22. Januar 2008 Die internationalen Börsen sind in den vergangenen Tagen sehr volatil geworden. Die Frage ist , ob die Märkte nicht eher von Vermutungen als von Fakten getrieben werden.
In diesem Umfeld kann es sich lohnen, sich mit fundamental orientierten Anlegern zu unterhalten. Zum Beispiel mit Berndt Maisch, der den auf Euroraum ausgerichteten BWI-Dividenden-Strategie-Fonds verwaltet. Der Fonds gehörte in den vergangenen fünf Jahren zu den besten seiner Klasse.
Die Entwicklung an den Börsen ist das Thema des Tages. Die Nervosität ist groß. Was machen Sie daraus?
Wir sind kein Investor, der in größerem Maße mit Kassenpositionen oder Absicherungsstrategien agiert. Wir versuchen Renditen zu erwirtschaften, durch die Auswahl interessanter Einzelaktien.
Nachdem die Märkte in den vergangenen Tagen vor allem durch Verkäufe an den Terminmärkten nach unten getrieben wurden - das konnte man gestern sehr schön sehen am gleichmäßigen Kursverlauf - versuchen wir unsere Performance teilweise durch Sektorumschichtungen und teilweise durch gezielte Käufe von Einzelwerten, die unserer Meinung nach völlig realitätsfern bewertet waren, zu optimieren.
Was heißt das konkret? Können Sie Branchen und Titel nennen?
Mit Informationen über Einzeltitel verfahren wir sehr restriktiv. Auf der Branchenseite dagegen zeichnet sich ab, dass die Defensivkraft, die die Versorgerwerte sehr lange Zeit gehabt haben, derzeit in Zweifel gezogen wird. Das ist nicht unrealistisch. Denn erstens sind die Öl-Futures inzwischen zurückgekommen und auch die Strom-Futures haben einen Sprung nach unten gemacht. Dazu kommt ein Regulierer, der langsam die Geduld verliert, weil die Strompreise auf Verbraucherseite immer weiter steigen - und das in einer Phase, in der Kaufkraft nicht unbedingt zunimmt. Das ist für uns eine Gemengelage, die zumindest für uns die schönen, stabilen Eigenschaften, die der Sektor ohne Zweifel besitzt, teilweise in Frage stellt. Dazu passt die Meldung, dass bei der Eléléctricité de France vorgeschlagene Tariferhöhungen für die Periode 2008 bis 2010 nicht durchgewunken wurden.
Handelt es sich um bei den Kursverlusten der Versorger Gewinnmitnahmen oder um eine Trendwende?
Zum einen werden gerne Aktien verkauft, wenn man noch auf guten Erträgen sitzt. Die Performance der vergangenen Tage legt eine Trendwende nahe.
In welchen Bereichen sehen Sie interessante Möglichkeiten, würden Sie etwa schon im Finanzsekto einsteigen wollen?
Da greift man in den Nebel hinein. Natürlich bieten sich Werte wie die der Société Générale oder der BNP aufgrund der derzeitigen Kursrückgänge rein optisch irgendwo an …
… und die Dividendenrenditen sehen zumindest optisch sehr attraktiv aus!
Rein optisch haben Sie sogar noch bei der UBS eine schöne Dividendenrendite. Nur wenn es die nur noch in Aktien gibt und nicht in Cash ist das ein Qualitätsargument, das nicht unbedingt für die Aktie spricht. Die Frage, wie die Dividendensaison bei den Finanzwerten ausfallen kann, wird eine der interessantesten in den kommenden Wochen werden. Wer bezahlt die Dividende in Cash, die auf Vorjahresniveau oder wo möglich über dem Vorjahresniveau liegen wird?
Wie sieht es mit den Dividendenentwicklung generell aus?
Die Dividendenerwartungen für die klassischen Industrieunternehmen sind sehr positiv. Für das Jahr 2007 werden wir zumindest im Durchschnitt eine spürbare Anhebung der Dividenden sehen, die die gute Ertragsentwicklung aus dem Jahr 2007 reflektiert. Für das Jahr 2008 wird das alles mit etwas größeren Fragezeichen zu sehen sein, je nach dem wie stark sich die rezessiven Tendenzen auch hier in Europa auswirken werden.
Sie sind ziemlich optimistisch, was die Entwicklung in näherer Zeit anbelangt. Wie weit blickt jedoch die Börse nach vorne?
Mit der Entscheidung über die Dividenden für das Jahr 2007 ist in den Unternehmen schon eine gewisse Visibilität für das Jahr 2008 da und die Unternehmen werden die Ausschüttungen für 2007 natürlich dann kaum deutlich anheben, wenn sie sehen sollten, dass das Geschäftsjahr 2008 richtig schwierig werden sollte. Insofern ist die Dividende für das Jahr 2007 schon ein gewisser Wegweiser für das laufende Jahr.
