Aktienstrategie

„Dem Markt steht ein harter Sommer bevor“

Von Matthew Goldstein, Ben Steverman und Ben Levisohn

... tja, wo läuft der Markt hin?

... tja, wo läuft der Markt hin?

04. Juli 2008 Am Ende des ersten Halbjahres 2008 befinden sich die amerikanischen Aktienmärkte im Keller. Nachdem die Leitindizes von ihren Höchstständen im vergangenen Oktober in die Baisse abgekippt sind, schwinden nun zusehends die Hoffnungen auf eine erfreulichere zweite Jahreshälfte.

Eine üble Kombination aus schwachem Wirtschaftswachstum, steigender Arbeitslosigkeit und hoher Inflation - auch als Stagflation bekannt - zwingt Marktbeobachter, ihre bisherigen Prognosen einer Aktienmarktrally in der zweiten Jahreshälfte zurückzunehmen. Von starken Unternehmensgewinnen und Leitzinssenkungen als traditionelle Triebkräfte des Aktienmarkts ist keine Rede mehr. Volkswirte revidieren derweil ihre Erwartungen an das Wachstum der Weltwirtschaft nicht nur für das verbleibende Jahr 2008, sondern auch für 2009, insbesondere vor dem Hintergrund immer neuer Höchststände bei den Ölpreisen.

„Dem Markt steht ein harter Sommer bevor“

All das führt dazu, dass Händler die Stimmung vor den üblicherweise schwachen Sommermonaten mit Adjektiven wie „lustlos“, „nervös“ und „niedergeschlagen“ beschreiben. „Dem Markt steht ein harter Sommer bevor“, sagt Gary Wolfer, Chefvolkswirt der Wealth Management & Trust Group (Univest Corporation), der seinen früheren optimistischen Ausblick für die Unternehmensgewinne nach unten korrigiert hat. Einige Fachleute suchen sogar Zuflucht in neue Finanzinstrumente wie Absolute Return Barrier Notes, die dem Kapitalschutz höhere Priorität einräumen als der Erzielung von Kapitalerträgen. Im aktuellen Umfeld kann man nie sicher genug sein.

Wirft man einen Blick auf die historische Entwicklung, dann müssten Anleger noch einige Zeit in Deckung bleiben. James Swanson, leitender Anlagestratege bei der Fondsgesellschaft MFS Investment Management, weist nämlich darauf hin, dass die durchschnittliche Baisse 406 Tage andauert und die Aktien in diesem Zeitraum im Schnitt um 31 Prozent an Wert verlieren. Demnach hätten wir erst die Hälfte der Malaise hinter uns.

Unhappy Birthday

Diese Malaise ist natürlich hauptsächlich der Kreditkrise geschuldet, die in Kürze ihren ersten Geburtstag feiert. Es wird damit gerechnet, dass Banken im Zusammenhang mit dem Hypothekendebakel und den daraus resultierenden Wirtschaftsproblemen in den kommenden Quartalen weitere Verluste im Volumen von 600 Milliarden Dollar ausweisen werden, die sich damit auf eine Billion Dollar summieren würden. Und noch ist das Ganze nicht ausgestanden: In einer jüngsten Umfrage der amerikanischen Notenbank haben 70 Prozent der Banken ihre Kreditvergabestandards für Immobiliendarlehen verschärft.

Unabhängig davon, ob es sich nach gängiger Definition um eine Rezession handelt oder nicht, befinden sich die Vereinigten Staaten für viele Menschen und Unternehmen bereits in einer gefühlten Rezession. Die steigende Zahl der Kreditkartenausfälle veranlasst Banken zur Bildung von Rückstellungen, um für eine neue Runde potenzieller Verluste aus notleidenden Krediten gerüstet zu sein. So merkte etwa American Express am 25. Juni in einer ernüchternden Mitteilung an, dass sich die „Kreditindikatoren stärker verschlechtert haben, als von uns erwartet“, was auf eine weitere Eintrübung des Wirtschaftsklimas in den Vereinigten Staaten hindeute.

Keine guten Nachrichten also für den breiten Aktienmarkt. In einer Erholungsphase haben üblicherweise Aktien der Sektoren Finanzdienstleistungen und Dauerhafte Konsumgüter die Nase vorn, derzeit befinden sich jedoch beide Sektoren auf Talfahrt. Der Philadelphia KBW Bank Index (einer der maßgeblichen Indizes des Bankensektors) sank in der ersten Jahreshälfte 2008 um 34 Prozent, während der marktbreite Aktienindex S&P-500 um 12,8 Prozent an Wert einbüßte. Konsumgüteraktien von Starbucks bis Kohl's gerieten ins Schlingern.

