Von Hanno Beck
03. März 2003 Noch vor Jahren galten sie als Inbegriff einer kalten, herzlosen Finanzwelt, die ganze Staaten ohne Hemmungen an den Rand des Abgrundes bringen können, als Teufelsspielzeug für wildgewordene Banker.
Doch nach drei Jahren Diät am Aktienmarkt mutieren sie zu den neuen Lieblingen der Anleger - Hedgefonds sind salonfähig geworden. Der Grund dafür liegt auf der Hand: In Zeiten schwindsüchtiger Portfolios liegt der Charme eines Hedgefonds in seinem Strategieansatz. Nicht die relative Wertentwicklung im Vergleich mit einem Index - die im Zweifelsfall nur bedeutet, daß man etwas weniger als der Index verliert -,sondern die absolute Wertentwicklung zählt. Und da sind den Anlegern die zwei Prozentpunkte über dem Geldmarktsatz im Zweifelsfalle lieber als minus 40 Prozent, wie es im vergangenen Jahr bei den Dax-Werten war.
Deutsche Fonds können keine Hedgefonds-Strategien verfolgen
Nun hat sich die Fondsbranche dieses Themas schon längst angenommen und neben den klassischen Garantiefonds Produkte an den Markt geworfen, die mit einer absolut zu erwirtschaftenden Rendite hausieren gehen. Doch richtige Hedgefonds sind das nicht. Diese sind in Deutschland bisher nicht zugelassen. Zwar dürfen Fonds - auch Publikumsfonds - bis auf wenige Ausnahmen wie Leerverkauf und ungedeckte Verkaufsoption das ganze Spektrum der Derivate nutzen, das auch den Hedgefonds zur Verfügung steht, doch die Vorschriften des Gesetzes über Kapitalanlagegesellschaften verhindern, daß deutsche Fonds Hedgefonds-Strategien verfolgen können.
Zum einen muß ein deutscher Fonds mit mindestens 51 Prozent in Wertpapieren investiert sein - diese Hürde gibt es für Hedgefonds nicht, sie können im Zweifelsfall die gesamte Anlagevermögen in Derivate stecken und damit auch entsprechend riskante Wetten abschließen. Weiterhin darf in einem deutschen Fonds der Investitionsgrad nicht über 100 Prozent liegen. Das Risiko, das der Fonds eingeht, darf also nicht über dem Risiko liegen, welches er hätte, wenn er vollständig investiert wäre. Diese Regelungen verhindern, daß deutsche Fonds den oft so erfolgreichen Strategien ihrer unregulierten Konkurrenten folgen können.
Europäische Richtlinien könnten den Weg in Deutschland frei machen
Doch das könnte sich bald ändern: In den kommenden Monaten muß die Bundesregierung die sogenannte OGAW-Richtlinie der Europäischen Union in deutsches Recht umzusetzen. Und mit der Umsetzung dieser Richtlinie in deutsches Recht könnte es sein, daß Hedgefonds und Hedgefonds-Strategien auch in Deutschland zugelassen werden. Die erste mögliche Konsequenz dieser Richtlinie könnte eine Zulassung von Hedgefonds auch in Deutschland sein; zudem könnte Dachfonds die Möglichkeit erschlossen werden, in andere Hedgefonds zu investieren. Dachfonds könnten möglicherweise bis zu 30 Prozent ihres Vermögens in Hedgefonds investieren, und anderen Fonds könnte sich die Möglichkeit erschließen, bis zu zehn Prozent des Vermögens in Hedgefonds-Zertifikate zu investieren.
Doch nicht nur das: Möglicherweise könnte die Bestimmung fallen, daß Fonds - also auch Publikumsfonds - einen Investitionsgrad von mehr als 100 Prozent wählen könnten. Welcher Investitionsgrad für Fonds dann letztlich zulässig sein wird, ist noch unklar - Beobachter meinen, daß sogar bis zu 200 Prozent möglich wären. Im Klartext: Ein Fonds könnte mit Hilfe von Derivaten das Doppelte seines eigentlichen Volumens investieren. Welche Regelungen nun en detail kommen, ist noch unklar, die Branche wartet auf den kommenden Donnerstag, wenn Hans Eichel in Frankfurt weilt und nähere Details verkünden wird. Dann wird vielleicht auch klarer, ob es in Deutschland bald Hedgefonds für alle gibt - auch für die Publikumsfondsanleger.
Risiko keine Frage der Instrumente, sondern der Strategie
Bedeutet das, daß nun aus den biederen Publikumsfonds "Kamikaze-Fonds" werden? Mitnichten. Zum einen werden wohl nach wie vor mindestens 51 Prozent des Portfolios in Wertpapieren gehalten werden - das schränkt die Verlustmöglichkeiten nach unten stärker ein als bei Hedgefonds, die in dieser Hinsicht keinerlei Beschränkungen unterliegen. Zudem verkennen viele Kritiker, daß Hedgefonds auch Möglichkeiten haben, nicht nur auf steigende Kurse zu wetten, sondern sich gegen fallende Kurse zu sichern. Risiko ist keine Frage der Instrumente, sondern der Strategie.
Auch aus Sicht des Anlegerschutzes finden sich positive Argumente: Haben Anleger bisher nur unregulierte, im Ausland aufgelegte Produkte erworben, so könnten sie dann in Zukunft auch auf Produkte zurückgreifen, die der deutschen Aufsicht unterliegen. Und genau darum geht es ja auch der Branche: Nicht die legendären, oft unbestätigten Erfolge weniger, spektakulärer Fonds sind das Ziel, sondern die soliden Ergebnisse vieler Investmentvehikel, die bei verringertem Risiko immer noch positive Renditen erwirtschaften.
Beratungsbedarf nimmt zu
"Hedgefonds sind allerdings nur für wenige Anleger geeignet, und das auch nur zur Beimischung", sagt Rüdiger Päsler, Geschäftsführer des Bundesverbands Investment und Asset Management (BVI), der Interessenvertretung der Fondsbranche. In der Tat: Der Beratungsaufwand dürfte steigen, nicht nur für die Vermögensverwalter, die ihren Kunden Hedgefonds verkaufen wollen, möglicherweise auch für die Berater, die Publikumsfonds im Brot- und Buttergeschäft verkaufen: Wer Produktwahrheit und Produktklarheit anstrebt, wird nicht umhinkommen, den Fondskäufern die schöne neue Hedgefonds-Welt, die dann auch in die Publikumsfonds Einzug hält, zu erläutern. Mithin sollte man aber nicht vergessen: Mit der Demokratisierung der Hedgefonds auch für den Normalanleger werden auch Risiken und Verantwortung an den Durchschnittsanleger durchgereicht. Hedgefonds für alle? Wohl eher nicht.
Text: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2003, Nr. 53 / Seite 21
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