Aktien-Strategie

Kommt es zu einer Sommerrally?

30. Juni 2008 Nach mehreren Tagen mit zum Teil deutlichen Kursverlusten können verschiedene europäische und amerikanische Börsen am Montag zum Teil deutliche Kursgewinne verbuchen.

Sie lassen sich dreifach erklären. Erstens sind am letzten Tag der ersten Hälfte des laufenden Jahres viele Fonds versucht, ihre Renditebilanz zumindest optisch zu schönen, indem sie die Kurse an den Börsen mit dem gezielten Kauf von schwer gewichteten Werten nach oben treiben.

Mehrere Gründe können zu einer Erholung der Börsen führen ...

Das mag zwar die Perfomance optisch schöner aussehen lassen. Allerdings steigern solche zweifelhaften Operationen die Handelskosten der Fondsgesellschaften, die bisher kaum jemand ausweist. Dabei können sie gerade in turbulenten Zeiten Werte bis zu einem Prozent des verwalteten Vermögens ausmachen. Das heißt, sinnlose Aktivitäten dieser Art kosten den Anleger letztlich bares Geld. Er kann sie umgehen, indem er Fonds mit hohen Gebühren rigoros meidet und indem er zum Beispiel auf günstige, transparente und einfach handelbare Indexfonds setzt.

Der zweite Grund für eine denkbare Erholung liegt in der Tatsache, dass die Börsen zumindest aus technischer Sicht kurzfristig überverkauft sind. Kontraindikatoren wie etwa das Verhältnis zwischen Kauf- und Verlaufsoptionen deuten stark darauf hin. Gehen Händler oder kurzfristig orientierte Anleger in einer solchen Situation dazu über, Aktien zu kaufen, so kann rasch eine ausgeprägte Eigendynamik nach oben entstehen. Denn je höher die Kurse steigen, desto dringender werden jene Anleger zum Kauf gezwungen, die sich auf fallende Kurse eingestellt und entsprechend positioniert hatten. Sie müssen ihre Verlustrisiken begrenzen.

Der dritte Grund liegt in einer übergeordneten Betrachtung: Viele Anleger haben in den vergangenen Monaten gutes Geld mit der Wette auf Energie- und Rohstoffe gemacht. Allerdings sind die Preise dieser Produkte angesichts der abnehmenden konjunkturellen Dynamik weltweit ziemlich weit gelaufen. Zusammen genommen dürften hohen Preise und die schwächelnde Wirtschaft dazu führen, dass die Nachfrage nachlässt. Sobald das absehbar wird, dürfte es zu Gewinnmitnahmen im Energie- und Rohstoffsektor kommen.

Dann stellt sich die Frage, was diese Anlege mit ihren Geldern in diesem Moment machen werden. Möglicherweise schichten sie es einfach in Aktien um. Die „logischen Schlagzeilen“, zu welchen das führen kann, sind jetzt schon absehbar: Die Börsen stiegen, weil Öl- und Rohstoffe günstiger würden und weil deswegen die inflationäre Dynamik weltweit nachlassen werde. Solche Argumentationsketten sind gang und gäbe und können, unabhängig von der fundamentalen Lage, eine Zwischenrally auslösen.

... stellt sich nur die Frage, wie weit sie wird tragen können!

Die Anleger sollten sich allerdings die Frage stellen, wie weit sie würde tragen können. Denn die fundamentale Lage sieht alles andere als positiv aus. Die Vereinigten Staaten befinden sich mit großer Wahrscheinlichkeit in einer Rezession, die angesichts der Krise am Immobilienmarkt und im Kreditbereich tiefer sein und länger dauern könnte, als viele sich das vorstellen können. Da die Vereinigten Staaten bisher auf der Nachfrageseite eine starke Rolle in der Weltwirtschaft gespielt haben, dürften sich die Bremsspuren weltweit bemerkbar machen.

Selbst in Europa sind solche inzwischen erkennbar, zumal auch hier manche Regionen wie Großbritannien, Irland, Spanien, Italien und andere sich selbst in einer ausgeprägten Korrekturphase befinden. Längst haben die verschiedenen Stimmungsindikatoren nach unten gedreht. Nicht nur die Konsumenten haben aufgrund der schwindenden Kaufkraft schlechte Laune, sondern inzwischen ist sie auch auf die Unternehmen übergesprungen, die sich noch vor wenigen Monaten mehrheitlich beinahe schon unnatürlich optimistisch geäußert hatten.

Die Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungssektor sind im Juni auf Werte von weniger als 50 Punkte abgerutscht, womit eine Kontraktion der Geschäftstätigkeit angezeigt wird. Die Firmen beklagen, es sei zuletzt immer schwieriger geworden, neue Aufträge zu bekommen. Die deutschen Unternehmen verzeichnen schon fünf Monate in Folge weniger Bestellungen.

In diesem Sinne dürfte es ratsam sein, die Aktienmärkte zumindest im Durchschnitt weiterhin skeptisch zu betrachten, auch wenn die Papiere optisch noch so günstig aussehen mögen. Denn angesichts des trüben makroökonomischen Szenario sind die erwarteten Gewinnmargen mit großer Wahrscheinlichkeit noch zu hoch. Fallen jedoch die Gewinne geringer aus, als bisher prognostiziert, so wird die Bewertung über diese Schiene weniger attraktiv, selbst wenn sich die Kurse nicht bewegen.

Das gilt nicht nur für die europäischen Unternehmen, sondern noch deutlicher für die amerikanischen. Denn diese sind bisher im Durchschnitt nicht nur teurer geblieben, sondern dort sind auch die Gewinnerwartungen noch höher. Dabei dürften weder die Finanz- noch die Industrieunternehmen bald wieder an die Gewinnentwicklung der vergangenen Jahre anknüpfen können.

Insgesamt kann es reizvoll sein, auf eine Sommerrally zu wetten. Allerdings sollte man nicht zuviel von ihr erwarten und sich darauf einstellen, Gewinne rechtzeitig zu sichern. Denn die Kursverluste der vergangenen Monate verliefen zu ordentlich, als dass eine endgültige Trendwende wäre. Dafür wäre eine panikartige Stimmung nötig. Dafür ist der VDax New mit knapp 24 Prozent jedoch noch zu tief, auch wenn er in den vergangenen Wochen nach oben gelaufen sein mag. Denn bei richtiger Panik erreichte er in den vergangenen Jahren Spitzenwerte von bis zu 63 Prozent.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.



Text: @cri
Bildmaterial: FAZ.NET, M.M.WARBURG INVESTMENT RESEARCH

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