22. Dezember 2008 Wer will sein Geld schon mit Lehman-Brothers-Zertifikaten verlieren? So denken viele Sparer und kaufen überhaupt keine Zertifikate mehr, seit bekanntgeworden ist: Nach der Pleite der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers bekommen deren Anleger bestenfalls einen Bruchteil ihres Geldes zurück.
Prompt haben sich die Banken etwas Neues ausgedacht: Zertifikate, die ihren Wert auch behalten sollen, wenn die Bank bankrott ist. Es gibt kein Emittentenrisiko, heißt das im Finanzjargon - und mit solchen Sprüchen werben die Deutsche Bank und die Commerzbank derzeit um die Gunst der Sparer, auch andere Banken tüfteln eifrig. Doch was bisher auf dem Markt ist, ist teuer: 0,7 Prozentpunkte kostet die Sicherung oft an Jahresrendite.
Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Zertifikatsinhaber trotz der Besicherung einen Totalverlust erleiden
Das Risiko allerdings ist trotzdem nicht ganz weg. Das merken Anleger aber erst, wenn sie die dicken, eng bedruckten und teils schwer verständlichen Verkaufsprospekte durchlesen. Dann allerdings wird schnell deutlich: Wenn die Bank pleitegeht, hat der Insolvenzverwalter großen Einfluss darauf, ob und wann die Anleger ihr Geld zurückbekommen. Auf den können sich die Anleger aber nicht verlassen, denn er muss auch möglichst viel Geld für die anderen Gläubiger der Bank herausholen. Die Commerzbank zum Beispiel warnt ganz ausdrücklich: Es kann nicht ausgeschlossen werden, dass Zertifikatsinhaber trotz der Besicherung einen Totalverlust erleiden.
Dabei soll die Besicherung genau das eigentlich verhindern. Dazu hinterlegt die Commerzbank für ihre Zertifikate einige Wertpapiere als Sicherheit bei einem Treuhänder. Falls die Bank insolvent wird, kann der Treuhänder die Wertpapiere verkaufen und die Anleger auszahlen - so soll das funktionieren. In der Praxis ist allerdings gar nicht sicher, dass der Treuhänder das auch tatsächlich machen darf. Denn der Insolvenzverwalter könnte darauf bestehen, dass er anstelle des Treuhänders die Wertpapiere verkauft und die Anleger auszahlt. Insolvenzverwalter machen das grundsätzlich, erzählt Paul Assies, Arbeitsgruppenleiter für Kapitalmarktrecht beim Deutschen Anwaltverein.
Sobald der Insolvenzverwalter aber darauf Anspruch erhebt, steigt das Risiko für die Anleger. Denn dann dauert alles länger. Und in dieser Zeit können die hinterlegten Wertpapiere schnell an Wert verlieren - schließlich ist eine wichtige Bank pleitegegangen, und das sorgt normalerweise für schlechte Stimmung und fallende Kurse.
Insolvenzverwalter können hinterlegte Sicherheiten wieder an sich nehmen
Noch schlimmer: Unter Umständen könnte es sogar passieren, dass der Insolvenzverwalter die Sicherheiten wieder an sich nimmt und damit die anderen Gläubiger der Bank bezahlt.
Den Anlegern der DWS geht es ähnlich. Der wichtigste Unterschied: Für sie ist es egal, ob die DWS insolvent wird - ihr Geld hängt allein von einem Geschäftspartner der DWS ab, und zwar der französischen Bank Société Générale. Wenn die pleitegeht, werden die Zertifikate gekündigt und die Anleger mit dem ausbezahlt, was von den Sicherheiten übrig ist.
Sprecher beider Banken finden das nicht schlimm. Sie argumentieren, es sei unwahrscheinlich, dass die Sicherungen versagen. Das allerdings dachten die meisten Anleger vor wenigen Wochen auch noch über eine Pleite der Investmentbank Lehman Brothers.
Und selbst wenn die Sicherungen nach Plan greifen, ist noch längst nicht klar, dass die Anleger ihr ganzes Geld zurückbekommen. Denn wenn eine Bank pleitegeht, bekommen Anleger nur das zurück, was das Zertifikat gerade wert war. Und das kann enttäuschend wenig sein. Zum Beispiel bei Garantiezertifikaten, für die Anleger am Ende der Laufzeit mindestens ihren Einsatz zurückbekommen sollen. Zwischendurch aber sinkt der Kurs dieser Papiere auch ganz ohne Bankenpleite oft weit unter den Ursprungspreis.
Text: F.A.S.
Bildmaterial: AP