Interview

Anleger brauchen für Schwellenländer langen Atem

Fondsmanager Mark Mobius

Fondsmanager Mark Mobius

26. Juni 2006 Nach einem sehr guten Lauf in den vergangenen Jahren befinden sich die Schwellenländermärkte in einer deutlichen Korrekturphase. Templeton-Fondsmanager Mark Mobius äußert sich im Interview über turbulente Märkte und gute Kaufkurse.

„Kaufen Sie nach, wenn Sie Langfristinvestor sind! Wer nur kurzfristig auf Kursgewinne spekulieren wollte, sollte allerdings besser verkaufen - es ist noch nicht zu spät,“ sagt er unter anderem.

Herr Mobius, wer ist Ihr WM- Favorit?

Brasilien natürlich.

Auch an der Börse?

Nein, da gibt es vielversprechendere Kandidaten.

Hohe Kursverluste haben in den vergangenen Wochen Ängste vor einer neuen Emerging-Market-Krise geweckt. Zu Recht?

Es ist unmöglich zu sagen, ob das der Anfang einer neuen Baisse ist. Einige Märkte wie Istanbul sind um 40 Prozent eingebrochen, andere wie Hongkong haben nur zehn Prozent verloren.

Was lehrt uns die Vergangenheit?

Daß Bärenmärkte kürzer sind als Bullenmärkte. Und daß die Kurse in der Baisse nicht so stark fallen wie sie in der Hausse steigen. Anleger brauchen für die Schwellenländer einen langen Atem.

Lohnt es sich, jetzt zu kaufen?

Ja. Wer wenigstens fünf Jahre investiert bleiben will, hat jetzt die Gelegenheit, günstig einzusteigen.

Anleger haben zuletzt Milliardensummen in den Emerging Markets angelegt, vor allem in den Bric-Ländern Brasilien, Rußland, Indien und China. War das ein Fehler?

Einige werden ihren Kauf bestimmt bereuen. Man sollte eben nicht zu Höchstpreisen kaufen, sondern besser Monat für Monat einen kleineren fixen Betrag anlegen. Diese Strategie gehört zu den ertragsstärksten und sichersten Anlagestrategien überhaupt.

Templeton selbst hat im April in Deutschland einen Bric-Fonds lanciert, der im Mai prompt einbrach. Was raten Sie verunsicherten Käufern?

Kaufen Sie nach, wenn Sie Langfristinvestor sind! Wer nur kurzfristig auf Kursgewinne spekulieren wollte, sollte allerdings besser verkaufen - es ist noch nicht zu spät.

Ist die Wirtschaft der Emerging Markets in besserer Verfassung als ihre Börsen?

Ja. Fundamental ist alles in Ordnung: Das Wirtschaftswachstum in den Schwellenländern ist höher als in den Industrienationen, die Unternehmen verdienen gut, die Aktien sind günstig bewertet, die Dividendenrenditen hoch und die Unternehmen expandieren kräftig. Die Konzerngewinne nehmen schneller zu als in Deutschland oder Amerika. Für China, Indien, Brasilien oder Rußland könnte es kaum besser laufen.

Aber?

Aktienmärkte sind Frühindikatoren. Sie signalisieren, in welche Richtung die Konjunktur marschieren wird. Die Turbulenzen an den Börsen warnen: Wir werden in den kommenden Jahren ein schwächeres Wirtschaftswachstum erleben als in den vergangenen.

Wie stark wird sich die Konjunktur abkühlen?

Das ist die entscheidende Frage. Ich habe keine Antwort. Aber Anleger sollten nicht vergessen, daß das Volkseinkommen in den Schwellenländern derzeit mit durchschnittlich sieben Prozent im Jahr wächst; in Westeuropa und Nordamerika ist es nur halb so viel.

Warum trifft es die Emerging Markets immer am stärksten, wenn es in Amerika Probleme mit Inflation, Wachstum und Zinsen gibt?

Wenn das Wachstum in den Vereinigten Staaten nachläßt, trifft das alle Länder. Für gewöhnlich leiden die aufstrebenden Volkswirtschaften aber am schlimmsten, das stimmt schon. Denn die größten Investoren in den Emerging Markets kommen aus den Industrieländern, vor allem aus den Vereinigten Staaten. Wenn sich Amerika in schlechter Verfassung zeigt, ziehen sie Geld aus den Schwellenländern ab.

Waren viele Schwellenmärkte nicht auch stark überhitzt?

Es ist wahr: Einige Aktienmärkte sind zu schnell zu hoch geschnellt. Übertrieben wurde vor allem in Indien, aber auch an anderen Börsen. Anleger müssen stets auf Korrekturen gefaßt sein.

Sollten Anleger wankelmütige Börsen wie die Türkei, Ungarn, Südafrika oder Indien lieber meiden?

Nicht unbedingt, in solch volatilen Märkten wie der Türkei erholen sich die Kurse auch ganz schnell wieder kräftig.

Ist die Zeit schon reif zu kaufen?

Ich sage nicht, daß der Kursverfall schon zu Ende ist. Die Kurse könnten noch tiefer rutschen. Anleger müssen genau hinschauen, worauf sie setzen: Viele indische Unternehmen sind auch nach einem Kurseinbruch um 30 Prozent nicht attraktiv. Ganz anders ist es in der Türkei, da gibt es viele gute Unternehmen. Generell gilt: Die Märkte, die am tiefsten gefallen sind, bergen jetzt die geringsten Risiken. Nehmen Sie die Türkei: Die Gefahr, daß die Kurse noch viel tiefer fallen, ist gering.

Welche Märkte bieten heute ein gutes Chance-Risiko-Verhältnis?

Südkorea, Taiwan oder Südafrika sind stabile Länder, interessant und nicht teuer. Und die Unternehmen werden gut gemanagt.

Was müßte geschehen, damit Sie pessimistisch werden?

Das Wirtschaftswachstum müßte nachlassen. Vorsichtig würde ich auch, wenn die Währungen zu schnell aufwerten und die Wettbewerbsfähigkeit leidet. Oder wenn die Staatsausgaben aus dem Ruder laufen - da muß man aufpassen.

Mister Emerging Markets

Mark Mobius (69) ist Fondsmanager bei der Investmentgesellschaft Franklin Templeton, die knapp 500 Milliarden Dollar verwaltet. Er gilt als „der“ Experte für Schwellenländer. Sein guter Ruf beruht auf seiner langen Erfahrung. Mobius ist seit beinahe 30 Jahren für die Emerging-Market-Aktivitäten von Templeton verantwortlich. Schon zuvor lebte und arbeitete er in Asien. Der Sohn eines deutschen Bäckers, der nach Amerika ausgewandert war, eröffnete nach seinem Studium in Hongkong ein Büro für regionale Marktforschung. Das Emerging-Markets-Team von Templeton umfaßt mehr als 50 Mitarbeiter in zwölf Büros weltweit.

Das Gespräch führte Catherine Hoffmann



Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 25.06.2006, Nr. 25 / Seite 55
Bildmaterial: Templeton

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