Hedge-Fonds

Die nächsten Opfer der Kreditkrise

Von Bettina Schulz, London

Kräftig verspekuliert: Goldman Sachs

Kräftig verspekuliert: Goldman Sachs

14. August 2007 Die Krise an den Finanzmärkten hat auf die Hedge-Fonds übergegriffen. Zahlreiche Fonds, die quantitative Computermodelle für die Berechnung von Kauf- und Verkaufssignalen für ihre Portfoliostrategie nutzen, mussten in den vergangenen zwei Wochen ausgesprochen hohe Verluste einstecken.

Die Investmentbank Goldman Sachs, die selbst auf eigene Rechnung stark in Hedge-Fonds engagiert ist, gab am Montag bekannt, dass der hauseigene Fonds Global Equity Opportunities Funds mit 1,4 Milliarden Dollar 28 Prozent seines Werts verloren hat. Jetzt sei der Fonds nur noch 3,6 Milliarden Dollar wert und nicht mehr 5 Milliarden Dollar wie noch im Juli.

Goldman Sachs und andere Investoren wie C.V. Starr & Co, Perry Capital und Eli Broad kündigten an, 3 Milliarden Dollar in den Fonds Global Equity Opportunities fließen zu lassen. Das neue Kapital ermögliche es dem Fonds, Handelsmöglichkeiten am Markt weiter auszunutzen. Angesichts der heftigen Verluste ihrer Hedge-Fonds beklagte Goldman Sachs, dass diese nicht gerechtfertigt seien: „Wir glauben, dass die derzeitige Bewertung der Fonds nicht annähernd dem fundamental gerechtfertigten Wert entspricht.“

Verluste könnten auch die Aktionäre treffen

Die amerikanische Investmentbank musste zudem einräumen, dass der Hedge-Fonds Global Alpha (Multi-Strategy) und der North American Equity Opportunities Funds (NAEO) „enttäuschende“ Ergebnisse vorwiesen. Die Aktien von Goldman Sachs sind an der New Yorker Börse gelistet, so dass die Verluste der Bank bei Hedge-Fonds potentiell auch die Aktionäre von Goldman Sachs treffen.

Auch andere quantitative Hedge-Fonds erlitten Verluste wie AQR Capital Management LLC, Highbridge Capital Management LLC und Tykhe Capital LLC. In London hieß es, auch Barclays Global Investors 32 Capital Fund Ltd sei unter Druck geraten, wenn sich die Führung von Barclays Global Investors am Montag auch nicht direkt zu der Situation des Fonds äußern wollte. Die Banken sind nicht verpflichtet, über Gewinne oder Verluste ihrer hauseigenen Fonds öffentlich Rechenschaft abzulegen.

Entwicklung ist Computermodellen davon gelaufen

Quantitative Hedge-Fonds versuchen, mit hauseigenen Computermodellen zahlreiche Facetten der Finanzmärkte mit Hilfe eines mathematischen Modells abzubilden. Dabei bedienen sich die Modelle vergangener Daten und Zusammenhänge von Informationen, Preisentwicklungen und Marktkorrelationen. Bei extremen Abweichungen vom Mittel bestimmter Preise geben diese Programme automatisch Kauf- oder Verkaufsempfehlungen, die dann für das Portfoliomanagement ausgenutzt werden können.

Zwei Entwicklungen haben jedoch die Funktion der Modelle in den vergangenen Wochen gestört: Zum einen sind es ungewöhnliche Marktentwicklungen wie der derzeitige extreme Liquiditätsmangel an den Kreditmärkten. Zum andern können diese Modelle die rasanten Preisveränderungen an den Märkten nur unvollständig darstellen und einberechnen. Sozusagen ist die Entwicklung an den Finanzmärkten den Computermodellen davon gelaufen. Allein deshalb senden die Computermodelle mitunter in Extremsituationen wie den aktuellen falsche Handelssignale.

Irrationale Reaktion der Modelle

Dies wird noch verstärkt, wenn Hedge-Fonds über riskante - und derzeit am Kreditmarkt illiquide - Anlagepositionen verfügen und für diese plötzlich höhere Sicherheitszahlungen oder Margen leisten müssen. „Bei dem Versuch, die Risiken ihrer Portfolios zu reduzieren und Verluste bei ihren Kreditportfolios zu vermeiden, verkaufen die Hedge-Fonds andere, liquide Anlagepositionen - zum Beispiel amerikanische Aktien“, sagt Matthew Rothman von der Investmentbank Lehman Brothers.

So gab Goldman Sachs am Montag bekannt, die Bank habe auf die Verluste ihrer Hedge-Fonds damit reagiert, das Risiko und die Verschuldung dieser Fonds zu reduzieren. Da jedoch nicht nur Goldman Sachs, sondern auch andere Hedge-Fonds derzeit liquide Positionen auflösen, führt dies zu einer weiteren Verzerrung des Marktes und damit irrationalen Reaktion der quantitativen Computermodelle: Aktien mit Verkaufssignal steigen, und Aktien mit Kaufsignal sinken.

„Aussetzer wie beim Platzen der Technologieblase“

„Es ist nicht nur, dass diese Modelle derzeit nicht funktionieren, sondern die Modelle (und auch unseres) verhalten sich genau in entgegengesetzte Richtung“, warnt die Führung von Lehman Brothers. Nicht etwa die Portfolio-Manager machten derzeit Fehler, sondern die quantitativen Modelle liefen derzeit aus dem Ruder.

„So extreme Aussetzer der Modelle haben wir nur beim Platzen der Technologieblase und bei einigen wenigen Fällen in den sechziger Jahren beobachten können“, sagt Rothman, der Investoren und Portfoliomanager aufrief, mit Ruhe und Verstand auf diese extreme Situation an den Finanzmärkten zu reagieren.

Text: F.A.Z., 14.08.2007, Nr. 187 / Seite 21
Bildmaterial: picture-alliance/ dpa

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