Hintergrund

Die Wissenschaft muß die Finanzmärkte erst noch erklären

Von Chet Currier, Bloomberg News

24. August 2004 Der Finanzmarkt ist eines der letzten von Wissenschaftlern noch nicht gelösten Rätseln. Ruhm und Ehre erwarten den Mathematiker-Physiker-Ökonomen, der unseren einfältigen Aberglauben entlarvt und die tatsächliche Funktionsweise der Märkte offen legt. Vor allem die vielen Anleger, die sich mühen, mit dem derzeitigen primitiven Wissen, ihre Portfolios zu verwalten, werden es ihm danken.

„Die Finanzmärkte sind nicht geheimnisvoll, sondern vielmehr physikalische Systeme, die wissenschaftlich untersucht und rational gesteuert werden sollten", schreibt das Wall Street Journal in einer Zusammenfassung der Ansichten eines der führenden Vertreter dieser Richtung, dem Mathematiker Benoit B. Mandelbrot von der Universität Yale.

Seit langem fehlt es an bahnbrechenden Fortschritten

Immerhin haben die Forschungen bereits das Konzept effizienter Märkte und die Indexfonds hervorgebracht. Die Hypothese effizienter Märkte besagt, daß die Marktpreise jederzeit alle relevanten Informationen widerspiegeln, die gewußt oder vermutet werden können. Indexfonds beruhen auf der Annahme, daß Portfolios, die einen Marktindex abbilden, einen natürlichen Vorteil gegenüber dem durchschnittlichen verwalteten Fonds mit seinen höheren Kosten haben.

Ein Anleger muß nicht einmal an die Überlegenheit der Indexfonds glauben, um von ihnen zu profitieren. Die Indexfonds haben bei Aktienfonds einen Marktanteil von ungefähr einem Sechstel und verschärfen den Wettbewerb für aktive Fondsmanager, sie zwingen sie, eine gute Performance zu bieten und die Kosten niedrig zu halten.

Nun gibt es die Indexfonds seit 30 Jahren. Da stellt sich die Frage, warum die Finanzwissenschaft seitdem keine bahnbrechenden Fortschritte gemacht hat. Ein offensichtliches Hindernis dabei ist der Mensch. Während andere Wissenschaftszweige sich auf feste Tatsachen verlassen können, führen beispielsweise höhere Unternehmensgewinne nur dann zu höheren Aktienkursen, wenn die wankelmütigen Investoren das auch so wollen.

Der Faktor Mensch stellt bei der Analyse eines der größten Probleme dar

Bei der Erforschung der Finanzmärkte geht es also nicht nur um "harte" Wissenschaften wie Mathematik, sondern auch um "weiche" Wissenschaften wie Psychologie. Hier kommt die "behavioral finance" ins Spiel, die in Anlehnung an die Verhaltensforschung die Entscheidungsfindung des Anlegers erforscht. Sie untersucht Phänomene wie die Rolle des Bedauerns bei Investmententscheidungen. Weil die meisten Menschen keinen Schmerz mögen, so die "Regret-Theorie", treffen sie Investmententscheidungen, bei denen die Vermeidung von unangenehmen Erfahrungen Vorrang vor der Logik hat.

Beispielsweise schrecken kurzfristige Unsicherheiten Anleger immer wieder davon ab, langfristige Investments in Aktien- oder Anleihefonds zu tätigen, auch wenn sie unbestreitbar langfristige Anlageziele haben. Die meisten Investoren haben so etwas schon selbst erlebt.

Ein weiteres Problem für die Wissenschaftler ist, daß ein Marktgesetz, sobald es erst einmal entdeckt und veröffentlicht wurde, meist wieder verschwindet. Ein Beispiel: Nehmen wir an, daß Aktien, deren Namen mit den Buchstaben A-M beginnen, eine bessere Performance bieten als die, deren Namen mit N-Z anfangen, und wir finden eine solide Erklärung dafür. Die Investoren werden die Aktienkurse rasch anpassen, um den Unterschied zu berücksichtigen, und ihn damit neutralisieren.

Es bleibt noch viel zu erforschen

Trotz all dieser Hindernisse ist die akademische Forschung aus den Finanzmärkten nicht mehr wegzudenken. Sie manifestiert sich beispielsweise in Gesellschaften wie Dimensional Fund Advisers im kalifornischen Santa Monica, die bei der Verwaltung von 55 Milliarden Dollar „akademische Forschung auf die praktische Investmentwelt anwendet", wie Dimensional selbst formuliert.

Wie auch immer man die wissenschaftliche Herangehensweise auch beurteilt, sie hat ihren Vormarsch am Kapitalmarkt gerade erst begonnen. Es gibt so viele Volksweisheiten, die noch einer Überprüfung harren und so viele weiße Flecke, die noch erkundet werden müssen. Und für diejenigen, die nicht nur von intellektueller Neugier getrieben werden, gibt es auch noch eine Menge Geld zu verdienen.

Text: Bloomberg

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