Finanzdynastien (15): Castell

Eine Bank wie ein Mischwald

Von Christian von Hiller

Wohnen im ehemaligen Regierungssitz: Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell im Hof seines Schlosses in Castell

Wohnen im ehemaligen Regierungssitz: Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell im Hof seines Schlosses in Castell

09. Oktober 2008 Über die Folgen der Finanzkrise, die derzeit die Welt erschüttert, denkt Ferdinand Graf zu Castell-Castell am liebsten in seinem Wald nach. Es ist nicht allein die Ruhe, die er im Steigerwald, 40 Kilometer östlich von Würzburg, sucht. Der Besitzer der Castell-Bank zeigt aus seinem Landrover auf eine kahle Stelle in seinem Wald, die der letzte Sturm hier in seine Fichtenbestände gerissen hat. Der Anblick ist so schrecklich wie der Blick in viele Wertpapierdepots.

„Im 19. Jahrhundert wurde der traditionelle Mischwald hier zugunsten der Fichte geopfert“, erzählt Castell. Die wuchs schnell - im Gründerzeitboom war sie als billiges Bauholz gefragt - und warf hohe Erträge ab. Die Risiken dieser Monokultur wurden vernachlässigt. Doch die Jagd nach dem schnellen Geld kam die Castells teuer zu stehen. Stürme, Schneebrüche und Ungeziefer setzen den Beständen zu. „Das ist eine Katastrophe, was hier passiert“, sagt Castell.

Seit 1972 ist der Sitz der 1774 gegründeten Castell-Bank in Würzburg
Seit 1972 ist der Sitz der 1774 gegründeten Castell-Bank in Würzburg

Der Graf redet nur scheinbar über Waldbau. Ihm geht es um die Finanzkrise. „Die Banken haben den hohen Erträgen nachgejagt und darüber die Risiken vergessen.“ Castell zieht daraus für die Bank und den Forst dieselben Lehren: Im Wald wendet er sich ab von der Monokultur und setzt auf Artenvielfalt, Naturverjüngung und eine Mischung aus alten und jungen Bäumen, aus Substanz und Wachstumswerten. Eiche, Kirsche, Esche, Elsbeere, Riegelahorn und Speierling bringt er in die Bestände ein. , Eichen und Buchen fördert er zulasten der Fichte. „Wir pflanzen nur, was die Natur ohnehin vorgesehen hat, mindestens sechs Baumarten je Standort.“ Läuft Buche nicht, dann vielleicht Edelkirsche oder Riegelahorn - das ist sein Motto.

„Uns fängt niemand auf“

Auch in der Bank muss die Familie vorsichtig agieren. „Wenn wir Dummheiten machen, fängt uns niemand auf“, sagt Castell unter Anspielung auf die Rettung des angeschlagenen Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate. „Wir müssen selbst auf uns aufpassen.“

Die Grafen Castell sind eines der ältesten Adelsgeschlechter Deutschlands. Seit 1057 nachgewiesen, bis 1806 souveräne Herren über die Grafschaft Castell, seit 1905 im Fürstenstand. Aus zwei Linien - Castell-Castell und Castell-Rüdenhausen - besteht die Familie. Mit den Bleistift-Königen, den Grafen von Faber-Castell, sind sie weitläufig verwandt.

Die Grafen Castell - das sind 5000 Hektar Wald, 400 Hektar Landwirtschaft und 70 Hektar Wein. Hinzu kommt seit 1774 eine Bank, die Fürstlich Castell'sche Bank, eine der ältesten deutschen Privatbanken und immer noch im Besitz der Gründerfamilie.

Im Vergleich zu anderen Banken plagen derzeit Luxusprobleme den Grafen Castell und Bankvorstandsmitglied Wolf-Christian Maßner: „Wir haben regelmäßig einen Überschuss an Liquidität, den wir am Geldmarkt plazieren“, sagt der Bankmanager. Während viele Banken verzweifelt frisches Geld suchen und wegen des allgemeinen Misstrauens in der Finanzbranche oft nur mit Hilfe der Notenbanken daran kommen, bringen die Kunden der Castell-Bank mehr Geld auf ihre Konten, als sie abheben.

