Behavioral Finance (2)

Die heiße Hand und der Spielerirrtum

Von Hanno Beck

Oh Luca - sind Deine Serien gar keine?

Oh Luca - sind Deine Serien gar keine?

22. November 2008 Endlich trifft er wieder: Da wurde schon über sein Alter diskutiert, eine Formschwäche diagnostiziert, und dann trifft er wieder - der Knoten scheint bei Luca Toni geplatzt zu sein. Im Angelsächsischen spricht man in solchen Fällen von einer „kalten“ respektive „heißen“ Hand: Ein Spieler, dem alles gelingt, hat ein heißes Händchen, einer mit Ladehemmung hingegen ist kalt.

Doch so einleuchtend sich das anhört - Untersuchungen zur heißen Hand im Basketball haben gezeigt, dass Spieler nicht „heiß“ oder „kalt“ sind, rein statistisch gesehen gibt es solche Glücks- oder Pechsträhnen nicht. Unsere Wahrnehmung solcher Serien ist offenbar häufig falsch, weil wir in einer Folge von Fehlschüssen oder Treffern ein Ereignis sehen, das sich nicht zufällig ereignet hat. Wenn ein Torjäger mehrere Spiele hintereinander das Tor nicht trifft, entspricht das nicht unserer Vorstellung einer zufälligen Verteilung von Fehlschüssen - wir vermuten ein System dahinter.

Vermutetes System

Die Ursache dieser Wahrnehmung ist die sogenannte Repräsentativitätsheuristik. Eine Heuristik ist eine Art geistige Abkürzung, ein Verfahren, mit dessen Hilfe man Entscheidungen unter Unsicherheit trifft. Ihre Grundidee besteht darin, dass man komplexe Probleme mit einfachen Lösungen beantwortet.

Im Falle der Repräsentativitätsheuristik lautet die Idee wie folgt: Je repräsentativer ein Objekt, ein Ereignis für eine bestimmte Gruppe ist, umso größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass es tatsächlich zu dieser Gruppe gehört.

Im Falle der heißen Hand bedeutet das: Die Hypothese, dass der Spieler einfach nur zufällig ein paar Spiele hintereinander nicht trifft, verwerfen wir, weil wir eine solche Serie als nicht repräsentativ für ein Zufallsereignis erachten. Deswegen muss er ein kaltes Händchen haben. Dass der Zufall in Wirklichkeit viel ungleicher verteilt ist, entgeht uns dabei.

Die gedächtnislose Kugel

Grundsätzlich ist die Idee der Repräsentativitätsheuristik richtig: Wenn etwas Ähnlichkeit zu bekannten Phänomenen aufweist, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass es sich um das gleiche Phänomen handelt, recht hoch.

Doch kann diese Technik auch rasch zu Fehleinschätzungen führen, und die bekannteste ist der sogenannte Spielerirrtum. Wer in ein Casino geht und sieht, dass fünfmal hintereinander „Rot“ fällt, wird versucht sein, nun auf „Schwarz“ zu setzen, da Schwarz nun unserer Intuition zufolge einfach „dran“ ist.

Dabei vergessen wir nur zu gerne, dass eine Roulettekugel kein Gedächtnis hat, die Wahrscheinlichkeit für „Rot“ ist immer die gleiche. Nach fünfmal hintereinander „Rot“ wieder „Rot“ - das ist in unseren Augen nicht repräsentativ für den Zufallsprozess „Roulette“, und deswegen glauben wir, dass jetzt Schwarz fallen muss.

Der zufällige Gewinnerfonds

An der Börse führt dieses Denken dazu, dass wir leichtfertig Muster zu erkennen glauben, welche wir nachträglich mit einer Begründung adeln. Wenn beispielsweise ein Fonds ein paar Jahre hintereinander den Gesamtmarkt schlägt, sind wir geneigt, zu glauben, dass wir einen hervorragenden Vermögensverwalter erwischt haben.

Wir halten die wenigen Jahre, die wir den Fonds beobachten, für repräsentativ, ohne uns zu überlegen, wie wahrscheinlich es denn sein könnte, dass diese Ergebnisse zufällig zustande gekommen sind. Bedenkt man, dass alleine in Deutschland mehr als 6000 Fonds zum Vertrieb zugelassen sind, so muss es zwangsläufig einige davon geben, die besser sind als der Gesamtmarkt - einfach nur aus Zufall.

