Börsenpsychologie

Angst in Zeiten der Finanzkrise

Von Christian von Hiller

Aufregende Zeiten an den Börsen

Aufregende Zeiten an den Börsen

14. Oktober 2008 Noch ist der Ausgang der Finanzkrise ungewiss. Doch eines lässt sich mit Sicherheit feststellen: Die Krise wird tiefe Spuren bei den vielen Tausenden Anlegern und Käufern von Lebensversicherungen hinterlassen, die diesen Turbulenzen ausgesetzt sind.

Diese Finanzkrise konfrontiert die Anleger wie kaum eine zuvor mit ihnen selbst und mit ihrer Einstellung zu Geld überhaupt. Kein anderes Wirtschaftsgut ist psychologisch so aufgeladen wie Geld.

Geld verleihen wir in unserer Gesellschaft magische Kräfte. Kaufkraft bedeutet im Englischen „purchasing power“. Dieser Ausdruck macht noch klarer, dass Geld in der Vorstellung der Menschen nicht nur Kraft verleiht, sondern auch Macht. Je mehr Geld ein Konsument besitzt, desto mächtiger ist er in diesem Wirtschaftssystem.

Ein Allheilmittel

Geld gilt in unserer Zivilisation als Allheilmittel. Wer Geld besitzt, kann Schönheit kaufen - im Wellness-Urlaub oder dank chirurgischer Eingriffe. Mit Geld lässt sich Gesundheit und die Hoffnung auf ein langes Leben erwerben, über eine private Krankenversicherung beispielsweise. Geld bietet Status, Ansehen, Macht.

Zugleich gilt Geld allerdings auch als Hort alles Bösen und Schmutzigen. Habgier - und damit ist vor allem die Gier nach Geld gemeint - gilt der katholischen Kirche als eine der sieben Todsünden. Die Menschen vermeiden es, größere Summen Bargeld mit sich zu tragen - nicht nur aus Angst vor Räubern, sondern auch um nicht in die Versuchung zu kommen es auszugeben und auf diese Weise dem verführerischen Einfluss des Geldes zu unterliegen.

Geld vergraben

Ein französischer Wirtschaftswissenschaftler untersuchte einmal in einem westafrikanischen Staat, warum sich die Menschen dort weigerten, ihr Geld zur Sparkasse zu tragen und so ihr Einkommen mit Zinseinkünften aufzubessern. Vor Ort stellte er fest, dass die Menschen ihr Geld lieber tief in der Erde vergruben. Sie waren der Überzeugung, dass nur so der böse Zauber, der von Geld ihrer Überzeugung nach ausgeht, gebunden werden könne.

Darüber hätten vor einiger Zeit noch viele Menschen in Europa gelacht. Heute sind ähnliche Verhaltensweisen zu beobachten. Manche Anleger haben ihr Geld in bar von der Bank abgeholt, um es in ihrer Wohnung zu verstecken. Das ist insofern erstaunlich, weil in der Krise einige Anleger nun ein paar Stückchen Papier offenbar mehr Vertrauen entgegenbringen als einer Handvoll Zahlen, die Banken auf Zettel drucken und mit „Kontoauszug“ überschreiben.

Andere beklagen ihre Verluste und machen dafür geheimnisvolle Vorgänge an den Börsen oder an den Terminmärkten verantwortlich.

Magische Eigenschaften

Es ist nicht absurd, Geld magische Eigenschaften zuzuschreiben. Silvio Gesell, der 1930 verstorbene Wirtschaftsforscher hatte viel über Geld geforscht, blieb in seiner Disziplin jedoch ein Außenseiter. Er beschrieb Geld als eine Energie, die im Wirtschaftskreislauf, den Gesell als lebendigen Organismus beschrieb, ungehindert fließen müsse. Geld zu horten hielt er für schädlich, weil dadurch die Fließbewegung unterbrochen wird.

„Nehmen Sie einmal an, ein Freund würde Sie wählen lassen zwischen einem 20-DM-Schein und einem Stück Papier mit der Aufschrift ,Ich verspreche, dem Inhaber dieses Papiers 20 DM zu bezahlen' - welches von beiden würden Sie einstecken?“, Fragte der belgische Ökonom Bernard Lietaer in seinem Aufsatz „Alchemie des Geldes“.

Die Überzeugung von einer Überzeugung

Lietaers Antwort fiel eindeutig aus: „Es spielt im Grunde keine Rolle, was Sie über Ihr Geld denken, Sie wissen jederzeit, Sie können es ausgeben. Sie glauben, daß jeder andere glaubt, das Geld habe einen bestimmten Wert“, meinte er. „Wir sprechen hier über eine Überzeugung von einer Überzeugung.“ Eine solche „Überzeugung von einer Überzeugung“ sei zerbrechlich und flüchtig. Im Gegensatz zu einer Überzeugung könne sie schon durch ein Gerücht ausgehöhlt werden. Das macht das Geldsystem so krisenanfällig.

