogar Geld hinterlegt, bis eine Insolvenz festgestellt ist. Aber das kann ja noch ewig dauern. Und wer verhandelt für uns?

In den Zeitungen steht, dass unsere Regierung mit Island redet. Ich kann nur hoffen, dass das auch stimmt. Was anderes bleibt mir sowieso nicht übrig. Hätte sie nicht einfach auf dieses Milliardenpaket noch einmal 300 Millionen draufpacken können? Dann würde sie wenigstens ihr Versprechen halten, wenn die anderen es schon nicht tun.

Ich hätte ja nie bei dieser Bank angelegt, wenn ich das gewusst hätte. Und es waren ja nicht nur Privatanleger, erfährt man. Selbst Scotland Yard soll sein Geld nach Island rüberverfrachtet haben. Deshalb haben die Briten sich auch so bemüht. Aber ich muss positiv denken. Unbedingt. Darf jetzt nicht den Mut verlieren. Sonst werde ich noch verrückt.

Aufgezeichnet von Nadine Oberhuber.



Text: F.A.S.
Bildmaterial: AFP, dpa

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