Auch den Kauf einer Aktie tätigen wir häufig alleine aufgrund weniger Informationen, die wir für repräsentativ erachten - und genau so wenige Informationen können es dann sein, die uns diese Aktie auch wieder verkaufen lassen. So reicht oftmals schon die Einordnung einer Aktie als Technologiewert oder Telekommunikationsaktie, um den Kurs im Einklang mit den anderen Werten dieser Branchen steigen oder fallen zu lassen - auch wenn die Zuordnung zweifelhaft sein mag.

Narren des Zufalls

Am schlimmsten aber wird es, wenn wir Muster an der Börse beobachten: Die Kurse fallen in Vollmondphasen, sie steigen an sonnigen Tagen: Solche Zusammentreffen sind in unseren Augen nicht zufällig, weswegen wir sie mit einer Theorie adeln, nach dem Mondphasenkalender oder dem Thermometer investieren und uns damit zu Narren des Zufalls machen.

Eine weitere Heuristik, die uns das Leben leichter macht, uns aber auch in die Irre führen kann, ist die Verfügbarkeitsheuristik: Man nutzt für Entscheidungen vor allem Informationen, die leicht verfügbar sind. Wer also gefragt wird, wie hoch das Risiko eines Herzinfarktes ist, geht im Geiste die Anzahl der Fälle durch, die er kennt, und gibt auf Basis dieser Erfahrungswerte eine Schätzung ab.

Diese Verfügbarkeitsheuristik vermutet man als Ursache des „home bias“, der besagt, dass Anleger zu viel Geld in heimische Aktien investieren und zu wenig international diversifizieren. Da Informationen über heimische Aktien leichter verfügbar und zugänglich sind, investieren wir lieber in heimische Aktien. Schätzungen gehen davon aus, dass diese Neigung, aufgrund leicht verfügbarer Informationen mehr in inländische Werte zu investieren, deutsche Anleger im Durchschnitt jährlich zwischen ein und drei Prozent Rendite kostet.

Was wir schon immer wussten

Heuristik Nummer drei, die sich zum Stolperstein auf dem Weg zu mehr Rendite auswachsen kann, ist der „confirmation bias“. Damit umschreibt man die experimentell gut dokumentierte Neigung von Menschen, Informationen selektiv wahrzunehmen: Wir nehmen vor allem solche Informationen wahr, die unsere Meinung oder einmal gefasste Beschlüsse bestätigen. Und noch schlimmer: Wir neigen sogar dazu, Informationen so zu interpretieren, dass sie in unser Meinungsbild passen.

Ein Experiment dokumentiert das: Man gibt Versuchspersonen zufällig ausgewählte Literatur zur Wirkung der Todesstrafe und bittet sie zu sagen, inwieweit sich ihre Einstellung zur Todesstrafe nach dem Studium dieser Quellen verändert hat. Das Ergebnis: Diejenigen, die vor dem Studium der Quellen für die Todesstrafe waren, waren nach dem Studium der Literatur noch überzeugter von deren Wirksamkeit, diejenigen, die zuvor Gegner der Todesstrafe waren, waren nach dem Studium der gleichen Literatur in ihrer Meinung gegen die Todesstrafe ebenfalls bestätigt.

Sich selbst misstrauen

Für das Informationsverhalten von Anlegern bedeutet das, dass wir nach der Entscheidung für ein Investment nur noch gezielt Informationen wahrnehmen, die unser Investment bestätigen. Kritische Stimmen werden abgeschaltet oder aber sogar im Sinne der eigenen Anlageentscheidung uminterpretiert.

Wer dieser Falle entgehen will, sollte sich zwingen, für jedes Argument, das für das Investment spricht, ein Gegenargument zu finden, sich also selbst zum „advocatus diaboli“ - dem Vertreter der gegensätzlichen Position - machen.

Das klingt leicht, ist aber, wenn man den Experimenten zum „confirmation bias“ trauen darf, schwerer, als es klingt. Aber niemand hat ja behauptet, dass es leicht sei, an der Börse Geld zu verdienen.

Text: F.A.Z.
Bildmaterial: AP

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