Wir wissen heute, dass sich Geld nicht nur Besitz und Glück ausdrückt, sondern auch Angst, sogar die Urängste der Anleger. Diese Krise wirkt wie eine Projektionsfläche für viele dieser Befürchtungen: die Furcht vor der Globalisierung, einer entfesselten Marktordnung oder genauer: vor dem Gefühl, sich einem übermächtigen Wirtschaftssystem ausgeliefert zu sehen. Diese Ängste bekommen durch die Finanzkrise einen Kristallisationspunkt und erhalten quasi im Nachhinein nun eine Rechtfertigung.

Ist die Moderne jetzt zu Ende?

„Ich denke, wir haben allen Grund zu glauben, dass das Zeitalter der Moderne zu Ende ist. Heute deutet vieles darauf hin, dass wir uns in einem Übergangsstadium befinden, in dem offensichtlich etwas verschwindet und etwas anderes unter Schmerzen entsteht. Es ist, als ob etwas bröckelt, zerfällt und sich selbst erschöpft, während sich etwas anderes, noch Unbestimmtes aus den Trümmern hebt.“ Dies sagte der tschechische Schriftsteller und Präsident des Landes, Vaclav Havel. Obwohl er dies schon vor einigen Jahren gesagt hatte, drückt dieser Satz das Gefühl aus, das viele Anleger nun angesichts der Finanzkrise überfallen hat. Überfallen - denn vor diesem „anderen“, „Unbestimmten“ und mehr noch vor den „Trümmern“ des alten fürchten sich die meisten.

Aus der Börsenpsychologie wissen wir mittlerweile sehr genau, wie Geldanlage auf das Ego der Anleger wirkt: Wer Gewinne an der Börse erzielt, fühlt sich bestätigt. Er sieht seine Macht wachsen, weil er meint, das System so verstanden zu haben, dass er es sogar zu seinem Nutzen einsetzen, dass er es quasi überlisten kann.

Entsprechend groß ist die Versuchung, die Verantwortung für Verluste von sich zu schieben, um sich nicht im Umkehrschluss als Versager fühlen zu müssen. Dann sind es dunkle Mächte oder Verschwörungen tückischer Marktakteure, denen die Schuld für das fehl geschlagene Investment zugewiesen wird. Es ist verlockend, in dieser Finanzkrise die Verantwortung für seine Entscheidungen von sich zu weisen.

So beschuldigen viele Anleger, die Zertifikate der mittlerweile insolventen Investmentbank Lehman Brothers gekauft hatten, nun Bankberater oder Finanzvermittler. Diese hätten sie angeblich zu diesen riskanten Geschäften verführt. Dabei hätten schon oberflächliche Erkundigungen die Anleger zu der Erkenntnis bringen können, dass Zertifikate zu den riskanteren Geldanlagen zählen und dass ihre Käufer Gläubiger der emittierenden Bank werden.

Gedanken sind nicht die Realität

Was können Anleger daraus lernen? Zunächst geht es darum, Geld zu entmystifizieren und nicht mehr emotional aufzuladen. „Unsere Beziehungen basieren auf zwei Irrtümern: erstens auf der unbewussten und selbstverständlichen Annahme, dass unsere Gedanken die Realität und unsere Gefühle Tatsachen seien; zweitens auf der Annahme, unsere Gefühle würden von anderen Menschen oder äußeren Umständen erzeugt“, schreibt die Autorin Safi Nidiaye, die sich sehr intensiv damit auseinander setzt, wie Gefühle unser Leben beeinflussen, in ihrem Buch „Wieder fühlen lernen“.

Das hilft, nicht blind dem erstbesten Tipp eines tatsächlichen oder vermeintlichen Experten hinterherzulaufen, sondern zu erkennen, mit welchen Geldanlagen man sich als Anleger wirklich gut fühlt. Denn die Finanzkrise lehrt, dass es nicht nur darum geht, die höchstmögliche Rendite zu erzielen, sondern sich auch bewusst zu machen, welche Risiken mit dieser Geldanlage verbunden sind.

Subjektive Faktoren

„Es geht um Aufwachen aus der Hypnose ganz bestimmter einzelner Gedanken und Gefühle - jener Gedanken und Gefühle, die uns unglücklich machen, die liebevolle Beziehungen in quälende Angelegenheiten verwandeln und einfache Situationen in Probleme“, meinte Nidiaye.

Wie viele Risiken ein Anleger jedoch bereit ist einzugehen, hängt nur zum Teil von den objektiven Lebensumständen ab. Sicher sind Faktoren wie Alter, Familiensituation oder Beruf wichtig. Gleichzeitig geht es jedoch auch darum, zu erkennen, wie die äußeren Umstände und damit auch finanzielle Risiken auf unser Gefühlsleben wirken. Dies ist ein sehr subjektiver Faktor, den nur jeder Anleger für sich selbst erforschen kann. Doch wer dies nicht tut, bleibt davon im Unterbewussten beherrscht.

Bildmaterial: AFP, AP, ddp

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