Nur wenige Branchen zeigen Lebenszeichen

Derzeit sind nur in wenigen Sektoren Lebenszeichen auszumachen. Analysten mit Fokus auf die Technologiebranche sorgen sich um eine Abschwächung bei den Unternehmensausgaben, während der Gesundheitssektor unter Befürchtungen vor Politikänderungen nach der amerikanischen Präsidentschaftswahl 2008 zu leiden hat. Am 2. Juli senkte beispielsweise der Krankenversicherer UnitedHealth Group seinen Gewinnausblick für das laufende Jahr. Einziger Lichtblick ist der Energiesektor, insbesondere Kohleaktien und Papiere von Ölbohrunternehmen.

Die anhaltende Schwäche im Finanzsektor nährt derweil Gerüchte, dass ein oder zwei weitere Großbanken dasselbe Schicksal erleiden könnten wie die in letzter Minute vor dem Zusammenbruch gerettete Investmentbank Bear Stearns. Die Haie sammeln sich bereits um Lehman Brothers, die kleinste der vier großen Wall-Street-Banken. Skeptikern zufolge kann die Investmentbank nicht länger ihre Unabhängigkeit wahren, da sie es mit ihrer neuen konservativen Geschäftspraxis schwer haben dürfte, die von der Wall Street eingeforderten satten Gewinne zu erzielen.

Am 30. Juni sank die Lehman-Aktie auf ein Achtjahrestief bei 20 Dollar, nachdem Gerüchte aufkamen, ein größerer Konkurrent wolle die Bank zu einem Preis unterhalb ihres Marktwerts übernehmen („Take-Under“). Später erholte sich die Aktie wieder, nachdem sich das Management bereit erklärt hatte, den Mitarbeitern eine stärkere Beteiligung am Unternehmen einzuräumen.

Abhilfe mit Kapitalerhöhungen, Veräußerungen und Kapitalschutzpapieren

Es ist dagegen wenig hilfreich, dass in Liquiditätsschwierigkeiten geratene Banken Staatsfonds, Private-Equity-Gesellschaften oder andere Investoren mit übervollen Kassen an Bord holen, indem sie neue Anteile mit einem starken Abschlag ausgeben. Der doppelte Druck einer höheren Anzahl von Aktien zu niedrigeren Kursen lastet schwer auf den Finanzdienstleistern und auf dem Markt im Allgemeinen.

Banken sehen sich nun bemüßigt, nicht zum Kerngeschäft zählende Vermögenswerte und Unternehmen abzustoßen, um auf diese Weise Kapital zu beschaffen, ohne die Anteilseigner weiter zu schädigen. Einige Analysten sind der Ansicht, dass Merrill Lynch zur Stärkung seiner Kapitaldecke einen Teil seiner 49-prozentigen Beteiligung am Vermögensverwalter BlackRock veräußern könnte. Der Verkauf profitabler Beteiligungen wie BlackRock könnte den Unternehmen allerdings auch eine rasche Erholung erschweren. Eine Sprecherin von Merrill Lynch lehnte eine Stellungnahme hierzu ab.

Angesichts der derzeit vorherrschenden enormen Unsicherheit setzen einige Vermögensverwalter auf Finanzinstrumente, die zur Begrenzung des Volatilitätsrisikos von Anlegern konzipiert wurden. Mit Absolute Return Barrier Notes wird das Kapital vermögender Klienten 18 Monate lang gebunden. Wenn ein bestimmter Vergleichsindex, etwa der Dow Jones Industrial Average, in diesem Zeitraum innerhalb eines festgelegten Korridors bleibt, profitieren die Anleger des Papiers von einem hohen Zinssatz.

Sollte der Index den Korridor verlassen, erhält der Anleger zwar keine Rendite, sein investiertes Kapital bleibt jedoch erhalten. „Damit bietet sich die Chance auf einen Ertrag über Marktniveau bei gleichzeitigem Kapitalschutz“, sagt Keith Styrcula, Vorsitzender der Structured Products Association (SPA). „Man erhält entweder alles oder aber nur das eingesetzte Kapital zurück“. Wenn man sich die Marktentwicklung ansieht, dürften allerdings viele Anleger bereits zufrieden damit sein, auf der Stelle zu treten.

Die Autoren schreiben für BusinessWeek



Text: Business Week Online
Bildmaterial: AP

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