11. November 2009 Die amerikanische Bundesstaatsanwaltschaft hat einen an der Wall Street vielbeachteten Musterprozess in Zusammenhang mit der Finanzkrise verloren. Eine Jury des Bundesgerichts im New Yorker Stadtteil Brooklyn hat am Dienstag zwei ehemalige Hedge-Fonds-Manager der Investmentbank Bear Stearns in allen Anklagepunkten freigesprochen.
Die Staatsanwaltschaft hatte dem 53 Jahre alten Ralph Cioffi und dem fünf Jahre jüngeren Matthew Tannin in mehreren Punkten Betrug, Verschwörung und Insiderhandel vorgeworfen. Es war das erste und bisher einzige Strafrechtsverfahren gegen Bankmanager, das aus der Finanzkrise resultierte. Bei einer Verurteilung in allen Punkten hätte Cioffi und Tannin eine Höchststrafe von jeweils 20 Jahren Haft gedroht.
Verluste der 300 Investoren der Fonds: 1,6 Milliarden Dollar
Die Ankläger hatten argumentiert, dass die beiden Fondsmanager Investoren, zu denen reiche Privatanleger und Institutionen wie Pensionskassen oder Versicherer gehören, vorsätzlich über die prekäre Lage ihrer 2007 kollabierten Fonds getäuscht hatten. Die Verluste der 300 Investoren der Fonds summieren sich auf 1,6 Milliarden Dollar. Die Fonds hatten in mit zweitklassigen Hypotheken besicherte Wertpapiere investiert. Zahlungsausfälle bei diesen an bonitätsschwache Hausbesitzer vergebenen sogenannten Subprime-Hypotheken waren der Auslöser einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise gewesen. Der Zusammenbruch der beiden Hedge-Fonds von Bear Stearns gilt im Rückblick als eines der Startsignale für die Krise. Die Schieflage der Fonds stellte damals erstmals die Risikokontrollen der einst fünftgrößten Investmentbank an der Wall Street in Frage. Nicht mal ein Jahr später entzogen dann Kunden und Handelspartner Bear Stearns wegen eines drohenden Liquiditätsengpasses das Vertrauen. Das Traditionsinstitut konnte schließlich nur durch einen von der Notenbank Fed arrangierten Verkauf an die Großbank J.P. Morgan Chase vor der Insolvenz bewahrt werden.
Mitglieder der Jury sprachen nach dem Freispruch von dünnen und widersprüchlichen Beweisen der Staatsanwaltschaft. Es machte sich bei den Geschworenen offenbar der Eindruck fest, dass Cioffi und Tannin für Marktkräfte verantwortlich gemacht wurden, die sie nicht kontrollieren konnten. "Sie waren die Sündenböcke für die Wall Street", sagte Serphaine Stimpson, eine der Geschworenen. Einige Beobachter des Verfahrens zeigten sich vom Ergebnis dennoch verblüfft. "Angesichts der Ressourcen und der Aufmerksamkeit, die die Staatsanwaltschaft in den Fall investiert hat, ist das Resultat überraschend", sagte Larry Ellsworth, ein ehemaliger Anwalt der Börsenaufsicht SEC.
Austausch brisanter Mails bisher ohne juristische Folgen
Im Zentrum des Verfahrens stand eine brisante E-Mail, die Tannin Ende April 2007 an seinen Kollegen Cioffi geschrieben hatte. Darin äußerte Tannin die Befürchtung, dass der gesamte Markt für die Subprime-Hypothekenanleihen "erledigt" sei. Zudem regte er die Schließung der Fonds an. Nur vier Tage später sagten die beiden ihren Investoren während einer Telefonkonferenz, dass sie sich mit ihren Anlagen "ziemlich wohl fühlen" und dass es keinen Grund für die Annahme gebe, es handele sich um "ein großes Desaster". Die Verteidiger hatten den Anklägern vorgeworfen, die Aussagen der Angeklagten aus dem Zusammenhang gerissen zu haben. Denn in der fraglichen E-Mail habe Tannin auch geschrieben, dass sie statt Schließung der Fonds auch neue aggressive Wetten eingehen könnten. Die Geschworenen folgten schließlich den Argumenten der Verteidiger. Juror Aram Hong verglich die Rolle von Fondsmanager Cioffi mit der eines Schiffskapitäns, der trotz des drohenden Untergangs zusammen mit seinen Kollegen "rund um die Uhr hart arbeitete, um ein Sinken des Schiffs zu vermeiden".
Gegen Cioffi und Tannin liegt noch eine parallel zur Klage der Staatsanwaltschaft eingereichte zivilrechtliche Klage der SEC vor. Auch die Bank of America verklagte die Fondsmanager wegen ihrer Verluste mit den Fonds.
Text: nks., F.A.Z.
Bildmaterial: AP, REUTERS
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