Fondsmarkt

Auch quantitative Fonds werden von Menschen gesteuert

Von Hanno Beck

04. September 2007 Seien wir ehrlich: Menschen sind mental nicht gebaut für eine komplexe Welt, die der Terror des Zufalls regiert. Wer behält den Überblick bei all den Kursen und Kurven, Zinsen, Aktien, Devisen, die irgendwie miteinander und aufeinander reagieren? Die Komplexität der Finanzwelt, gepaart mit der limitierten Aufnahmefähigkeit des menschlichen Gehirns, ist das Hauptargument der Verfechter sogenannter quantitativer Strategien, die der Wildheit und Unberechenbarkeit der Märkte mit Statistik und Mathematik zu Leibe rücken. Komplexe Computermodelle sollen die fehlerhafte Intuition, die Unstetigkeit und Undiszipliniertheit des menschlichen Gehirns ablösen. Mathematische Präzision statt menschlicher Makel lautet die Devise dieser Strategie.

In der Vergangenheit hat das funktioniert: Laut dem Fondsanalysehaus Morningstar haben quantitative Fonds, die sich mathematischer Methoden bedienen, in den vergangenen drei Jahren im Durchschnitt eine Rendite von 17 bis 20 Prozent im Jahr erzielt. Zuletzt jedoch gab es Ärger im Zahlenparadies: Die Verwerfungen an den internationalen Kreditmärkten haben die modellgetriebenen Fonds stark gebeutelt - quantitativ getriebene Aktienfonds verloren innerhalb weniger Tage teilweise 10 Prozent zu ihrem Vergleichsindex.

Die Realität ist größer als 10 hoch -131

Kein Wunder, dass nun diskutiert wird, ob zahlengetriebene und computergestützte Modelle mit der Realität überfordert sind. Der Grund für die Verwerfungen ist der Zufall: Die Fonds wurden im Zuge der Krise um die amerikanischen Hypothekendarlehen und der daraus folgenden Marktturbulenzen von Ereignissen getroffen, die statistisch gesehen so wahrscheinlich sind wie sechs Richtige im Lotto - und zwar mehrere Wochen hintereinander.

Die Fondsmanager von Goldman Sachs, deren quantitative Fonds unter dieser Krise besonders litten, gaben kleinlaut zu, dass laut ihrer Modelle die Wahrscheinlichkeit für diese Ereignisse bei einer Prozentzahl lag, bei der vor dem Komma eine Null und nach dem Komma 130 Nullen vor der ersten Zahl stehen.

Das ist eben die Wildheit der Finanzmärkte und der Terror des Zufalls: Ereignisse, die statistisch gesehen unmöglich scheinen, ereignen sich öfter, als es kluge Modelle annehmen - weswegen sie ins Schlingern geraten, wenn solche Ereignisse eintreten.

Vertraue auf Allah, aber binde Dein Kamel an

Sind quantitative Fonds also überfordert? Nein, sagt Andreas Sauer von Union Panagora, wo man in den vergangenen Jahren mit quantitativen Modellen erfolgreich war: „Eine gute Anlagestrategie muss im Durchschnitt funktionieren - Sie können nicht Ihr ganzes Leben auf solche außergewöhnlichen Ereignisse ausrichten“, sagt Sauer.

Jeden Tag setzen wir uns großen Gefahren aus. Wer jedes Mal, wenn er ins Auto steigt, über alle möglichen Unfälle nachdenkt, wird nicht losfahren, und den Zug kann er auch nicht nehmen, weil Zugunglücke drohen. Und wer beim Gang zum Aktienmarkt über alle Eventualitäten nachdenkt, endet zum Schluss beim Sparbuch - aber nur, wenn er nicht das Risiko eines Bankenzusammenbruchs bedenkt. Keine Frage, eine Anlagestrategie kann nicht jedes Risiko berücksichtigen - aber was ist dann die Antwort auf die Wildheit der Märkte?

Es geht um Risikomanagement, sagt Sauer: „Wichtig ist, dass Ihre Anlagestrategie so gewählt ist, dass Sie auch seltene Extremfälle überstehen und durchhalten können.“ Man sollte eben nicht ständig über mögliche Autounfälle nachdenken, aber sich anschnallen und die Bremsen regelmäßig überprüfen, oder wie ein arabisches Sprichwort sagt: Vertraue auf Allah, aber binde Dein Kamel an.

Garbage in, garbage out

Das eigentliche Problem bei vielen Fonds, die zuletzt in schwere Gewässer gekommen sind, war also vielleicht weniger die Anlagestrategie als das Risikomanagement - ein grundsätzliches Problem für jeden Fonds, gleichgültig ob quantitativ geführt oder von Menschenhand.

Gibt es denn Alternativen zu quantitativen Fonds? Wer sich für ein solches Produkt entscheidet, muss sich fragen, wer unvorhersehbare Ereignisse besser bewältigen kann - ein mathematisches Modell oder ein erfahrener Fondsmanager mit Instinkt und Bauchgefühl. Für beides gibt es gute Argumente: Ein guter quantitativer Fonds schlägt einen schlechten Fondsmanager, und ein guter Fondsmanager schlägt einen schlecht programmierten Computer - denn letztlich ist dieser nur so gut wie der Mensch, der ihn programmiert. Wir werden mit dem menschlichen Makel an den Finanzmärkten also leben müssen.

Text: F.A.Z., 04.09.2007, Nr. 205 / Seite 21
Bildmaterial: Bloomberg, FAZ.NET

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