Erklär mir die Welt (44)

Warum machen Anleger immer alles falsch?

Von Catherine Hoffmann

17. April 2007 An den Börsen geht es wieder bergauf. Die erste ernsthafte Korrektur in diesem Jahr ist überstanden, der Dax hat längst die Marke von 7000 Punkten überschritten. Und wir haben wieder einmal den Einstieg verpasst. Dabei hatten wir uns doch geschworen, dass es diesmal besser läuft.

„Die Mehrheit der Marktteilnehmer verdient zwangsläufig nicht das große Geld“, sagt Joachim Goldberg, Experte für Kapitalmarktanalyse. „Vielmehr ist sie es, die die großen Gewinne Einzelner finanziert.“ Goldberg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit „Behavioral Finance“, einer verhaltenswissenschaftlich orientierten Forschungsrichtung für Finanzmärkte. Die Wissenschaftler nutzen Erkenntnisse der Psychologie, um zu untersuchen, warum Anleger immer wieder die gleichen Fehler machen - und wie sich diese vermeiden lassen.

„Muster der Unvernunft“

Erstes Ergebnis: Börsianer sind nicht rational. Die Kapitalmarktforscher haben herausgefunden, dass die Psyche den Anlegern oft böse Streiche spielt. Der gemeine Privatanleger ist vom Idealtyp des Homo oeconomicus, der streng rational denkt, so weit entfernt wie der Affe vom Menschen. Dabei hatten sich die Ökonomen das so schön ausgedacht: Alle Entscheidungen der Wirtschaftsakteure zielen allein darauf ab, ihren persönlichen Nutzen zu maximieren. Sie werden nur auf Basis vernünftiger Überlegungen und unter Berücksichtigung aller verfügbaren Informationen getroffen. Doch mehr und mehr akademische Studien zeigen, dass sich die Menschen irrational verhalten und - schlimmer noch - immer wieder die gleichen Fehler machen.

Peter L. Bernstein erzählt in seinem Buch „Against The Gods“ („Wider die Götter“), wie sich „Muster der Unvernunft, Inkonsequenz und Inkompetenz wiederholen, wenn Menschen Entscheidungen bei Ungewissheit treffen“. Und nichts anderes ist ja der Aktienkauf und überhaupt die Geldanlage: eine Entscheidung über den Erwerb oder Verkauf eines Wertpapiers bei Ungewissheit über die künftige Kursentwicklung.

Menschen bewerten Verluste schwerer als Gewinne

Dank der Behavioral Finance verstehen wir heute besser, wie Gefühle Anleger beeinflussen. Viele Forscher glauben sogar, dass die Behavioral Finance ein düsteres Licht auf die These von der Effizienz der Finanzmärkte wirft und dass sie gut erklären kann, warum immer wieder spekulative Blasen entstehen, die dann platzen - wie zum Beispiel Ende der 90er Jahre am Neuen Markt. Vor allem aber weiß die Behavioral Finance, warum der durchschnittliche Anleger ein glückloses Wesen ist.

Die schlimmste Psychofalle ist, dass Menschen Verluste offensichtlich schwerer bewerten als Gewinne in gleicher Höhe. Ein Verlust von 1000 Euro schmerzt ungefähr zweieinhalbmal so sehr, wie ein Gewinn von 1000 Euro glücklich stimmt. Das führt dazu, dass Anleger Verluste bis zum bitteren Ende aussitzen, weil sie sie nicht realisieren wollen, und Gewinner-Aktien viel zu früh verkaufen. Der Psychologe und Nobelpreisträger Daniel Kahneman hat herausgefunden, dass der Mensch weniger riskieren will, wenn er sich auf der Gewinnerseite befindet. Hofft er dagegen, einen Verlust wettzumachen, geht er eher Risiken ein. Das ist genau die falsche Strategie.

Der Mensch neigt zur Selbstüberschätzung

Die Psychologen haben auch eine Erklärung dafür, dass es uns so schwerfällt, unsere T-Aktien nach 20 Prozent Verlust zu verkaufen. „Die meisten Menschen können sich nicht vorstellen, wie leidensfähig sie sind“, sagt Goldberg. „Sie passen lieber ihre Wahrnehmung ihrer Entscheidung an als umgekehrt - bis hin zu vollständiger Ignoranz.“ Unter dem Schock eines Verlustes blenden Anleger widersprüchliche Informationen aus, färben andere schön, glauben bereitwillig Analysten und Journalisten, die sie ermutigen durchzuhalten. Leon Festinger beschrieb das Phänomen der kognitiven Dissonanz bereits in den 50er Jahren.

