Fondsmarkt

Zeit für „Renditebescheidenheit“

Von Hanno Beck

01. August 2005 Wenn die Zeiten härter werden, neigen Menschen auch wieder zur Bescheidenheit. Lockte die Finanzbranche noch vor einer halben Dekade mit satten zweistelligen Gewinnen, so ist heute, was die Renditeambitionen vieler Fondsmanager angeht, eher Schmalhans der Küchenmeister. Auch bei den Kunden scheint sich die neue Bescheidenheit etabliert zu haben.

Denn längst sind es nicht mehr die Fonds mit dem vermeintlichen Renditeturbo, die die Absatzstatistiken anführen, nein, es sind die Fonds, die auf Wertsicherung, Werte und absolute Rendite setzen, die ihren Kunden kein Renditenirwana, sondern ein akzeptables Risiko bieten wollen. Die Märkte scheinen diese Bescheidenheit zu fördern: Die durchschnittliche Rendite von Aktien hat sich weit von dem entfernt, was man noch vor fünf Jahren für möglich hielt, und über die Mickerzinsen am Rentenmarkt muß man nicht wirklich noch reden.

Sind die die realen, also inflationsbereinigten Renditen zurückgegangen?

Wer auf sein Alter spart, muß diese Entwicklung mit Sorge betrachten, denn sinkende Renditen bedeuten, daß die mit der Altersvorsorge verbundenen Ziele weiter in die Ferne rücken. Wer vor fünf Jahren einen Schlachtplan für seine Altersvorsorge entworfen hat und mit den damals handelsüblichen Renditeerwartungen hantiert hat, muß heute konstatieren, daß diese Makulatur geworden sind. Mit den heutigen Renditeerwartungen gerechnet fällt die Altersvorsorge auf einmal deutlich niedriger aus, weswegen nur zwei Alternativen bleiben: länger sparen oder im Alter frugaler leben.

Auf den ersten Schreck, den diese Überlegungen auslösen, folgt zunächst eine gewisse Entspannung, wenn man zwischen nominaler und realer Sparsumme unterscheidet. Nominal betrachtet, werden die Sparsummen der heutigen Sparpläne in der Tat bei sinkenden Renditen niedriger ausfallen, doch das macht so lange keine Probleme, wie der Rückgang der Renditen auch mit einem Rückgang der Inflationsraten einhergeht. Bei den niedrigeren Inflationsraten, die wir derzeit beobachten, kann das Endvermögen eines Sparplans auch geringer ausfallen - die Kaufkraft der gesparten Summe wäre dann im Zweifelsfall genauso hoch wie die Kaufkraft eines Sparplans mit höheren nominalen Renditen, aber auch höheren Inflationsraten. Solange also die sinkenden Renditen lediglich Ausdruck sinkender Inflationsraten sind, bleibt unter dem Strich für die Sparer alles beim alten.

Eine andere Frage stellt sich aber, wenn man davon ausgeht, daß auch die realen, also inflationsbereinigten Renditen zurückgegangen sind. Und genau dies ist die Frage, die es zu beantworten gilt. Zunächst einmal muß man dabei zwischen kurzfristigen Schwankungen der realen Renditen und einer möglichen systematischen Veränderung unterscheiden. Daß reale Renditen kurzfristig schwanken, unterschreibt jeder Kapitalmarktteilnehmer sofort. Auf lange Frist allerdings muß das den Fondssparer nicht stören, solange man davon ausgehen kann, daß sich diese Schwankungen im Durchschnitt ausgleichen. Zeiten mit geringerer realer Rendite stehen dann Zeiten mit höherer realer Rendite gegenüber, aber im Schnitt stimmt das Ergebnis.

