Häusermarktkrise

Die Hypothekenkrise verschwindet nicht

Die Häusermarktkrise ebbt nicht ab

Die Häusermarktkrise ebbt nicht ab

28. August 2007 Experten sind sich einig: Die Kreditkrise ist trotz aller Eingriffe der Notenbanken keineswegs ausgestanden. Die Aktienmärkte beeindruckt das aber wenig. Sie betrachten das Thema mehr oder weniger als erledigt an und verweisen auf „starke Fundamentaldaten“ aus Konjunktur und Unternehmen.

Immerhin seine die ausgewiesenen Gewinne der großen amerikanischen Investmentbanken im zweiten Quartal weiter stark gewesen, von Krise keine Spur. Nun, dass Bilanzen geduldig sind, zeigt sich mit jedem Bilanzskandal aufs Neue. Man muss dazu nicht Comroad heißen und Umsätze erfinden oder wie die Fondsgesellschaft Sentinel, nach Meinung der Wertpapieraufsicht Wertpapiere aus Kundendepots auf die Firma übertragen und beleihen.

Was ist Wahrheit?

Der Grad, mit dem Bilanzen eine wahres Abbild der Unternehmensverhältnisse darstellen, ist unterschiedlich und immer strittig, der Übergang zwischen sachlich begründet, kreativ und falsch fließend, so dass Bilanzen Vertrauenssache sind.

Diese Erkenntnis ist nicht neu, im Kontext der Kreditkrise aber macht sie nachdenklich. Bislang sind die größten Verluste aus den Kreditmärkten nicht bei den amerikanischen Großbanken zu Tage getreten - angesichts des Hypotheken- und Hypothekaranleihenbooms in den Vereinigten Staaten eigentlich verwunderlich. Folgt man den Überlegungen des amerikanischen Bilanzexperten und Bloomberg-Kolumnisten Jonathan Weil, so könnte dies einen anderen Grund als ein gutes Risikomanagement haben.

Im September 2006 hat das amerikanische Financial Accounting Standards Board (FASB), das für die Bilanzstandards jenseits des großen Teichs verantwortlich zeichnet es möglich, eine neue Regel zur Ermittlung des fairen Werts eingeführt, die ab 2008 verpflichtend wird.

Gewinn aus „nicht-beobachtbaren Inputs“

Einige Banken haben diese aber bereits jetzt schon eingeführt, zum Beispiel Wells Fargo. Nach dem neuen Modell teil sich der ermittelte Gewinn der Bank in drei Komponenten auf. Level 1 bezieht seinen Wert aus quotierten Preisen, Level 2 aus marktähnlichen Preisen, wie jüngste Einzelpreise. Level 3 aber basiert auf „nicht-beobachtbaren Inputs“, also letztlich dem subjektiven Empfinden.

Diese „Level-3-Gewinne“ resultierten bei Wells Fargo zu 1,21 Milliarden Dollar (bei 3,44 Milliarden Dollar) Vorsteuergewinn aus der Neubewertung von Hypothekenkrediten, die das Unternehmen allerdings nicht in den eigenen Büchern hat, sondern lediglich die Zahlungsströme erworben hat (Mortgage Servicing Rights, MSR).

Was das ganze pikant macht ist die Tatsache, dass Wells Fargo diese Gewinne herunter gerechnet hat, indem man sie mit Verluste aus Derivategeschäften verrechnete, die allerdings zum „Level-1“ gehören - angeblich weil es sich um Absicherungsgeschäfte gehandelt habe, was aber fragwürdig erscheint. Welche marktquotierten Derivate sichern gegen Ausfälle bei Zahlungsströmen von Hypothekenkrediten ab? Weil zieht aus dieser Saldierung einen Schluss: Man könne darauf wetten, dass die Verluste real waren, die Wertzuwächse aber eher die Substanz eines Gebetes hätten.

