Versicherungen/Vorsorge

Lebensversicherte in der Kostenfalle

30. September 2005 Die Zeit muß in Koblenz in den achtziger Jahren stehengeblieben sein. Dunkelbraune Holzvertäfelung und Ledersofas stammen noch aus der Zeit, als Helmut Kohl seine Zeit als Kanzler begann. Es ist lange her, daß die Unternehmenszentrale der Debeka einmal modern war. "Na und? Das ist völlig ausreichend", sagt Helmut Laue, Herr im Haus des Versicherungsvereins Debeka.

Laue zeigt sich gerne von seiner geizigen Seite. Die Belegschaftsvertreter hätten einst darauf gedrungen, das 25 Jahre alte Verwaltungsgebäude zu verkaufen und in neue Räume umzuziehen. Das kommt für Laue nicht in Frage. "Das Gebäude, wie es dasteht, würde niemand kaufen. Wir müßten erst für viel Geld umbauen, auf Kosten unserer Versicherten."

Bescheidenheit ist in der Versicherungsbranche selten

Soviel Bescheidenheit ist in der deutschen Versicherungsbranche selten. Im internationalen Vergleich arbeitet die hiesige Assekuranz mit überdurchschnittlich hohen Kosten. Das ist für die Verbraucher besonders in der Lebensversicherung schmerzhaft. Hohe Kosten sind nicht immer ein Garant für Qualität und umfangreichen Service, sie wirken aber stets wie eine Bremse auf die Renditechancen der Sparer.

Um zusätzliche Abschlußkosten von 2 Prozentpunkten und einen um 1 Prozentpunkt höheren Aufwand für die Verwaltung mit besonders erfolgreicher Kapitalanlage auszugleichen, muß zum Beispiel bei einem Vertrag mit 30 Jahren Laufzeit die Anlagerendite um rund 0,25 Prozentpunkte höher sein, rechnet Paul Neurohr, Mathematiker beim Direktversicherer Cosmos, vor. Das ist schon in Zeiten hoher Kapitalerträge schwierig, bei Anleiherenditen von derzeit weniger als 3 Prozent ist das Handicap noch größer. Es geht um riesige Beträge in der Branche: Im Jahr 2004 haben die Lebensversicherer gut 70 Milliarden Euro an Prämien von ihren Kunden erhalten. Davon sind rund 2,2 Milliarden Euro für die Verwaltung der Verträge draufgegangen. 1,2 Milliarden Euro wurden für die Kosten der Kapitalanlage benötigt. Den Löwenanteil steckte die Assekuranz in den Abschluß neuer Verträge: Sage und schreibe 11 Milliarden Euro, wovon etwa die Hälfte Provisionen für Vermittler waren. Nur der Rest wurde zum Wohl der Kunden auf den Kapitalmärkten angelegt. 2004 war ein Ausnahmejahr mit besonders hohen Abschlußkosten, weil das Neugeschäft wegen des bevorstehenden Wegfalls des Steuerprivilegs besonders groß war. Aber auch im Jahr 2003 waren die Abschlußkosten mit 8,2 Milliarden Euro kein Pappenstiel.

Die Kosten seien im internationalen Vergleich ungewöhnlich hoch, sagt Christoph Luer von der Unternehmensberatung Diamondcluster. Die Kostenquoten liegen hierzulande um ein Mehrfaches über dem, was die Versicherer in Italien, Spanien oder Großbritannien brauchen. Ein Grund dafür sei, daß die deutschen Versicherer wegen der größeren Bedeutung der staatlichen Rente mit weitaus geringeren Vertragsgrößen hantieren müssen. Aber auch die Kosten je Vertrag seien in Deutschland besonders hoch. Grund sei die enorm hohe Zahl von mehr als 100 Anbietern, was zu einer relativ geringen Auslastung zum Beispiel der Informationstechnik führt, und die zu große Zahl der Produkte. "Außerdem leisten sich die deutschen Lebensversicherer aufwendige Organisationen, um die Vertriebe zu steuern", sagt Luer.

Deutsche Lebensversicherer leisten sich oft aufwendige Organisationen

Daß es auch anders geht, beweisen hierzulande viele Anbieter. "Es sind viele kleine Dinge", sagt Winfried Spies, Vorstandsvorsitzender des Direktversicherers Cosmos. Dort fährt zum Beispiel nur der Vorstand Dienstwagen, die Produkte werden einfach und in übersichtlicher Zahl angeboten. Die Debeka in Koblenz verzichtet zum Beispiel auf Werbung mit einem Fußballverein. Das Ansinnen des Bürgermeisters, die Debeka möge gegen Zahlung von 2 Millionen Euro das lokale Stadion in Debeka-Arena umbenennen, ist eine Anekdote. Das gespannte Verhältnis zu teuren Unternehmensberatern eine andere. Zudem kommt die Debeka mit nur vier Vorständen aus und hat im Vergleich zu anderen Versicherern eine Führungsebene weniger.

"Die Spanne der Verwaltungskosten reicht von etwa 1,5 bis 4,5 Prozent", sagt Manfred Poweleit, Herausgeber eines Branchendienstes. "Ich warne aber davor, nur auf die Kosten zu schauen." Es sei auch wichtig, daß die Versicherer neue Kunden gewännen, sonst drohe in einigen Jahren, daß die Kosten auf immer weniger Verträge verteilt werden müssen. Dann würden die Kosten erst recht die Rendite auffressen. Wachsende Umsätze und umsichtiges Wirtschaften widersprechen sich allerdings nicht. Kostengünstige Anbieter gewinnen seit Jahren Marktanteile.

Anleger sollten allerdings bedenken, daß die Kosten nur ein Faktor bei der Auswahl des Versicherers sind. Besonders bedeutend ist die Finanzkraft und vor allem der Erfolg bei der Kapitalanlage. Kostennachteile lassen sich durch geschickte Anlage des Vermögens ausgleichen - allerdings nur in begrenztem Umfang. Und zudem können auch kostspielige Versicherer erfolglos in der Kapitalanlage sein.

Text: F.A.Z., 01.10.2005, Nr. 229 / Seite 23
Bildmaterial: F.A.Z.

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