11. Mai 2004 Der Markt für Rohöl scheint in eine Korrekturphase eingetreten zu sein. Sie ist nach Ansicht von Analysten aus technischer Sicht überfällig und könnte die Notierungen noch ein gutes Stück nach unten drücken.
Die zu der Korrektur passende Nachricht sei am Montag gekommen, als der saudiarabische Ölminister eine Anhebung der Fördermenge im Kreis der Organisation Erdöl exportierender Länder (Opec) um 1,5 Millionen Barrel (rund 159 Liter) vorgeschlagen habe, heißt es weithin. In New York fiel der Juni-Kontrakt für West Texas Intermediate (WTI) daraufhin gegenüber dem Freitagschluß um ein Dollar je Barrel. Am Dienstag setzte sich der Preisverfall abgemildert fort.
Besondere Verhältnisse am amerikanischen Benzinmarkt
Viele Händler und inzwischen auch eine wachsende Zahl von Analysten halten eine höhere Förderung der Opec für unerläßlich, um die Hausse am Ölmarkt in Schach zu halten. Die Äußerungen des saudischen Ölministers werden als Kehrtwende verstanden, mit der eine von Anfang an schwerverständliche Einschätzung des Marktes radikal korrigiert werde. Immerhin seien es die Saudis gewesen, die die am ersten April in Kraft getretene Senkung der Fördermenge um eine Million Barrel auf 23,5 Millionen am Tag entschieden propagiert hätten. Angesichts der seither eingetretenen Preissteigerungen und deren absehbarer Folgen für die Weltwirtschaft seien die Saudis nun wohl zu einer besseren Einsicht gelangt.
In diesem Zusammenhang erinnern Beobachter daran, daß der saudische Ölminister Mitte Februar erklärt hatte, die Opec ziele darauf ab, den im Frühjahr üblichen Wiederaufbau der Ölvorräte in den Verbraucherländern in Grenzen zu halten. Andere Stimmen aus dem Kartell haben bis vor kurzem immer wieder jede Verantwortung für die Preissteigerungen abgelehnt und behauptet, die Hausse beruhe auf den besonderen Verhältnissen am amerikanischen Benzinmarkt und auf den Risiken im Mittleren Osten.
Förderkapazität könnte bald an die Grenzen stoßen
Sollte das Kartell Anfang Juni wirklich eine um 1,5 Millionen Barrel höhere Förderung beschließen, würden damit nur fortlaufende Quotenüberziehungen in Höhe von mindestens zwei Millionen Barrel am Tag legalisiert, sagen Händler. Wäre es dann das Ziel der Opec, den Markt über die gegenwärtige tatsächliche Menge von 25,5 bis 26 Millionen Barrel hinaus mit 1,5 Millionen Barrel mehr zu versorgen, würde sich Fachleuten zufolge die Kapazitätsfrage stellen.
Die staatliche amerikanische Energy Information Administration hat die derzeit nicht genutzten Förderkapazitäten des Kartells gerade erst auf 2,6 Millionen Barrel geschätzt. Von dieser Menge, die aber nicht sofort voll mobilisierbar wäre, entfielen allein 2,2 Millionen Barrel auf die Saudis. Barclays Capital erklärt, bereits heute müsse bei allen Berechnungen der saisonal bedingt wesentlich höhere Bedarf im vierten Quartal berücksichtigt werden. Dann dürfte die Welt auf 29,6 Millionen Barrel täglich von der Opec angewiesen sein, eine Menge, die an die Kapazitätsgrenze stieße.
Text: gap., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.05.2004, Nr. 110 / Seite 26
Bildmaterial: Bloomberg
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