Gegründet im Kampf gegen den Hunger

Doch dies ist nicht die einzige Besonderheit der Castell-Bank - Ungewöhnliches zieht sich durch ihre gesamte Geschichte. Allein, dass sich eine Adelsfamilie überhaupt in Geldgeschäfte engagierte, ist selten, war das Finanzgewerbe doch dem Adel lange Zeit vielerorts verboten. Die Castell-Bank wurde nicht aus Profitstreben gegründet. Im 18. Jahrhundert trieb wieder einmal eine Hungersnot viele Menschen in Unterfranken in die Not.

Daraufhin entschieden die Herren über die Grafschaft, eine Sparkasse zu gründen, die wohltätigen Zwecken verpflichtet war und den Castellschen Untertanen durch die schwere Zeit helfen sollte. „Viele von ihnen tauchen einige Jahre später als Einleger in unseren Büchern auf - die Sanierung war bei vielen gelungen“, sagt Graf Castell mit Genugtuung.

Die Gräflich Castell'sche Credit-Casse war nicht nur dem Geiste nach Sparkasse. Sie war es tatsächlich und wurde später sogar Mitglied im bayerischen Sparkassenverband. Im Jahr 1857 gründeten die Castells eine zweite Bank, eine klassische Privatbank, die Unternehmen finanzierte und Vermögen verwaltete. 1941 wurden die Alte Credit-Casse und die Neue Credit-Casse - so hießen die beiden Castell-Banken tatsächlich - fusioniert. 1972 folgte der Umzug nach Würzburg.

Eine Privatbank mit regionalen Wurzeln

Der Zusammenschluss änderte am Geschäftsmodell wenig. Auch heute noch ist die Bank gleichzeitig Regionalbank mit derzeit 14 Filialen, die für viele Privatkunden die Girokonten führt, und Privatbank, die anspruchsvolle Bankgeschäfte wie Unternehmensfinanzierungen und Vermögensverwaltung anbietet. Mit dem einen Standbein sieht sie sich regional verwurzelt, mit dem anderen ist sie weitflächig aktiv.

Auf etwas mehr als eine Milliarde Euro Bilanzsumme kam die Bank Ende 2007 und auf ein Eigenkapital von 64 Millionen Euro. Rund 270 Beschäftigte zählt die Bank. Damit ist die Castell-Bank von der Bilanzsumme her etwa so groß wie eine mittlere Sparkasse wie die von Garmisch-Partenkirchen oder die von Wittenberg, Bitterfeld oder Cuxhaven. Vergleichbare Privatbanken sind größer: Metzler kommt auf eine Bilanzsumme von 2,5 Milliarden Euro, Hauck & Aufhäuser auf 2,9 Milliarden Euro, die Berenberg-Bank auf 3,6 Milliarden Euro.

Eine Bank wie ein Mischwald. Dieser Vergleich mag vielleicht in den vergangenen Jahren in den Großbanken belächelt worden sein. Doch in der jetzigen Krise zahlt er sich aus. Denn das regionale Geschäft bringt Stabilität. Hier kommt die Liquidität herein, dank derer die Castell-Bank nun zu ihrer eigenen Finanzierung nicht auf das Wohlwollen anderer Banken angewiesen ist. „Es ist auch Teil unserer Identität, dass unsere Bank für alle in der Region offen ist“, sagt der Graf.

Herrschaftliches Schloss aus dem 17. Jahrhundert

Das Dorf Castell ist ein kleiner Flecken in Unterfranken mit 520 Einwohnern. Malerisch schmiegen sich die Häuser an einen Bergrücken. Der Turm der längst abgerissenen Stammburg der Familie ragt weit ins Land. Im Ortskern liegt die Filiale der Castell-Bank. Ansonsten bietet der örtliche Einzelhandel wenig, einen Bäcker, den Gemischtwarenladen von Hermine Schaller und unten an der Durchgangstraße Ernas Saftladen.