Aber was, wenn die realen Renditen wirklich nachhaltig gesunken sind? "Um das annehmen zu können, müssen Sie einen massiven Strukturbruch an den internationalen Kapitalmärkten unterstellen - und da werden Sie sich schwertun, eine einwandfreie Begründung dafür zu finden", sagt Raimond Maurer, Professor an der Universität Frankfurt. Natürlich gab es in den vergangenen Jahren immer wieder Brüche an den Kapitalmärkten: LTCM, die Rußland-Krise, die Internetblase. Doch haben diese Ereignisse wirklich den langfristigen Renditetrend nachhaltig verändert, oder haben sich die Spuren dieser Ereignisse nicht längst im Sand der langfristigen Statistiken verloren? "Im historischen Vergleich sind wir mit den realen Renditen derzeit etwas niedrig, aber nicht außergewöhnlich niedrig", sagt Maurer.

Tiefe Zinsen als mögliches Problem für Versicherer

Was aber in der Tat nicht mehr so hoch ist - und vermutlich auch langfristig nicht mehr so hoch sein wird, sind die Renditeerwartungen. Diese waren in den Boomjahren zum Ende des vergangenen Jahrhunderts in der Tat exorbitant hoch und übertrieben. Für Fondssparer bedeutet dies folgendes: Wer um die Jahrtausendwende einen Sparplan gemacht hat und sich dabei von seinem Berater hat vorrechnen lassen, wie hoch sein Endvermögen in 20 Jahren sein wird, sollte diese Rechnungen ruhig noch einmal wagen. Leider muß er befürchten, daß man ihn mit übertriebenen Renditeerwartungen reich gerechnet hat. Solche Sparpläne müssen nachadjustiert werden, denn hier muß man auch mit realen Renditeeinbußen rechnen.

Unangenehm wird es in Zeiten sinkender Nominalrenditen für die Marktteilnehmer, die feste nominale Renditezusagen gemacht haben. Ihnen könnte der niedrige Nominalzins zum Verhängnis werden. Das Problem: Wer vor Jahren einen Nominalzins von beispielsweise 6 Prozent zugesichert hat, kommt in den neuen Niedrigzinszeiten ins Schlingern, wenn der Realzins möglicherweise zwar noch der gleiche ist wie vor zehn Jahren, der Nominalzins aber deutlich gesunken ist. Wer sich andererseits dieses Nominalversprechen hat geben lassen, kann heute freudig die 6 Prozent einstreichen, an denen nur 2 Prozent Inflation nagen, statt wie noch vor zehn Jahren vier Prozent. "Bei langfristigen Spar- oder Entnahmeplänen ist eine fixe garantierte Nominalverzinsung auf hohem Niveau sehr problematisch, sinnvoller wäre es, wenn man den Kunden eine reale Verzinsung zusichern würde - dann würden solche Probleme erst gar nicht entstehen", meint Maurer. Für die Garantieprodukte der Fondsbranche dürfte dieser Mechanismus kein allzu großes Problem darstellen: Sie garantieren zumeist nur einen nominalen Kapitalerhalt, der sich im Zweifelsfall auch einfach dadurch sicherstellen läßt, indem man genügend Kasse vorhält. Wesentlich unangenehmer wird dieser Nominalzinseffekt vor allem für die Lebensversicherer, die noch auf einem Berg von Altzusagen mit hohem Nominalzins sitzen - hier wird es zunehmend ungemütlicher, und mancher Versicherer mag um Inflation betteln, die dann auch wieder die Nominalzinsen nach oben treiben würde.

Unter dem Strich gibt es aber für Fondssparer kaum Anlaß zur Panik, solange die erwarteten Renditen, mit denen sie gerechnet haben, nicht zu sehr gewünscht statt geschätzt waren. All die anderen Unebenheiten, Schwankungen und Irrungen auf den Kapitalmärkten sollten den Sparer nicht zu sehr beeindrucken. An den Kapitalmärkten gilt es, auf die Kraft der langen Frist zu setzen.

Text: F.A.Z., 02.08.2005, Nr. 177 / Seite 19

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