Historisch starker Hauspreisrückgang

Wells Fargo ist nicht die einzige Bank, die im zweiten Quartal hohe Gewinne aus „Level-3-Neubewertungen“ verbuchte. JP Morgan verbuchte aus der Neubewertung von MSRs ein Plus von 952 Millionen Dollar, die Citigroup von 1,3 Milliarden Dollar. Andere Banken haben ähnliche Zuwächse aus Derivatekontrakten oder Private Equity verbucht.

Ob dies nun die wirtschaftliche Lage der Bank tatsächlich richtig wiedergibt, wird sich letztlich erst im Nachhinein beurteilen lassen. Natürlich steigt der Wert von MSRs mit den Zinsen, weil die Zahl der Refinanzierungen ab- und die der Tilgungen zunimmt - es sei denn die Zinsen steigen zu stark und mit ihnen die Ausfallraten.

Und diesbezüglich sind Zweifel nicht unangebracht. Der am Dienstag veröffentlichte Case-Shiller-Hauspreisindex ist im zweiten Quartal gegenüber dem Vorquartal um weitere 0,9 Prozent gesunken, so dass sich das Minus auf Jahresbasis mittlerweile auf 3,2 Prozent beläuft. Dies ist der stärkste Rückgang des Index seit Beginn der Indexreihe im Jahr 1987. Nur 1990/1991 ist der Index bereits einmal vier Quartale in Folge gesunken. Damals betrug der Rückgang 2,2 Prozent.

Verbrauchervertrauen auf dem Rückzug

Der Case-Shiller-Hauspreisindex gilt als guter Vorlaufindikator für den am Donnerstag zur Veröffentlichung anstehenden nationalen Hauspreisindex des Office of Federal Housing Enterprise Oversight (OFHEO). Dieser wies bis zuletzt trotz der Krise am Markt für Wohnimmobilien positive Jahresveränderungsraten auf. Indes waren diese von über zwölf Prozent im Vorjahr 2007 auf zuletzt bis unter fünf Prozent abgestürzt.

Gleichzeitig hat sich die Stimmung unter den amerikanischen Verbrauchern im August abgekühlt. Der Index des Verbrauchervertrauens fiel auf 105,0 Punkte. „Eine Abschwächung des Wirtschaftsumfeldes und der Arbeitsmarktlage haben das Verbrauchervertrauen in diesem Monat belastet“, erklärte die Herausgeberin der Studie, Lynn Franco. Zusätzlich dürften die Finanzmarktturbulenzen und die anhaltenden Sorgen über die Hypothekenkrise einen negativen Einfluss ausgeübt haben.

Rufe nach dem Staat werden lauter

Auch die Verkaufszahlen fertiger Häuser befinden sich deutlich im Abwärtstrend und liegen nach einer kurzen Erholung zu Jahresbeginn deutlich unter dem Niveau der vergangene Jahre. Schon stößt der renommierte Rentenfondsmanager Bill Gross ins gleiche Horn wie die Regierungen mancher Bundesstaaten und fordert, dass die Bundesregierung bedrängten Hausbesitzern zu Hilfe eilen soll. Damit könne eine destruktive Deflation im Eigenheimsektor vermieden werden. Diese Rettung helfe zwar „möglicherweise auch Spekulanten, die Schlimmeres verdienen. Aber sie würde Millionen hart arbeitender Amerikaner unterstützen, die in jüngster Zeit verzweifelte Stunden verbracht haben.“

Im Juli haben sich in den Vereinigten Staaten die Zwangsversteigerungen von Eigenheimen auf 179.599 Fälle fast verdoppelt, weil bei Hausbesitzern mit variabel verzinslichen Hypotheken die Zinszahlungen stiegen und sie die Kredite wegen der Subprime-Krise nicht refinanzieren
konnten. Analysten rechneten damit, dass die Zahlungsausfälle auf über zwei Millionen Fälle steigen, was die Hauspreise voraussichtlich um zehn Prozent drücken würde, so Gross. Sollte dies eintraten, wäre es die größte Deflation von amerikanischen Vermögenswerten seit der Weltwirtschaftskrise.

„Das ist noch lange nicht ausgestanden“, hörte man in den vergangene Tagen immer wieder von der Börse. Wie wahr.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @mho
Bildmaterial: AP, FAZ.NET

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