Hier wohnt auch der Zweig Castell-Castell in einem herrschaftlichen Schloss aus dem späten 17. Jahrhundert. Der andere Zweig, Castell-Rüdenhausen, lebt im Nachbarort Rüdenhausen, drei Kilometer entfernt. Im Jahr 1803 bildeten sich die beiden Familienzweige heraus, verwalten aber auch heute noch gemeinsam ihren weit gespannten Besitz. Für Castell-Castell macht dies der 1965 geborene Ferdinand Erbgraf zu Castell-Castell. Für den anderen Zweig führt Johann-Friedrich Fürst zu Castell-Rüdenhausen die Geschäfte - sein Vater ist vor einem Jahr im Alter von mehr als 90 Jahren verstorben.

„Beide Linien vererben jeweils nur in eine Hand weiter“, erklärt Ferdinand Graf Castell das Prinzip. In der Regel bekommt der älteste Sohn das Erbe. und die übrigen Erben zwar auch etwas bekommen, aber weniger als ihnen als Pflichtteil zustünde.Verwaltet wird der Besitz der beiden Linien gemeinsam. Das Eigentum am Wald beispielsweise ist zwar geteilt - jede Linie besitzt in Unterfranken rund 1800 Hektar, und der Zweig Castell-Rüdenhausen hat für sich noch 1400 Hektar in Thüringen gekauft. Aber geführt wird der Forst aus einer Hand. Weinbau jedoch betreiben nur die Castell-Castell.

Experten von außen

Die Bank wiederum gehört beiden Linien je zur Hälfte. Wie bei allen Unternehmen der Castells besorgen Angestellte das operative Geschäft. Bei der Bank kommt auch der Aufsichtsratsvorsitzende von außen. Es ist Hans Hermann Reschke, der lange Jahre in der Führung des Bankhauses Metzler aktiv war und bis heute im Aufsichtsrat der Frankfurter Privatbank sitzt. Den stellvertretenden Aufsichtsratsvorsitz haben die beiden Vettern, die ihren jeweiligen Familienzweigen vorstehen.

Mit dem Grundsatz, Experten von außen einzustellen, sind die Castells gut gefahren. „Mein Vater sagt immer, man müsse die Besten für die jeweilige Aufgabe finden“, sagt Ferdinand Graf Castell.

Diese Konstellation ist für die externen Manager nicht immer leicht. „Ich musste erst lernen, was es bedeutet, in einem Familienunternehmen zu arbeiten“, sagt Bank-Vorstand Maßner, der erst für einen amerikanischen Finanzdienstleister und dann für das Bankhaus Delbrück gearbeitet hatte, bis dieses zu Delbrück Bethmann Maffei fusioniert wurde.

Langfristigkeit zählt

Die Bank wird ähnlich wie der Wald geführt, wo sich die Zeiträume in Jahrzehnten messen. „Natürlich sind für uns Quartale, Monate und manchmal auch Tagesabrechnungen wichtig“, sagt Graf Castell. „Aber wir stellen uns immer auch die Frage: Was ist langfristig für uns gut?“

Um eine Antwort zu finden, schaut Castell in seinen Wald. Mit Fichten war der Betrieb nicht mehr wettbewerbsfähig. Zu groß ist der Konkurrenzdruck durch das Angebot aus Skandinavien und Russland für einen - gemessen am Weltmarkt - doch kleinen Anbieter wie die Castells. „Wir müssen weg vom Massensortiment hin zu den Spezialitäten“, sagt Castell, während sein Blick über die vom Sturm kahl gefegten Waldflächen geht, und meint auch die Bank.

Diese positioniert sich ebenfalls als Spezialist, der sich, wenn nötig, auf die Produktexpertise anderer Banken zurückgreift. holt. Zum Beispiel bei Ratenkrediten arbeitet die Castell-Bank mit einem Anbieter zusammen, der dies besser könne. „Bei den Preisen der Konsumentenfinanzierer können wir nicht mithalten“, sagt Maßner. „Aber der Kunde muss so etwas wissen“, fügt Castell an.