Wie kann man das aktuelle Dividendenniveau einordnen?
Vergleicht man die Zinsen am langen Ende des Rentenmarktes mit der Dividendenrendite so liegen wir nach dem deutlichen Rückgang der Anleiherenditen und dem deutlichen optischen Zuwachs bei den Dividenrenditen beinahe auf demselben Niveau. Damit hat der Markt die Möglichkeit eingepreist, dass die Dividenden im Jahr 2008 nicht mehr steigen, sondern eher leicht zurückgehen werden.
Ist das realistisch?
Ich denke, im Jahr 2008 werden die Steigerungsraten bei den Dividendenausschüttungen im Industriebereich nicht mehr so hoch wie in den vergangenen Jahren ausfallen. Ich gehe jedoch nicht davon aus, dass die Dividenden spürbar zurückgehen werden. Insofern ist der Markt im Moment etwas übervorsichtig.
Das heißt, Sie sehen Kaufgelegenheiten?
Nicht in der völligen Breite, selektiv jedoch schon.
Wo sehen Sie diese?
Wir sind Stock-Picker, die sich die einzelnen Unternehmen anschauen, die sich die Bewertungen auch innerhalb der Branchen im relativen Vergleich betrachten, die die Unternehmensstrategie analysieren und denen auf diese Weise gewisse Übertreibungen auffallen. Wenn man länger im Geschäft ist, macht man diesen Prozess nicht jedes Mal neu durch, sondern hat die Unternehmen und interessante Kursmarken im Kopf.
Ein Sektor, der für mich nach den jüngsten Kursrückschlage interessant aussieht, das ist der Telekommunikationsbereich. Im defensiven Bereich ist er für mich deutlich interessanter, als die Versorger. Immerhin zeichnet sich auf der Margenseite so etwas wie eine Stabilisierung ab und die jüngsten Dividendenankündigungen sahen positiver aus, als der Markt das im Vorfeld erwartet hatte.
Welche Bereiche sehen noch attraktiv aus?
Eine weitere interessante Branche ist der Stahlbereich. Viele Anleger betrachten den Sektor sehr vorsichtig. Als klassischer zyklischer Bereich halten sie ihn für besonders betroffen von der möglichen konjunkturellen Abschwächung einerseits und von den gestiegenen Rohstoffkosten auf der anderen Seite. Die Preiserhöhungen der Eisenerzlieferanten werden im Januar sukzessive durchklingen und können sich bei den Margen negativ bemerkbar machen.
Meiner Meinung nach sind die Werte auf dem aktuellen Niveau jedoch sehr interessant. Denn im Vergleich zu früheren Zeiten dürften die Kapazitäten aufgrund der Konsolidierung in der Branche effizienter gesteuert werden. Aus diesem Grund sollten die zyklischen Tiefs nicht mehr so extrem ausfallen, wie wir sie in der Vergangenheit hatten.
Hat ArcelorMittal als Branchenriese deutliche Größenvorteile?
Ein wichtiger Vorteil ist die globale Positionierung des Unternehmens. Zum anderen ist es durchintegriert und verfügt über eigene Erzvorkommen. Von daher sind sie von der Marktstellung her ebenso gut diversifiziert wie auch von der Wertschöpfung und vom Informationsfluss her.
Wie schätzen sie die konjunkturelle Lage allgemein ein?
Mit Blick auf die Vereinigten Staaten stellt man sich inzwischen wohl nicht mehr die Frage, gibt's eine Rezession oder nicht, sondern wie tief wird sie ausfallen. Sie wird für viele Schwellenländer mit direktem Wirtschaftsbezug zu den Vereinigten Staaten einen spürbaren Bremseffekt haben, da der amerikanische Konsum nachlassen dürfte. Allerdings wird das Wachstum dort meiner Meinung nach nicht so stark zurückgehen, wie der Markt das gegenwärtig erwartet.
Die konjunkturelle Entwicklung in Europa dürfte zwischen den beiden Polen stehen. Ich denke, dass wir in Europa an einer Rezession vorbeikommen werden. Wir werden in den Bilanzen europäischer Unternehmen zwar auf der Gewinnseite die konjunkturellen Bremsspuren sehen. Aber sie werden sich relativ robust entwickeln können, auch auf der Dividendenseite.
Das Gespräch führte Christof Leisinger.
Text: @cri
Bildmaterial: F.A.Z., FAZ.NET