Wird schon schiefgehen

Wird schon schiefgehen

Es ist nicht die einzige Dummheit, die Anleger begehen. Ähnlich fatal auf die Rendite wirkt sich eine andere Schwäche aus: Der Mensch neigt zur Selbstüberschätzung. Das gilt für Autofahrer genauso wie für Investoren. Der allzu selbstsichere Anleger meint, dass er den Markt schlagen kann. Wenn er an der Börse erfolgreich ist, liegt das an seiner brillanten Strategie. Gehen seine Wetten am Finanzmarkt ein paarmal hintereinander auf, denkt er: Das kann doch kein Zufall sein. Erfolge rechnen wir gern unseren eigenen Fähigkeiten zu. Wenn es mit der Wette nicht klappt, sind meist äußere Faktoren schuld. Deshalb lernen wir auch nicht aus unseren Fehlern - wir sehen sie gar nicht als solche.

Privatanleger kaufen und verkaufen viel zu häufig

Und deshalb glauben Anleger auch, dass sie in der Lage sind, Aktien zu entdecken, die sich in Zukunft überdurchschnittlich entwickeln. Das Problem dabei: Der Aktienmarkt ist fast so unberechenbar wie das Roulettespiel, Aktienkurse und Renditen sind zufällig. Das akzeptieren begnadete Privatanleger - und welcher Normalsterbliche zählt sich nicht dazu? - nur ungern. Weil die Kursverläufe von Aktien häufig schwieriger zu prognostizieren sind, als viele glauben, schneidet der durchschnittliche Investor schlechter ab als ein Aktienindex. Eine Renditebremse sind dabei auch die hohen Gebühren, die Kleinanleger für Transaktionen und Depotführung zahlen.

Hinzu kommt: Die Privatanleger kaufen und verkaufen Aktien viel zu häufig. Terrance Odean hat bei der Analyse von Zehntausenden von Aktiendepots festgestellt, dass die Rendite umso niedriger ausfällt, je aktiver ein Investor handelt - auch weil bei jedem Kauf und Verkauf Gebühren anfallen. Ein typischer Anleger schichtet in einem Jahr 70 Prozent seines Portfolios um, viel zu viel.

Wer nur auf seinen Bauch hört, wird bestraft

Die meisten Anleger haben zu wenige verschiedene Aktien im Depot. Das ist riskant. Privatanleger konzentrieren sich nur auf wenige Unternehmen, favorisieren zwei oder drei Lieblings-Branchen, setzen patriotisch nur auf Deutschland oder lassen Nebenwerte links liegen. Wer sein Risiko nicht streut, wird anfällig für Krisen. Durch gute Diversifikation, also eine ausgewogene Mischung der Titel, lässt sich das Risiko eines Portfolios deutlich senken, bei gleicher erwarteter Rendite.

Die wenig erfreuliche, aber objektive Erkenntnis vieler Studien heißt: Wer bei der Geldanlage nur auf seinen Bauch hört, wird bestraft. Privatanleger können den Markt nicht schlagen. Otto-Normal-Anleger verdient im Jahr zwischen 1,1 und 8,5 Prozentpunkten weniger als der Markt.

Die vielen Bankberater wird es kaum stören, dass die Anleger nicht so schlau sind. Sie finden immer noch einen Dummen, der ihnen überteuerte Finanzprodukte abkauft, die Schutz vor Verlusten versprechen. Und die professionellen Händler in den Großbanken wird es freuen, dass es stets Unbedarfte gibt, die ihnen Aktien zum Höchstkurs abnehmen.

„Investieren Sie Ihr Geld in Indexfonds!“

Dass wir finanzielle Analphabeten sind, liegt nicht nur an den Streichen, die uns eine übermächtige Psyche spielt. Wir sind auch einfach faul. Eine Studie der Commerzbank passt ins Bild: Während die Deutschen in den Kauf eines Autos im Durchschnitt 37 Stunden Überlegungen investieren, wenden sie für die Planung des Vermögensaufbaus gerade einmal 20 Stunden auf. Die Entscheidung für die falsche Geldanlage kann am Ende aber viel teurer kommen als das Auto. Denn zwischen einer Rendite von fünf und sieben Prozent liegen genau 329.032 Euro, wenn man 100.000 Euro für 30 Jahre anlegt.

Ein bisschen mehr Verstand bei der Geldanlage kann also nicht schaden. Vertreter der Behavioral Finance raten Privatanlegern: „Investieren Sie Ihr Geld in Indexfonds!“ Das minimiert die Transaktionskosten und erlaubt, das Geld breit auf viele Anlagen zu streuen. Und wer auf den Kitzel des Aktienhandels nicht ganz verzichten will, der nimmt eben fünf Prozent seines Portfolios als Spielgeld.

Text: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 15.04.2007, Nr. 15 / Seite 52
Bildmaterial: F.A.Z., F.A.Z.-Dieter Rüchel

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