Regionale Firmenfinanzierung

Die Zukunft der Bank sehen Maßner und Castell vor allem in der Privatbank. Hier betreibe die Bank das Firmenkreditgeschäft sehr regional. „Der Kunde sollte nicht weiter als eine Autostunde von seinem Berater sein“, formuliert Castell den Grundsatz. „Wir wollen den Kunden kennen.“ Deshalb sei die Bank auch nicht in amerikanischen Immobilienkrediten engagiert, wie sie die IKB oder die Hypo Real Estate an den Rand des Zusammenbruchs geführt haben.

Auch verkaufe die Bank aus Prinzip keine Kredite weiter. Das hat sich jetzt in der Finanzkrise ausgezahlt. Doch für die Eigner ist dies teuer. Sie beschränken sich zurzeit auf eine Gewinnausschüttung von einer Million Euro im Jahr für jeden der beiden Familienzweige. Was darüber hinausgeht, soll die Eigenkapitalausstattung der Bank stärken, weil dies für das Kreditgeschäft wichtig ist.

An Katastrophen gewöhnt

Selbst unter den deutschen Privatbanken zählt die Castell-Bank zu den kleineren. Eine Zeitlang hatte Graf Castell Zweifel, ob die Bank die Unabhängigkeit bewahren könne. „Ich glaube nicht mehr, dass wir zu klein sind und vom Karussell fliegen“, sagt der Graf heute. „Vielmehr stelle ich fest, dass die Nachfrage nach der Art, wie wir Bankgeschäft verstehen, steigt.“

Und wieder schweift Ferdinand gedanklich in den Wald: „Katastrophen sind im Waldbau normal“, sagt er. In seine Fichtenbestände reißt der Borkenkäfer derzeit tiefe Löcher, und er wird sich mit rasender Geschwindigkeit weiter ausbreiten. Doch die Buchen, Eichen, Kirschen und anderen Bäume bleiben verschont. Damit verzichtet der Betrieb vielleicht auf kurzfristig maximalen Profit. Doch langfristig hält Graf Castell dies für die solidere Strategie. „Wissen Sie, uns gibt es auch deshalb noch, weil wir eine Reihe von Geschäften nicht gemacht haben.“

Bildmaterial: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes, F.A.Z. - Rainer Wohlfahrt

© Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH 2009.
Alle Rechte vorbehalten.
Vervielfältigungs- und Nutzungsrechte erwerben
Verlagsinformation

Einbruch, Feuer oder Blitzschlag - schützen Sie Ihr Hab und Gut gegen Schäden. Jetzt vergleichen!

Aktien
Renten
Geldmarkt
19.12.2009
Tops & Flop Fonds Kurs in %
NESTOR Australien Fonds 250,02 € +219,88%
Pictet Funds (LUX) - Russian Equities-P Cap-EUR 43,46 € +162,76%
Earth Exploration Fund UI 43,46 € +161,34%
Pictet Funds (LUX) - Russian Equities-R-EUR 42,88 € +161,15%
SEB Russia Fund 8,80 € +153,71%
Hornet Renewable Energy Fund II 48,13 € −8,62%
MVM LUX SICAV - frontrunner global 6,91 € −12,20%
MVM LUX SICAV - frontrunner earth 9,59 € −12,74%
Robeco All Weather Global Equities (EUR) D 83,32 € −15,76%
Entrepreneur Opportunities Fund 52,37 € −17,76%
Gesamt-
Index
Durchschnitt
90 Tage
Durchschnitt
200 Tage
Aktien-Index
18.12.2009 13:00
1384,62 1346,64 1292,33
Performance-Index
18.12.2009 17:35
304,19 297,54 282,83
Euro-Aktien-Index
18.12.2009 17:35
141,85 140,95 129,84
F.A.Z.-Renten-Rendite
FAZ.NET Suchhilfe
F.A.Z.-Archiv Profisuche
nach oben

F.A.Z. Electronic Media GmbH 2001 - 2009 Medienpartner: NZZ Online

Quellen: Technologie und Kursdaten von der TeleTrader Software AG sowie Fondsdaten aus der FWW-Fondsdatenbank, FWW GmbH. Dieser Service ist powered by X.finance GmbH & Co. KG, © 2009. Alle Börsendaten werden mit mindestens 15 Minuten Verzögerung dargestellt.